Erfindungen

Das erste nahtlose Kondom kommt aus Berlin

Die Currywurst ist nicht die einzige Innovation aus der Hauptstadt. Auch Kondom, Pappteller und Faxgerät entstanden hier.

Foto: dpa-Zentralbild

Mehr als 46.000 Erfindungen meldeten die Deutschen vergangenes Jahr beim Patent- und Markenamt an. 1159 davon stammen aus Berlin und Brandenburg. Das Buch „Genial – Erfindungen aus Berlin und Brandenburg“ fasst von A wie „Augenspiegel“ bis Z wie „Zucker aus Rüben“ die Entdeckungen aus der Region seit dem 18. Jahrhundert zusammen. Eine Spurensuche.

Der Pappteller

Da Papier Mitte des 19. Jahrhunderts ein teures Gut war, versuchte man es so häufig wie möglich wieder zu verwenden. Händler wickelten alles – egal ob Fisch, Fleisch oder Früchte – in Buchseiten, Briefe und Zeitungspapier. Das beleidigte nicht nur die schreibende Zunft – Heinrich Heine klagte: „Ach! Mein Buch der Lieder wird der Krautkrämer zu Tüten verwenden, um Kaffee oder Schnupftabak darin zu schütten.“ – sondern verpasste den Lebensmitteln auch eine unappetitliche Druckerschwärze-Panade. Als die Medizin aufdeckte, dass der Verzehr von Druckerschwärze zudem nicht besonders gesundheitsfördernd ist, kam einem Buchbinder schließlich eine Idee. Der Luckenwalder Hermann Henschel experimentierte in seiner Werkstatt so lange mit Kartonmaterialien herum, bis es ihm 1867 schließlich gelang, den weltersten Pappteller zu pressen. Schneeweiß, mit gewellten Kanten – ganz so, wie wir ihn noch heute als Würstchenuntersatz kennen. Der 23-Jährige gründete schließlich eine Papierwarenfabrik, und sein Pappteller ging in Serie. Ein voller Erfolg. Henschels Firma besteht als Luckenwalder Tüten- und Papptellerfabrik GmbH noch bis heute.

Das nahtlose Kondom

Tierdärme, Fischblasen, Leinenhüllen, Ölpapier – die Liste der früher als Kondom verwendeten Materialien ist lang. Kein Wunder, schließlich gab es die „Lümmeltüten“ schon bei den alten Ägyptern. Ihr heutiger Name geht, so vermutet man wenigstens, auf den Hofarzt des englischen Königs Karl II. zurück. Oberst Dr. Condom soll seinem hoheitlichen Patienten Hammeldärme als Empfängnisschutz verordnet haben. Appetitlich wurde das Kondom erst durch Charles Goodyear. Der Chemiker erfand 1839 auch das Gummi-Kondom. Es war zwei Millimeter dick und trug eine dicke Längsnaht, die nicht nur den jüdischen Berliner Julius Fromm störte. 1914 betrieb Fromm in einem Hinterhof in Prenzlauer Berg ein Werkstattgeschäft für Parfümerie- und Gummiwaren. Dort gelang es ihm mit einem in Gummilösung getauchten Glaskolben, das erste nahtlose Kondom herzustellen. Im Jahr 1916 ging es unter dem Namen „Fromms Act“ auf den Markt. Bis heute werden Kondome unter dem Markenamen „Fromm“ produziert.

