Veruschka von Lehndorff

Supermodel und Super-Exzentrikerin

Sie war das erste deutsche Supermodel und in den 60er-Jahren die Muse von Foto-Genies wie Richard Avedon und Irving Penn: Vera Gräfin von Lehndorff, genannt "Veruschka", prägte als Kunstfigur mit Hang zu Metamorphosen die Modefotografie ihrer Zeit. Jetzt porträtiert ein Bildband die eigenwillige Schönheit.

Sie war ein Zebra. Eine Schlange. Eine Spinne. Auch der erste schwarze US-Präsident, lange vor Barack Obama – und das alles in diesem Leben. Sie war auch Model, sogar die erste Nachkriegsdeutsche, die vor den Kameras der weltweit bedeutendsten Fotografen stand, von Irving Penn bis Richard Avedon. Aber wer ist Veruschka alias Vera Gräfin von Lehndorff wirklich? In den vielen Jahren, in denen sie es sich selber erklären wollte, hat sie sich nur wenig gefunden.

"Aus ihrem Gesicht spricht das Unerreichbare", hat Diana Vreeland, die mächtige ehemalige "Vogue"-Chefin, einmal gesagt. In dem Rühr-mich-nicht-an lag ihr Glamour, aber auch eine Wahrheit: "Dieses lange, verträumte Mädchen wollte man immerzu wecken." Von Anfang an bis heute ist sie eine auffällige und undurchschaubare, fast abweisende Schönheit geblieben. Würde sie heute als Tier auftreten, sie wäre ganz sicher ein Reh – scheu, schön und schon im nächsten Moment von der Lichtung verschwunden.

Vera Gräfin von Lehndorff wurde zuletzt als "Germany's First Topmodel" betitelt, etwas, das ihr sichtlich nicht behagt. Sie sah sich stets eher als Künstlerin, die die eigene Biografie, ihre Existenz als ihr Werk begriff. Ihr bis heute einzigartig fragiler und lang gezogener Körper und ihr nobles, markantes Gesicht sind das Werkzeug zu diesem Werk. Wer Vera von Lehndorff ist, blieb hinter all den Masken jener Kunstfigur "Veruschka", die auch ein Label der Vermarktung war, undurchsichtig.

Ihre Familie und deren Schicksal in den Turbulenzen der deutschen Geschichte hat die sensible und unangepasste Frau stets verfolgt – auch als sie im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit stand: als "schönste Frau ihrer Zeit", ein Ausbund preußischer Eleganz. "Der frühe Verlust meines Vaters, die verlorene Heimat, das hat mich nie ganz losgelassen", sagt sie immer wieder in Interviews.

Ihre Geschichte ist die von Flucht, Vertreibung und Sippenhaft. Vera von Lehndorff, zweite von vier Töchtern, war fünf, als sie ihren Vater ein letztes Mal sah. Es war das Jahr 1943. Heinrich Graf von Lehndorff gehörte zu den mutigen Männern des 20. Juli, die im Kreis der Widerständler um Stauffenberg gegen Adolf Hitler kämpften. 1944 wurde er in Berlin-Plötzensee ermordet. "In der Schulklasse war ich das Kind eines 'Mörders', zu Hause galt er als Held. Ich war sehr verunsichert. Bis heute ist mein Vater ein wichtiges Thema geblieben", sagt sie.

In Berlin nun, ausgerechnet an dem Ort, an dem die Geschichte der Lehndorffs ihre größte Tragödie erleben musste, ereignete sich eine Art kleines Familientreffen – um ein Buch zu feiern: "Veruschka" (Assouline, um 400 Euro) . Ein monumentaler Bildband, 128 Seiten, 63 Illustrationen, verpackt in schwarzer Leinenbox, 35 mal 43 Zentimeter, limitierte Auflage, sehr elegant. Er zeigt Veruschka, das Model, als Sphinx und auf Safari im knappen Kaki-Anzug mit toupiertem Haar, die Flinte lässig im Nacken.

Aber auch ihre animalischen Transformationen, ihr Spiel mit Masken, Verwandlung, Tarnung, Charakteren. Wie sie sich als Rapper provokativ zwischen die Beine packt oder als Spinne durch die Großstadt stelzt – die Beauty und das Biest. Jene Metamorphose vom Model zur Künstlerin, die sich in Tiere, Pflanzen, menschliche Skulpturen verwandelte – verrenkt, verbogen, verdreht, und sich auf Franco Rubartellis berühmten Mimikryfoto als Stein unter Steinen mit kahlem Kreidekopf, die geschlossenen Augen weiß weggeschminkt, kaum zu erkennen gibt.

