Interview

Komödie statt Tatort: Darum kann Adele Neuhauser auch anders

Adele Neuhauser kann auch Komödie: In „Faltenfrei“ mimt die Österreicherin eine Sachbuchautorin, die Tipps gibt, wie man jung bleibt.

Von Peter Zander
Tatort: Das sind die bekanntesten Ermittler-Teams

Tatort- Das sind die bekanntesten Ermittler-Teams

Die Krimiserie „Tatort“ begeistert schon seit Jahrzehnten die deutschen TV-Zuschauer. Sonntags um 20.15 Uhr lösen unterschiedliche Kommissaren-Teams Mordfälle in der ARD. Aktuell ermitteln 22 Ermittler-Teams in 20 deutschen Städten, sowie in Wien und Zürich. Wir stellen euch die bekanntesten aktuellen Besetzungen vor.

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Berlin. In Deutschland kennt man sie vor allem als Bibi Zeller aus den Wiener „Tatorten“. Dass Adele Neuhauser (62) auch komisches Talent hat, ist hierzulande dagegen eher unbekannt.

Jetzt kann man die österreichische Schauspielerin aber auch mal von dieser Seite erleben: In der ARD-Komödie „Faltenfrei“, die am 17. November ausgestrahlt wird. Sie spielt eine Sachbuchautorin, die nach einem Unfall hören kann, was andere über sie denken. Und das ist nicht eben positiv. Mehr zum Thema:Letzter „Tatort“ mit Christian Ulmen: Wer folgt in Weimar?

Frau Neuhauser, die Figur, die Sie spielen, hat viele Ratgeber geschrieben, wie man jung bleibt. Und will sich dann einer radikalen Schönheits-OP unterziehen.

Adele Neuhauser: Dass es Schönheits-OPs gibt, ist völlig okay. Ich habe per se auch nichts dagegen. Aber ich bin extrem dagegen, dass sich schon junge Menschen diesen Eingriffen unterwerfen. Das empfinde ich als sehr gefährlich. Und Menschen, die das propagieren, oder – wie meine Figur Stella Martin – mit furchtbaren Lebensratgebern sogar provozieren, die müssten wirklich bestraft werden – mit den Gedanken der anderen. Das finde ich wirklich das Großartige an diesem Film. Und damit hat er wirklich eine Relevanz und ist nicht nur eine Komödie, die so vor sich hinblödelt. Auch interessant: Führen Selfies bei Instagram zu mehr Schönheits-Operationen?

Wenn man beim Film von Falten spricht, dann immer nur bei Frauen.

Neuhauser: So ist es. Männer dürfen vor der Kamera so aussehen, wie sie wollen. Wenn man das nur ansatzweise bei Frauen zulassen würde, hätten wir noch viel Spielraum. Aber die eigentliche Ungerechtigkeit ist ja schon eine ganz andere: dass es für Frauen ab einem gewissen Alter kaum noch Rollen gibt. Da wird dann die Rolle einer Rechtsanwältin mit gut florierender Kanzlei und zwei Kindern mit einer Schauspielerin besetzt, die vielleicht 25 oder höchstens 30 ist. Da frage ich mich doch: Wie soll das gehen? Wann willst du denn angefangen haben? Das ist doch albern. Das hat sich auch langsam überholt. Das will doch keiner mehr sehen.

Können Sie aus eigener Erfahrung bestätigen, dass die Rollenangebote weniger werden?

Neuhauser: Ich habe wirklich Glück. Glück, die „Tatort“-Kommissarin geworden zu sein. Und Glück, davor schon die Landkrimiserie „Vier Frauen und ein Todesfall“ gemacht zu haben. Die hat mir ja eigentlich erst den Weg geebnet zu Bibi Fellner. Aber eine Zeit lang habe ich mich schon gefragt, ob man jetzt bei dieser Bibi Fellner stehenbleibt. Ich mag diese Figur wirklich sehr, verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin sehr glücklich, mit Harald Krassnitzer arbeiten zu dürfen, das ist ein Geschenk. Aber ich habe mich schon gefragt: Kommen da noch andere Rollen auf mich zu? Nur Bibi Fellner wäre mir zu wenig. Aber ja, doch: Sie kommen.

