Haare und Politik

Eine Frisur ist längst kein Statement mehr

Früher konnte man mit einer Frisur ein Zeichen setzen und eine gewisse politische Stellung beziehen. Heute steht ein Haarschnitt für überhaupt nichts mehr – eine signifikante Frisur hat jede revolutionäre Aussage verloren. Sogar der Irokesenschnitt ist längst im gesellschaftlichen Mainstream angekommen.

Fast schon eine Art Bewaldung, in der Getier zu vermuten ist, trägt er auf dem Kopf, und verglichen mit seinen Fingernägeln sind sogar Edwards Scherenhände beinahe hübsch manikürt: Der Struwwelpeter steht auf einem Mahnmal-Sockel, dessen Inschriftspoem so endet: „... Kämmen ließ er nicht sein Haar / Pfui! ruft da ein jeder: / Garst'ger Struwwelpeter!“. Links und rechts der Inschrift sind Schere und Kamm auf den Sockel gemalt, die Werkzeuge also, deren regelmäßiger Gebrauch hier, mittels Stigmatisierung gegenteiligen Tuns, pädagogisch anempfohlen wird. Nicht aus Gründen der Ehre steht der Struwwelpeter auf dem Podest, sondern aus solchen der Schande: Seht euch den an, diesen Freak! Drum kämmt euch stets hübsch und schneidet alles Nachwachsende auf die gesellschaftlich tolerierte Länge zurück, sonst werdet auch ihr dort stehen, und ein jeder zeigt mit dem Finger auf euch und ruft: Pfui!

Ein warnendes Beispiel also, der Outlaw Struwwelpeter – und damit natürlich auch ein höchst attraktives Vorbild, und zwar für all jene, die nach Artikulationsmöglichkeiten des Protests suchen, nach auch nonverbalen Signalen für Nichteinverstandensein, Nonkonformismus, Gegenbewegung. Und wenn schon kein anderer Aufmerksamkeitssockel besteigbar ist, dann doch wenigstens der allgemeiner Verachtung. So unverzichtbar Verbote und Grenzziehungen als Instrumentarien der Erziehung sind, so – und hier passt dieses Wort mal besonders gut – zweischneidig ist ihre Wirkung: Kinder sind zunächst (und später, während der je unterschiedlich lang dauernden Pubertät, noch einmal besonders) Anarchisten, und gerade das Verbotene übt großen Reiz auf sie aus. „Das wollen wir doch mal sehen, ob ich das nicht darf!“ lautet ihr Schlachtruf, und so sammeln sie Erfahrungen. Nicht in jedem Fall ist die Richtigkeit, das „Sinnvolle“ elterlicher Belehrungen und Sanktionierungen so unzweideutig belegbar wie zum Beispiel bei der Empfehlung, lieber nicht auf eine heiße Herdplatte zu fassen – das tut man absichtlich höchstens einmal. Hingegen bieten Frisuren, wie alle Regeln und Setzungen in Fragen der Mode, deutlich größeren Argumentationsspielraum.

Der Mediziner Heinrich Hoffmann hat den „Struwwelpeter“ Mitte des 19. Jahrhunderts gezeichnet und bedichtet, als titelgebenden Antihelden einer Typologie schwer erziehbarer Quälgeister, die allesamt sprichwörtlich geworden sind. 165 Jahre und viele, immer auch einen spezifischen Look prägende Revolutionen und Revolten später, ist es nicht mehr so leicht, die aktuelle Elternschaft auf ein solches Feindbild zu einigen, viele von ihnen nämlich sehen selbst ungefähr so aus wie der Struwwelpeter – und, das ist das Erstaunliche, sie denken sich kaum etwas dabei. Eine Frisur taugt heute nicht mehr als Zeichen des Aufstands, aber auch nicht mehr als Ausweis bürgerlicher Etabliertheit.

Ende der 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts bildete sich mit Punk die wohl letzte gesellschaftliche Bewegung, deren frisurliche Erkennungsmerkmale noch Schockpotenzial besaßen – und zwar wunderbarerweise in einer deutlichen Traditionslinie des Struwwelpeters stehend. Aber auch das ist nun schon wieder 30 Jahre her, und die Punk-Frisur ist längst etabliert. Es war wohl David Beckham, der den (gemäßigten) Irokesenschnitt endgültig in die Welt des Glamours überführte, und ein paar deutsche Fußballspieler halten diese Frisur rührenderweise noch immer für modern, sie stehen stolz mit ihrem, hoho, Punkschnitt in den spießigsten Diskotheken herum und casten Spielerfrauen. Wenn sie eine gefunden haben, kaufen sie ihr von Designerhand zerschabte Jeans und absurd teure, mit Sicherheitsnadeln verzierte Handtaschen. Mit Punk in seinem ursprünglichen Sinn hat das nunmehr freilich ebenso wenig zu tun wie ein roter Irokesenschopf in Ketchup- oder Linksparteiwerbung. Nein, auch dieser Haarschnitt ist ideologiebefreit, beziehungsweise -entleert, und also bar jeder nicht Mode betreffenden Aussage. Das gilt selbstverständlich auch für alle anderen Punk-Accessoires, für zerrissene Jeans und Lederjacken, für Piercings, Tätowierungen und Bierdosen (selbst wenn diese ans Ohr gehängt werden).