"Sie war eine Sichselbstausdenkerin"

"Verali", so nennt sie ihre älteste Schwester Nona (eigentlich Eleonore Gräfin Lehndorff), "war immer schon eine Sichselbstausdenkerin. Schon als Kind hatte sie den Hang, sich dauernd in irgendwas zu verwandeln und bastelte sich aus alten Vorhangstoffen, Blumen, Blättern oder was immer ihr in die Hände fiel die tollsten Kostüme." Es war mehr als nur ein Kinderspiel: ein ewiges Versteckspiel, das sie auf eine wunderbare Weise kultiviert hat, ohne je damit zu kokettieren. Im Gegenteil, sie hat es auf schöpferische Art noch auf die Spitze getrieben, jenen exzentrischen Dialog von Ego und Alter Ego, dem sie ihren Erfolg, aber auch das Überstehen seelischer Krisen verdankt.

Einer wie Lagerfeld häutet sich immer wieder, um sich zu finden. Andere suchen ihre alten Häute wieder. Lehndorff bemalte ihre Haut, bis sie vollkommen eins mit dem Hintergrund war. Unsichtbar. "Ich wollte nie Modell sein, ein sinnloses Objekt ...", sagt sie. "Mode hat mich nie wirklich interessiert. Ich habe sie nur benutzt, um mich zu verwandeln. Mein Traum war immer schon, verschwinden zu können, wenn ich mich nicht wohlfühle, absolut frei."

Es war Freitagabend in der Lounge des Berliner Nachtclubs "Cookies", als sie auf einer kleinen, schwarzen Bühne diese Sätze sagt und mit ihrer dunklen Stimme die Gäste begrüßt: "Ich bin ganz erstaunt, dass so viele Menschen da sind, wo ich doch eigentlich immer alleine bin." Dann spricht sie ein bisschen über das Buch. "Es ist leider sehr teuer, meine Freunde können es kaum kaufen ..." Gemeint sind die Künstler und Intellektuellen, mit denen sie sich über die Welt verstreut verbunden fühlt. Das Jetset-Leben ist an ihr vorbeigezogen, eigentlich ist sie nie eingestiegen. "Und, ja, was kann ich ihnen noch mal erzählen ... will vielleicht irgendjemand etwas fragen?"

Eine Königin, die selten lacht

Im Hintergrund läuft auf einer Leinwand ihr Leben ab, wie sie sich vor den großen Fotografen rekelt, ihr Haar ausgießt, mit ihren melancholischen Augen klimpert. Selten, dass sie mal lacht. Vor ihr klönen, rauchen, trinken und lauschen etwa 150 Gäste: Freunde, ein paar Künstler und Galeristen, der Inhaber einer Designerboutique, eine ehemalige "Vogue"-Chefin, ein Model, Berliner Nachtschwärmer. Aber auch Veras Familie ist gekommen: Lehndorffs, Dönhoffs, Haeftens, der halbe Wagner-Clan in Gestalt der Kinder von Wieland, dem vielleicht letzten Genie der Familie aus Bayreuth.

Diese bunt gemischte Truppe, die wie ein Kondensat deutscher Geschichte wirkt, kommt stets, wenn ihre Schwester, Schwägerin, Tante ihr Werk der Öffentlichkeit präsentiert. Eng und unzerbrechlich erscheinen die Familienbande. Allen voran: Veras älteste Schwester Nona, ihr Sohn Dirk sowie ihr Mann Wolf-Siegfried Wagner, genannt Wumi – ein Urenkel Wagners und Sohn von Wieland. Nur Veras jüngere Schwestern, Catharina Gräfin von Lehndorff, die in Hamburg die schönsten Gürtel macht, und Gabriele, eine Homöopathin in München, fehlten: die Arbeit. Und Grippe.

Vera von Lehndorff schiebt sich durch den Raum wie eine Schachfigur: die Königin – groß und schlank, in einem schwarzen bodenlangen Kaftan, ein königliches Gewand aus dem mittleren Osten. Ihr Haar trägt sie offen und irgendwo am Ende ihrer ewig langen Beine braune Sandalen mit ganz vielen Schnallen. Sie schüttelt Hände, küsst, begrüßt. Jetzt lacht sie auch.

Als Kind fand sie sich immer hässlich, zu groß – alles zu lang, vor allem die Füße. Mit 14 ist sie schon 1,83 Meter groß. Mit 21 hatte man sie schließlich entdeckt, sie ging nach New York. Aus dem Komplex wurde ein Kult, aus Vera Veruschka: viel Bein, viel Haar, dazwischen ein breiter Gürtel. Ihre erste Rolle als Kunstfigur, der viele folgen sollten, die im Buch zu besehen sind. "Dieses Buch", sagt sie und wirkt da auf einmal ganz glücklich, "war längst überfällig. Ich hatte ja immer nur so ausgerissene Fotos von mir."

Heute lebt Vera Gräfin von Lehndorff in Berlin-Weißensee – kinderlos mit vielen Katzen. "Berlin ist eine Narbenstadt", sagt sie. Darum ist sie hier.