Stilkundler

Die Macht der Celebrity-Stylisten

US-Sängerin Lady Gaga hat einen, halb Hollywood auch: einen Stylisten. Denn sie wissen, was Stars wollen – auffallen.

Der Mann, der den Zeitgeist dieser Tage mitgestaltet, ist bevorzugt zeitlos gekleidet. Fast etwas langweilig. Schlichtes T-Shirt zu Jeans und schweren Boots. Ein Outfit, das seine wichtigste Klientin nicht einmal in den wenigen unbeobachteten Momenten tragen würde.

Nicola Formichetti ist Stylist – und der engste Berater von Lady Gaga. Er schafft mit an diesem Gesamtkunstwerk und verwandelt sie, von Auftritt zu Auftritt. Als Bestandteil ihres Kreativteams „Haus of Gaga“ hat er Stefani Germanotta zu einer Marke, einer Instanz werden lassen. Ihre Musik ist Mainstream, ihr Stil avantgardistisch. Und ihre schrille Einzigartigkeit der Erfolgsgarant.

Die Zusammenarbeit sei eine Begegnung zwischen Künstlern, beschreibt es der 32-Jährige. Es mache einfach „viel Spaß“. Der Sohn einer japanischen Mutter und eines italienischen Vaters begann seine Karriere als Stylist vor rund zehn Jahren. In London jobbte er als Verkäufer in einem Laden für junge Designermode, als er von zwei Redakteurinnen des Magazins Dazed & Confused entdeckt wurde. Seitdem arbeitet Nicola Formichetti dort als Kreativdirektor, zudem ist er als Modechef für die japanische Vogue Hommes und das V Magazine tätig. Anfang 2009 traf er bei einer Fotoproduktion erstmals auf Lady Gaga. „Ihr haben die Outfits gefallen, die ich mitgebracht habe. So fing alles an.“ Den einen Look gibt es bei der Sängerin nicht. Deshalb mixt Formichetti bei seiner Auswahl High Fashion mit Kollektionsteilen von jungen Nachwuchsdesignern. Er versteht, was Lady Gaga will. Auffallen.

Es ist das undefinierbare Gespür für den „Nerv der Zeit“, das Stylisten zu den wahren Choreografen der Mode werden lässt. Sie agieren meist im Hintergrund, planen dabei Kampagnen für stilprägende Magazine und sind einflussreicher als viele Designer. Sie definieren das, was wir schön finden. Setzen mit einer Frisur, einer Fotostrecke neue Trends. „Je bekannter die Namen, desto geringer der Einfluss eines Fotografen“, sagt Alexander Straulino. Der 36-Jährige muss es wissen, produziert er doch als Modefotograf regelmäßig Strecken für die Vogue oder Harper's Bazaar. „In New York oder London ist der Rat eines Stylisten wichtiger als alles andere.“ Das sei allerdings nicht von Nachteil. Schließlich hätten sie meist einen ausgesprochen guten Geschmack. Nicola Formichetti ist jüngstes Mitglied im Kreise dieser Avantgarde. Er bestimmt, was eine der momentan meistfotografierten Frauen weltweit trägt. Und ist deshalb für Modehäuser von unfassbarem Wert.

Schon viele vor ihm haben, meist als Anziehhilfen mit Kleiderstange und Bügelbrett unterschätzt, in der Branche die Fäden gezogen. Carine Roitfeld, heutige Chefredakteurin der französischen Vogue, ist ein Beispiel. 1995 gelang es der Stylistin gemeinsam mit dem Designer Tom Ford und dem Fotografen Mario Testino das angestaubte Label Gucci aus der Bedeutungslosigkeit zu führen. Nach ganz oben. Dabei waren es nicht das Design, nicht die Innovation, die den Erfolg brachten, sondern das geschickte Kombinieren des Vorhandenen. Roitfeld brachte das auf den Laufsteg, was sie selbst bevorzugte: schwarz untermalte Augen, wilde Mähnen und auf Hüfte getragene Samthosen: Der androgyne Look war sexy, cool, angesagt. Oder Katie Grand, die einst beinahe gleichberechtigt mit Marc Jacobs und Miuccia Prada an deren Kollektionen mitwirkte – und mächtige Stilfibeln wie Pop oder Love entwickelte. Dem Einfluss der Stylisten zollte 2007 mit „Stylist – The Interpreter of Fashion“ gleich ein ganzer Bildband Tribut. Wirklich prominent, gar glamourös, wurde der Berufszweig aber erst mit Patricia Field. Die rothaarige New Yorkerin mit dem Hang zu extremen Kombinationen verlieh durch ihre Mode der TV-Serie „Sex and the City“ mitsamt Sarah Jessica Parker Kultstatus.

Seitdem tauchen sie vermehrt auf dem roten Teppich auf, Seite an Seite mit dem Star, der sich auf ihr Urteil verlässt. Die sogenannten Celebrity-Stylisten sind deutlich auf dem Vormarsch. Schließlich kann ein Outfit über die weitere Karriere bestimmen – positiv und negativ. Kaum einer wagt sich noch ohne professionelle Hilfe auf den roten Teppich. Was der Personal Trainer für die Figur, der Therapeut für die Seele, ist der Stylist für die Optik. Gwen Stefani und Jennifer Lopez etwa vertrauen auf den Geschmack von Andrea Lieberman. Sie sucht die Kleider aus, die zu Filmpremieren und Preisverleihungen getragen – und im Idealfall in Zeitschriften platziert werden, inklusive Markenname natürlich. So buhlt die Modewelt um die Gunst der Stylisten. Sind sie es doch, die den direkten Draht zum Prominenten und damit zum lukrativen Werbeträger haben. Das lassen sich die Labels etwas kosten. Von Einladungen in die erste Reihe der wichtigen Schauen in Paris und Mailand bis hin zu großzügigen Geschenken.

Vereinzelt machen die Stilkundler sogar dem bekannten Schützling Konkurrenz. Rachel Zoe wird längst als Celebrity wahrgenommen. Ohne eine Ausbildung abgeschlossen zu haben, kann sie Tagesgagen von 6000 bis 8000 Dollar verlangen. In den 90er-Jahren begann sie als Stylistin für Magazine zu arbeiten. Den großen Durchbruch schaffte sie erst im Frühjahr 2004. In Los Angeles traf sie eine neue Kundin: Nicole Richie, damals noch mit Busenfreundin Paris Hilton, Jogginghose und Hüftspeck. Zoe brauchte nicht lang, um die Adoptivtochter des Schmusesängers Lionel Richie in ihre standesgemäße Size Zero zu pressen. Das kam nicht überall gut an, obwohl die Amerikanerin bestreitet, ihre Klientinnen zum Abbild ihrer selbst zu formen. Magerwahn hin oder her, zumindest Erfolg hat ihre Strategie. Dabei ist ihr LA-Stil nicht besonders originell. Basierend auf der Mode der sechziger und siebziger Jahre mit weiten Sommerkleidern, großen Sonnenbrillen und viel Schmuck. Trotzdem hat sie es bis zum eigenen Doku-Film und Ratgeber geschafft.

Vom Celebrity-Styling hat Nicola Formichetti nie viel gehalten. Da gehe es zu sehr um den Status und zu wenig um Mode. Bei Lady Gaga sei das anders. Hier könne er sich entfalten, seine Visionen umsetzen. Sie sei wie ein Projekt, sagt Nicola Formichetti. Und er ist der Architekt.