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Hart aber fair: Lobo zerpflückt Laschets „Zukunftskoalition“

Neue Epoche für neue Koalitionskonstellationen: In der Wahl-Nachlese im ARD-Talk attestiert Sascha Lobo Laschet absolutes Scheitern.

Von Karina Krawczyk
Das ist "hart aber fair"

Das ist "hart aber fair"

Die polarisierende Politik-Sendung im Ersten mit Moderator Frank Plasberg gibt es nun seit stolzen 20 Jahren. Jeden Montag finden sich diverse Gäste in einer hitzigen Diskussionsrunde wieder.

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Berlin. Nur in einem konnte Sascha Lobo dem CDU-Kanzlerkandidaten zustimmen: „Als absolute Fachperson für Versprecher“, mokierte sich der „Spiegel“-Kolumnist, hatte Armin Laschet in seiner Pressekonferenz am Montagmorgen durch die Verwendung des Imperfekts „quasi bestätigt, dass die CDU keine Volkspartei mehr war“.

Denn „erst mit dieser Bundestagswahl hat politisch das 21. Jahrhundert angefangen“, begeisterte er sich bei „Hart aber fair“. Nachdem Angela Merkel, schon unter Helmut Kohl Ministerin, das 20. Jahrhundert durch ihre – gefühlten – „62 Amtsjahre verlängert hat, ist jetzt endlich eine neue Epoche angebrochen“. Das fand Lobo „wahnsinnig gut“: Nun gab es keine Volkspartei mehr, die mit einem kleinen Partner die Regierung stellte, sondern die Chance für neue Konstellationen.

„Das ist eben Demokratie: Wenn niemand mit dem Ergebnis richtig glücklich ist, aber am Ende trotzdem eine Art stabile Regierung entsteht“, konstatierte er und gab zu, mit einer Ampelkoalition gut leben zu können.

„Hart aber fair“: Diese Gäste waren am Montag dabei:

  • Tilman Kuban, CDU, Bundesvorsitzender Junge Union
  • Kevin Kühnert, SPD, stellvertretender Parteivorsitzender
  • Alexander Graf Lambsdorff, FDP, stellvertretender Fraktionsvorsitzender
  • Renate Künast, Grüne, Bundestagsabgeordnete
  • Sascha Lobo, "Spiegel"-Kolumnist und Autor
  • Mariam Lau, "Zeit"-Redakteurin im Politikressort

Sekt oder Selters? Die Menschen aus Berlin-Reinickendorf, die am Sonntag in ihrem Wahlkreis wieder fast genauso gewählt hatten wie das ganze Land, taten sich bei der „Hart aber fair“-Zufallsumfrage noch schwer, das Wahlergebnis zu beurteilen, und wählten meist die Wasser-Flasche. Auch der Live-Talk aus Köln mochte sich noch nicht wirklich entscheiden, ob die anstehende Drei-Parteien-Koalition ein Grund zum Feiern oder zum Trauern war.

Es war jedenfalls ein ungewohntes „Hart aber fair“, das diesmal unter dem Titel lief „Nach der Wahl, vor dem Machtpoker: Wird aus dem Sieger auch ein Kanzler?“: Ohne richtigen Beginn oder Schluss, stattdessen übergangslos anmoderiert und platziert zwischen dem ARD-„Brennpunkt: Kanzler gesucht“ und den „Tagesthemen“, die auch nichts anderes zu berichten wussten, als das Wahlergebnis vom Vortag zu analysieren.

In der abendfüllenden Wahl-Nachlese im Ersten brachte „Hart aber fair“ aber immerhin die schärfste Kritik am Wahlverlierer Armin Laschet, der am Wahlabend noch alles hatte daransetzen wollen, um unter seiner Führung „eine Zukunftskoalition zu bilden“.

Lobo über Laschet: „10 von 10 nicht geschafft“

Es sei doch eine absolute Scheiter-Situation, analysierte Sascha Lobo die Wählerwanderung, bei der die Laschet-CDU an alle Parteien Stimmen abgegeben hatte – außer an AfD und Linke. Er habe es in 10 von 10 Punkten nicht geschafft, Angela Merkel zu beerben.