Ohropax

Holz, Metall oder Hartgummi – die Berliner steckten sich zu Beginn des Maschinenzeitalters so einiges in die Ohren, um sich vor dem neuen Industrielärm zu schützen. Die harten Gegenstände im Gehörgang waren dabei aber nur minimal angenehmer als die Geräuschbelästigung. Maximilian Negwer aus Schlesien betrieb Anfang des 20. Jahrhunderts eine Fabrik in Berlin. Ob Puder, Parfüms oder Frost- und Schnupfencremes – die Produktpalette seiner kosmetisch-pharmazeutischen Spezialitätenfabrik erschien ihm nie vollständig. Inspiriert von Homers Odysseus, der die Ohren seiner Männer mit Wachs verstopfen ließ, um sie vor dem verlockenden Sirenengesang zu schützen, kam er schließlich auf die Idee, einen neuen, angenehmeren Lärmstopp zu entwickeln. Aus einer Mischung aus Wachs, Vaseline und Baumwollwatte presste er kleine Lärmstopp-Kügelchen, die bequem zu tragen waren und sich ohne Rückstände wieder entfernen ließen. Negwer nannte sie Ohropax. Eine Wortschöpfung aus „Ohr“ und dem lateinischen Wort „Pax“ für Frieden. Ironischerweise machte der „Ohrenfrieden“ aber erst durch den Krieg richtig Karriere. Von 1914 bis 1918 wurde er an der deutschen Front verteilt, um den Soldaten im Kugelgewitter das Gehör zu schützen.

Das Fax-Gerät

Als der Eggmühler Diplomingenieur Rudolf Hell Ende der 20er-Jahre das Auto seiner Mutter erbt, verkauft er es sofort. Den Erlös nutzt er als Startkapital, um in Babelsberg ein Elektrotechnik-Unternehmen zu gründen. Hell war seit seiner Kindheit von den Kommunikationsmitteln der Moderne begeistert. Er wollte nur eins: Den Fortschritt weiter vorantreiben. Babelsberg schien Hell als idealer Standort, da im benachbarten Berlin die meisten Behörden, Forschungsgremien und Unternehmen der Branche angesiedelt waren. Und schon kurz nach Umzug und Firmengründung stellte der Ingenieur schließlich seinen Hell-Schreiber vor: ein Fax-Gerät. Zugegeben, die Idee eines schreibenden Telegrafen war nicht neu, aber erst der Hell-Schreiber war so robust, schnell und verlässlich, dass er rundum alltagstauglich war. Denn wenn Sender und Empfänger nicht synchron liefen, wurde die Nachricht zwar schief, aber trotzdem lesbar übermittelt. 1931 gingen die Hell-Schreiber bei Siemens in Massenproduktion. Seine Ideen kamen dem 2002 gestorbenen Hell nach eigener Aussage übrigens beim Rasieren. Ein Trick, der offenbar recht häufig funktionierte. Hell meldete zeit seines Lebens insgesamt 131 Patente an.

Die Spalttablette

„Sagen Se mal Meester, könn' Se en Loch in ne Tablette machen oder ne Kerbe oder sonst wat, det man im Dunkeln fühlen kann, wat es is?“, das soll Kaufmann Leo Maximilian Baginski im Jahr 1932 zu seinem Pharmazeuten gesagt haben und kurz darauf soll sie geboren worden sein: die Spalttablette. Ihre chemische Zusammensetzung war die einer Kopfschmerztablette. Diese Tablette war aber 1932 bereits erfunden und somit nicht patentwürdig. Aber das Erscheinungsbild der Berliner Tablette, das war völlig neu und ließ sich somit als Wort-Bild-Warenzeichen patentieren. Ab dem 21. Juni des gleichen Jahres war sie in allen Berliner Apotheken erhältlich und kurz darauf vergriffen. Zehn Jahre später wurde sie mit einem 1,37 Millionen Reichsmark großen Werbeetat beworben: Die unter Migräne leidende Hausfrau, der verkaterte Gatte, der Kriegsversehrte – kaum eine Zielgruppe wurde ausgelassen.