Jede Nachbildung ein müdes Zitat

Ob lange Haare oder gefärbte, zerzopfte, zerzauste, ungewaschene, gefönte, gegelte, gescheitelte, künstlich gelockte, oder auch zur Glatze rasierte – sobald die Zahl der Nachahmer eine gewisse „kritische Masse“ (amüsant auch hier: die Doppelbedeutung) erreicht hatte, und das zuvor Außergewöhnliche zur Jedermann-Uniform nivelliert wurde, war der Effekt dahin und der Protestwert nullnah. Kulturelle wie politische Umstürzler und Revolutionsführer haben im Lauf der Jahrhunderte alle Gestaltungsvarianten der Kopf- und Gesichtsbehaarung erprobt, sie jeweils ikonisiert und somit automatisch musealisiert, jede Nachbildung muss also müdes Zitat sein. Die Zyklen der Mode spülen mal den einen, mal den anderen Haarschnitt in den Vordergrund allgemeiner Wahrnehmung (und wiederum: Nachahmung), allein, sie bedeutet nichts mehr, die Frisur, wie auch immer sie beschaffen ist. Mit einer Beatlesfrisur kann man heutzutage problemlos für höchste Ämter kandidieren, im Parlament sieht man bunt gefärbte Volksvertreterfrisuren, rasierte, toupierte, gegelte. Alles in Ordnung. Eine Frisur, so viel steht wohl fest, steht für überhaupt gar nichts mehr. In jedem Soziotop ist nahezu jeder Haarschnitt vertreten.

Sich selbst so nennende Autonome, die – was in sich schon lustig ist – sich im sogenannten schwarzen Block zusammentun und sich als linksradikal bezeichnen, werden neuerdings häufig begleitet von Rechtsradikalen, die ihnen äußerlich und auch in Methoden und Zielsetzungen gleichen; lediglich ein paar Vokabeln in den jeweiligen Parolen unterscheiden sich. Nach manchem Radau sieht sich die Polizei bei der anschließenden protokollarischen Zusammenfassung überfordert mit der Aufschlüsselung der Trachten: Waren das nun rechte oder linke Skinheads? Bestimmte Schnürsenkelfarben gelten dann als Indiz, und wir befinden uns also im Bereich der Folklore.

An bestimmten Orten oder zu bestimmten Anlässen mit unangemessener Kleidung oder Frisur zu erscheinen, wirkt heutzutage eher lächerlich als bedrohlich; wer über die Auflehnungsgeste hinauszugehen und tatsächlichen Schaden anzurichten gedenkt, wird sich dagegen eher in der sozial erwünschten Aufmachung tarnen.

Eine Frisur findet nicht statt

Den Dichter Wiglaf Droste hat die äußerst unschöne Frisur eines Schlagersängers mal zu einer Grundgesetzvariation inspiriert: „Eine Frisur findet nicht statt.“ Zwar war dieser schöne Witz natürlich – und vollkommen zurecht – in diesem konkreten Fall polemisch gemeint und zudem eine gelungene Volte, denn der so Geschmähte hatte eher zu viel als zu wenig Zeit beim Friseur verbracht. Das überfrisierte, schauderhafte Ergebnis dieser Bemühungen als Frisur nicht anzuerkennen, auch darin lag die Pointe. Allgemein und wörtlich angewendet aber leuchtet mir dieses drostesche Grundgesetz ebenfalls ein, ja ich befolge es: Mindestens dreimal im Monat gehe ich zum Friseur und lasse mir mein Haupthaar auf die Länge von drei Millimetern stutzen, hinten, an den Seiten und oben, überall die gleiche Länge; drei Millimeter, gerade genug, dass die Kopfhaut geschützt ist und nicht zu sehr durchschimmert, zu kämmen ist da nichts, und eine Frisur kann man das kaum nennen, denn da ist ja nichts zum Frisieren.

Da ich sehr dicke, drahtähnliche Haare habe, die zu allen Seiten wachsen und so gar nicht locker fallen wollen, führt diese dem Schafscheren verwandte Vorgehensweise zum einzigen an mir nicht komplett idiotisch aussehenden Haarschnitt. Lasse ich sie länger wachsen, sehe ich rasch aus wie der Struwwelpeter, und anders als ihm steht mir das nicht. Mein kurz geschorener Kopf ist unter modischen Aspekten eine Art Aussageverweigerung, und insofern eine universelle Tarnkappe.

Dass mein Haar keinerlei Frisurexperimente zulässt, habe ich früher, beim Studium einschlägiger Schallplattencover und Musikvideos, oft bedauert, und ich ersehnte mir anders strukturiertes Haar, solches, aus dem man (und dadurch: aus sich) „etwas machen“ kann. Mittlerweile habe ich Frieden damit geschlossen und bin sogar ganz froh darüber, zwangsläufig andere Felder zur Identitätsstiftung zu beackern als das auf meinem Kopf.