Auch glaubte Sascha Lobo „überhaupt nicht“, dass Armin Laschet noch in der Lage war, eine stabile Regierung zu bilden. Schließlich würde er in der eignen Partei „minütlich angeschossen“. Und selbst wenn er sich dann, wie so oft, wieder durchmogeln würde, wäre er einfach zu schwach als CDU-Vorsitzender: „Da braucht Merz nur einmal einen Ellbogen-Check machen, dann fällt er lang hin.“

„Hart aber fair“: CDU „ausgeblutet und leer“

Mariam Lau, Politikredakteurin der „Zeit“, war vor allem erschrocken, wie „ausgeblutet und leer“ die CDU erschien. Dazu hatte sie bei den „vielen, vielen Abgeordneten, die ihr Mandat verloren haben, eine große Wut“ beobachtet. Sie erwartete schon am Dienstag einen Aufstand gegen Armin Laschet, der in der ersten Fraktionssitzung „den Vorsitz an sich reißen wollte“.

„Warum besteht jemand, der so schlecht abschneidet, darauf, Kanzlerkandidat zu sein?“, fragte sie rein rhetorisch, um gleich darauf selbst eine vernichtende Antwort zu geben: „Er glaubt daran“, sagte sie, „es ist eine Art von Auto-Suggestion. Langsam, aber sicher kann man es aber auch Arroganz nennen.“

Da hatte Tilman Kuban, Bundesvorsitzender der Jungen Union, einen ziemlich schweren Stand bei „Hart aber fair“. Schließlich sollte er einen CDU-Vorsitzenden verteidigen, der gar nicht sein Kandidat gewesen war: Er hatte erst für Friedrich Merz als CDU-Vorsitzenden gestimmt, dann für Markus Söder als Kanzlerkandidaten.

JU-Bundesvorsitzender Kuban: „Wir haben die Wahl verloren“

Tilman Kuban zeigte aber auch, wie schnell ein junger CDU-Abgeordneter die „Lektion in Demut“ zu lernen bereit war, die Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer nach dem CDU-Wahl-Desaster im Osten eingefordert hatte: „Wir haben die Wahl verloren. Punkt.“ Der Ball lag jetzt im Spielfeld der SPD, beeilte sich Tilman Kuban gleich mehrmals zu betonen.

Die Sorge, dass die CDU sich als Volkspartei bald überlebte, so wie viele andere westeuropäische Parteien, teilte aber auch er. Man müsse neue Wege gehen, die Union müsse sich erneuern. Das ginge in einer Regierung, mit Armin Laschet, erklärte er auf Nachfrage von Frank Plasberg, das ginge aber auch in der Opposition, dann wahrscheinlich ohne ihn.

Ein paar neue Erkenntnisse aus der zweiten Reihe brachte dieses „Hart aber fair“ aber auch: Alexander Graf Lambsdorff, stellvertretende Fraktionsvorsitzender der FDP, und Renate Künast, langjährige Bundestagsabgeordnete der B'90/Grüne und Bundesministerin unter Rot-Grün, waren vielfach einer Meinung.

Beide betonten, wie wichtig es war, sich bei den Sondierungsgesprächen auf Inhalte zu konzentrieren, statt Posten zu verteilen. Beide stimmten Robert Habeck zu, der in dem vorangegangenen Brennpunkt erklärt hatte: „Scheitern ist keine Option.“ Nur wollten offenbar beide nicht mit einer Absage an die CDU von vorneherein der SPD einen „Freifahrtschein ausstellen“ (Künast).

„Rosa Linien“ bei Vor-Vor-Koalitionsverhandlungen von FDP und SPD

Mehr Differenzen, sprich: „rosa Linien“ (Plasberg), ergaben sich schon eher bei den Vor-Vor-Koalitionsverhandlungen zwischen FDP und SPD, live in dieser Talk-Runde übertragen. Dabei ging es weniger darum, dass Kevin Kühnert, stellvertretende SPD-Parteivorsitzender, noch letzten Donnerstag Christian Lindner putzig als „Luftikus ohne seriösem Finanzkonzept“ bezeichnet hatte.

Es ging um mehr. Um die Vermögenssteuer. Um einen Staat, so Kevin Kühnert, der erst durch Steuereinnahmen handlungsfähig wurde. Und der darauf zu achten hatte, „dass die Vermögensschere nicht exorbitant auseinanderging, damit der gesellschaftliche Frieden gewährleistet blieb“.

Dass der FDP-Chef unter diesen Prämissen in einer Ampelkoalition seinen Wunschposten als Bundesfinanzminister bekam, könnte wohl noch zu einem echten Knackpunkt werden, erkannte nicht nur Frank Plasberg.

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