ARD-Talk

"Hart aber fair": Warum Lastenfahrräder für Stunk sorgen

Bei "Hart aber fair" diskutierten die Gäste die Kluft zwischen Stadt und Land. Eine Grünen-Idee sorgt auf dem Land besonders für Spott.

Von Karina Krawczyk
Bei "hart aber fair" ging es am Montag um das weiter wachsende Gefälle zwischen Land und Stadt in Deutschland.

Bei "hart aber fair" ging es am Montag um das weiter wachsende Gefälle zwischen Land und Stadt in Deutschland.

Berlin. "Es können doch nicht alle mit ihrem Macbook und Chai Latte im Café sitzen und die zehnte Dating-App entwickeln", regte sich Marco Scheel in einem Kurzvideo bei "Hart aber fair" auf. Seit der NDR über den Jungunternehmer berichtet hatte, hatte sich immer noch nichts getan: Immer noch wartete er auf eine Umbaugenehmigung, die aus dem verfallenen Kuhstall eine Produktionsstätte machen sollte, in der er Schuhe aus Wolle von geschützten Schafen herstellen durfte.

Das lag am Baurecht, wie er nun live bei "Hart aber fair" erläuterte: Allerdings habe nicht die Gemeinde des 400-Seelen-Dorfes zwischen Rostock und Wismar über den Bauantrag entschieden, sondern die ferne Kreisverwaltung. Die kannte die Umstände vor Ort aber nicht und empfahl ihm, stattdessen ins Gewerbegebiet von Wismar umzuziehen, wo er auch eine Förderung für seinen Betrieb bekommen würde.

Das wollte Marco Scheel auf keinen Fall. Obwohl er in Berlin Wirtschaftsingenieurwesen studiert hatte, wollte er in keiner Stadt mehr leben. Also produzierte er mit 20 Mitarbeitern seine Wollschuhe lieber in einem Anbau – geduldet, aber doch illegal, wie er sich offen verplapperte. Mit seinen erfrischend-unverstellten Ansichten war Marco Scheel aber so etwas wie der Star-Talker von "Hart aber fair" an diesem Montag. Und wurde bei der berühmten Schlussfrage, wer mit wem für eine Woche sein bzw. ihr Leben tauschen wollte, der Favorit von drei von fünf Gästen.

"Hart aber fair": Das waren die Gäste

  • Juli Zeh, Bestseller-Autorin
  • Marco Scheel, Unternehmer
  • Simon Pearce, Schauspieler
  • Jamila Schäfer (Grüne), Politikerin
  • Reint Gropp, Professor für Volkswirtschaftslehre

Passend zum Start der ARD-Themenwoche "Stadt. Land. Wandel" diskutierte Frank Plasberg mit seinen Gästen an möglichst konkreten Fragestellungen, was passieren musste, damit Dörfer und Kleinstädte überlebten, in Zukunft gar lebenswerter wurden. "Abgehängt und unverstanden: Wie tief ist die Kluft zwischen Stadt und Land?", war seine Sendung überschrieben. Die Tücken der Bürokratie waren nur eines von vielen Problemen, die dabei zur Sprache kamen.

Grüne: Partei findet auf dem Land keinen Zuspruch

Der Vorschlag der Grünen zum Beispiel, als Teil einer "notwendigen Verkehrswende" künftig eine Million Lastenfahrräder mit einem Zuschuss von je 1000 Euro zu fördern, war für Marco Scheel auch nur wieder so eine "typisch urbane Idee": "Bei uns gibt’s überall Kopfsteinpflaster", begründete er spöttisch, "da würde alles durchgeschüttelt werden."

Entscheidender aber war für ihn, dass solche Vorschläge, die nur in der Stadt funktionierten, bei den Leuten auf dem Land gänzlich auf Unverständnis trafen. In seiner Gemeinde kannte er zumindest keinen einzigen Grünen-Sympathisanten mehr: "Das ist schade, weil es nichts mit den Inhalten zu tun hat, sondern mit dem Vokabular", glaubte er und nannte als weiteres Beispiel die in seinen Augen missglückte Gender-Debatte, ob es richtiger "Fußgänger oder Fußgeher" hieß.

Solche Debatten gingen an den echten Problemen der Leute vorbei. "Und wenn man sich nicht verstanden fühlt, kommt das Gefühl auf, dass man von oben behandelt wird, was zu Trotzreaktionen führt", erläuterte er.