Der Schirm

Schirme schützen vor Bankrott, vor Sonne und vor allem vor Regen. Es gibt sie seit Tausenden von Jahren, aber erst Ende des 17. Jahrhunderts entdeckte die adelige Damenwelt das ehemalige Hoheitssymbol als Sonnenschutz. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wird das mobile Faltdach schließlich auch als Regenunterschlupf genutzt. Doch das mit Leinwand oder Baumwolle bespannte Holz- oder Messinggestell war nichts für schmale Ärmchen. Ein Schirm wog damals um die fünf Kilogramm. Der Engländer Samuel Fox entwarf Mitte des 19. Jahrhunderts ein Stahlgestell, das in einem Bambusfutteral verschwinden und somit bei Sonnenschein zum Spazierstock werden konnte. Richtig handlich wurde der Regenschutz aber erst in Berlin. Der Bergassessor Hans Haupt ärgerte sich aufgrund seiner Kriegsverletzung so sehr über die Sperrigkeit des Langschirms, dass er sich bereits 1914 das Patent für einen Schirm, den man teleskopartig ineinanderschieben kann, schützen ließ. Der Ur-Knirps! Der„kleinste Schirm der Welt“ wird heute in mehr als 120 Ländern verkauft.

Die Pinnnadel

Johann Kirsten war Uhrmacher und lebte um 1900. Viel mehr kann man heute nicht mit Sicherheit über ihn sagen. Aber er muss wohl ein Genie mit Tausenden von kleinen, nützlichen Einfällen gewesen sein. Und vermutlich lagen all diese Einfälle notiert auf kleinen Papierschnipseln in seinem Erfinderbüro herum. So lange, bis ihn die Ordnungswut packte. Er brauchte Überblick! So muss ihm die Idee zur Pinnnadel gekommen sein. Ein kleiner, spitzer Stift mit einer Schutzkappe, die ein verletzungsfreies Anfassen garantierte. Johann Kirsten verkaufte die ersten Heftzwecken in kleinen Tütchen. Der richtige Geschäftssinn fehlte ihm aber. Er ließ sich die Rechte an der Pinnnadel für eine schmale Hand von dem Kaufmann Otto Lindstedt abkaufen. Dieser ließ sich die Heftzwecke 1904 patentieren und gab sie in Produktion.

Das Teelicht

Heute wärmt es unsere Teekannen, sorgt für beschauliches Licht in der Weihnachtszeit und verströmt ganzjährige Düfte von Apfel bis Zimt: das Teelicht. Seinen Ursprung hat es vermutlich in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges. Eine flache Schale von fünf bis acht Zentimeter Durchmesser aus wasserabweisender Pappe, gefüllt mit fettigen Schlachtabfällen und einem Docht fungierte hier als Notlicht. Benannt wurde das Teelicht zunächst nach der Obersten Heeresleitung: Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Und gestunken hat es. Als man nach dem Krieg die Schälchen als Lichtquelle in der Stube aufstellen wollte, gab man in Berlin deswegen Paraffine und Stearine hinzu. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte man die neu entdeckten wärmenden Qualitäten des Lichtes nicht mehr nur für die Hände, sondern für den Nachmittagstee. Das Licht hatte seinen Weg ins Stövchen gefunden und war zum Teelicht geworden.

Die Litfaßsäule

Am 1. Juli 1855 kehrte die Ordnung in Berlin ein. Über Nacht verschwanden alle wild plakatierten Bekanntmachungen und Werbezettel von Häusern, Bäumen und Zäunen. Die Berliner trauten ihren Augen nicht: Akkurat aufgereiht klebten die Informationen an diesem Morgen an 100 neuen Säulen und 50 Pumpenumhüllungen. Der Verleger und Druckereibesitzer Ernst Litfaß liebte die preußische Ordnung und überzeugte den Polizeipräsidenten Karl Ludwig Friedrich von seinen runden Errichtungen. Sie sollten der unkontrollierten „Anschlagwut“ Herr werden. Der Verleger wurde kurzerhand zum „Säulenheiligen“ ernannt. Heute gibt es über 50.000 Litfaßsäulen in Deutschland.

Petra Kabus/Constanze Schröder: „Genial – Erfindungen aus Berlin und Brandenburg“. Culturcon Medien, 12,80 Euro.

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