Noch mal zum Thema Äußerlichkeiten. Muss man als Person des öffentlichen Lebens immer darauf achten, wie man aus dem Haus geht? Ist der Beruf da manchmal auch eine Geißel?

Neuhauser: Klar. Aber ich gehe schon auch gern gepflegt aus dem Haus. Das war meinem Vater immer wichtig, dass ich mich wie eine Dame benehme. Vieles davon habe ich noch nicht eingelöst, manches würde er, würde er noch leben, beanstanden. Ich achte schon darauf. Ich finde aber, darauf sollte jeder achten. Schwierigkeiten habe ich nur mit diesen ganzen aufgetakelten Premieren und Events. Das strengt mich zunehmend an. Aber mindestens ebenso sehr ärgert mich diese gekünstelte, aufgesetzte Lässigkeit, da in Jogginghose zu kommen. Lesen Sie hier:Maria Furtwängler wird 50 – und mag sich als „kühle Blonde“

Wenn man in einem Film mitspielt, wo man die Gedanken anderer hören kann, drängt sich die Frage auf: Wie wichtig ist es Ihnen, was andere von Ihnen denken?

Neuhauser: Sagen wir so: Dadurch, dass ich mich so exponiere, muss es mir auf eine Art schon wichtig sein, was man von mir denkt. So ganz unbehelligt von all den Kritikpunkten, die man mir entgegenbringt, kann ich nicht sein. Und ich habe auch ein sehr ausgeprägtes Liebesbedürfnis. Ich mag es, wenn man mich mag für das, was ich mir überlegt habe. Wenn sich das nicht einlöst, habe ich was falsch gemacht. Aber ich möchte bitte nicht dauernd hören, was Menschen denken. Das könnte ich nicht aushalten. Ich merke, wie ich zunehmend Ruhe brauche. Die Zeit ist so hysterisch geworden, alle empören sich immerzu, da werden auch ganz viele Dinge aufgebauscht. Ich weiß gar nicht, wie die Menschen all das verwalten.

Man kennt Sie aus vielen ernsten Dramen. Dass Sie jetzt in einer Komödie spielen, überrascht. Auch jetzt im Gespräch sind Sie ein sehr heiterer Mensch, der viel lacht. Haben wir alle eine falsche Adele Neuhauser im Kopf?

Neuhauser: Die wahre Komödiantik hat ja eine tiefe Traurigkeit. Und auch einen tiefen Schmerz. Vielleicht hat das aber gar nicht so sehr mit meinen Rollen zu tun. Sondern damit, dass ich auch ganz offen über mein Leben gesprochen habe. Man weiß um meine Geschichte. Und möglicherweise vertraut man mir auch, ernsthaft damit umzugehen.

Sie spielen auf Ihre Selbstmordversuche an. Darüber haben Sie offen gesprochen und auch in Ihrer Autobiografie geschrieben. Wie schwer fiel Ihnen das? Oder war das womöglich auch eine Therapie?

Neuhauser: Wissen Sie, ich war ja nie geübt darin, gefragt zu werden. Plötzlich gab es diesen Erfolg von „Vier Frauen und ein Todesfall“. Das war ja eigentlich ein Ensemble-Erfolg. Aber da saß dann immer ich in diesen Talkshows und überlegte, was ich jetzt erzählen soll. Sollte ich da meine Karriere runterbeten? Das ist doch völlig uninteressant. Wenn ich etwas zu erzählen habe, muss es etwas Persönliches sein, das auch anderen helfen kann. Deshalb habe ich darüber gesprochen. Weil Suizid noch immer ein solches Tabuthema ist. Ich habe mich Gott sei Dank überlebt. Aber wie viele Menschen fallen immer wieder in schwerste Depressionen, gerade jetzt, in Corona-Zeiten wieder? Das sind wichtige Themen, deshalb habe ich darüber gesprochen. Und erst daraus hat es sich ergeben, dass man mich fragte, ob ich nicht eine Autobiografie schreiben möchte. Als ich zugesagt habe, konnte ich nicht ahnen, dass dann meine Eltern und auch mein Bruder sterben würden. Das war dann schon in gewisser Weise eine Therapie für mich. Auch der Beruf hat mir definitiv geholfen. Aber ich mag nicht, wenn mein Beruf nur als Therapie verstanden wird.