AfD: Warum sie auf dem Land beliebt ist

Simon Pearce, Schauspieler und Kabarettist aus München, gab ihm recht, wenn auch aus anderer Erfahrung: "Die Leute fühlen sich nicht abgeholt", befand er und versuchte damit die häufigen Erfolge der AfD im ländlichen Raum zu erklären: "Die müssen nicht regieren, die können versprechen, was sie wollen."

Er selbst war auf dem Land aufgewachsen, wusste um die Ängste vor Fremden und hatte dort viel Alltagsrassismus erlebt, berichtete er. "Aber körperlich angegriffen wurde ich in der Stadt", gab er zu. Auf dem Dorf hätten ihn in einer brenzligen Situation die Bauern verteidigt.

Politik für Städter gefährdet den Frieden

Auch Juli Zeh, die vor 14 Jahren aus der Stadt in ein Dorf im Havelland gezogen war und seither in Romanen wie "Unterleuten" oder "Über Menschen" die eigenwilligen Realitäten des Landlebens auslotete, erkannte in dem Lastenfahrrad-Thema eine Provokation für alle Dorfbewohner, "die morgens um 6.20 Uhr an der Haltestelle auf den Bus warten, damit ihre Kinder pünktlich in die anderthalb Stunden entfernt Schule kamen".

"Städter ticken eben anders als Dörfler", bestätigte sie aus eigener Erfahrung einen "großen Kulturunterschied" – ohne dass man sich deswegen aber gleich "spinnefeind" sein müsste. Wer aufs Land zog, wurde zum Beispiel intensiver, auch misstrauischer beäugt. "Schon weil man nicht die Flüchtigkeit der Beziehungen hat wie in der Stadt", führte sie aus. Das gegenseitige Abschnuppern wurde da schnell zur "Goldhochzeits-Frage" unter Nachbarn: "Weil du jetzt hier hinziehst und ich dich nicht mehr loswerde, verbringe ich vielleicht die nächsten 50 Jahre mit dir."

Auch sie attestierte den Grünen eine falsche Ansprache: "Politik wird von Städtern für Städter gemacht", fasste sie dann allgemeiner, "und das gefährdet den gesellschaftlichen Frieden." Als Beispiel für ihre "an vielen Orten schon bewiesene These, dass durch Entwicklungsunterschiede zwischen urbanen Räumen und der immer weitere ins Hintertreffen geratenen Provinz" Unfrieden verursacht wurde, nannte sie die USA: Das Auseinanderdriften von Zentrum und Peripherie hätte Donald Trump als Präsidenten erst möglich gemacht.

Bevor es auch in Deutschland zu solchen Spaltungen kommt, sollte man rechtzeitig reagieren: "Wir sind immer noch ein ökonomisch sehr gut aufgestelltes Land", bekräftigte sie, fragte aber zugespitzt auch: "Wie viel defizitäre Bedingungen wollen wir uns auf dem Land eigentlich erlauben?"

Gleichwertige Lebensverhältnisse kaum möglich?

Jamila Schäfer, stellvertretende Bundesvorsitzende der B'90/Grünen, die bei der letzten Bundestagswahl in München eines der insgesamt 16 Grünen-Direktmandate holte, hatte schon während des Wahlkampfs die Defizite des ländlichen Raums "auf dem Schirm". Das Lastenfahrrad war nur ein Element bei der Verkehrswende, verteidigte sie die Pläne ihrer Partei, dazu kam Car-Sharing, E-Ladestation-Infrastruktur, Ausbau des ÖPNV und mehr. Auch für die medizinische Versorgung mit Rettungsdienst und Krankenhaus, zählte sie auf, sollte der Staat auf dem Land sorgen: "Das sind Bedürfnisse, die alle Menschen haben."

Reint Gropp erschien die Diskussion zu kleinteilig. Er glaubte nicht, dass es jemals gleichwertige Lebensverhältnisse geben könnte, schon weil die Bedürfnisse von Städtern und Dorfbewohner verschieden waren: Die einen wollten Kultur und das pralle Leben, die anderen lieber Ruhe und viel Platz.

Der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Magdeburg befand stattdessen, dass "wir davon wegkommen müssen, dass der Staat besser weiß als der Einzelne, was gut und richtig ist." Und plädierte dafür, nicht immer nur die Defizite auf dem Land zu sehen, sondern auch die in den Städten: "Zum Beispiel schlechte Luft."

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