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„Hart aber fair“: Linke und FDP einig über Impfpflicht

Der Streit darüber, wie die deutsche Impfquote weiter erhöht werden könnte, offenbarte bei „Hart aber fair“ interessante Koalitionen.

Von Karina Krawczyk
Das ist "hart aber fair"

Das ist "hart aber fair"

Die polarisierende Politik-Sendung im Ersten mit Moderator Frank Plasberg gibt es nun seit stolzen 20 Jahren. Jeden Montag finden sich diverse Gäste in einer hitzigen Diskussionsrunde wieder.

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Berlin. Wer hätte das vermutet, dass Janine Wissler, Vorsitzende der Linkspartei, und Volker Wissing, Generalsekretär der FDP, mal einer Meinung sein würden, ja sogar zwei Mal in nur einer „Hart aber fair“-Sendung.

Beide hielten die geplante Abschaffung der kostenlosen Schnelltests zum 11. Oktober für falsch. Beide waren gegen eine Covid-19-Impfpflicht, und das auch noch aus nur minimal unterschiedlichen Gründen: Während die Liberalen naturgemäß „niemanden zwingen“ wollten, setzten die Linken dazu auf bessere Aufklärung und niederschwellige Angebote.

Augenblicklich erkannte Frank Plasberg, der wieder vor voll besetztem Studio auftrat, in dieser Frage eine „interessante Koalition“ jenseits der üblichen Parteilinien. „Vier Wochen vor einer spannenden Bundestagswahl scheint plötzlich alles möglich“, kommentierte er ironisch. Von Jens Spahn, das ergab sich dann später noch, kamen gegen den FDP-Mann stattdessen nur gezielte Nadelstiche.

"Hart aber fair": Diese Gäste waren am Montag dabei:

  • Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister (CDU)
  • Melanie Amann, Journalistin, Leiterin des "Spiegel"-Hauptstadtbüros
  • Volker Wissing, FDP-Generalsekretär
  • Janine Wissler, Parteivorsitzende Die Linke
  • Cihan Çelik, Oberarzt und Facharzt für Innere Medizin

Corona: Geimpfte werden ungeduldig

Würde Corona auf den letzten Metern noch das Wahlergebnis beeinflussen, fragte Frank Plasberg. Und hatten Politiker deshalb nicht den Mut, unpopuläre Maßnahmen durchzudrücken, obwohl sie eigentlich angeraten waren? Im Gästebuch zur Sendung hatte ein Zuschauer bereits drastisch formuliert: „Man nutzt als Werkzeug Ethikrat und Wirte, damit eine Impfflicht durch die Hintertür geschieht. Warum hat die Politik keinen Arsch in der Hose?“ Lesen Sie auch: Corona-Patienten - Lage auf Intensivstationen verschärft sich

Im zweiten Corona-Sommer wurde der Ton der Kommentare rauer, bestätigte Zuschaueranwältin Brigitte Büscher, nicht nur im Gästebuch von „Hart aber fair“, auch auf den Straßen und Marktplätzen: Kurz zuvor war sie quer durch Sachsen-Anhalt, NRW und Bayern gefahren, um für einen „Bürgercheck“ Stimmen und Stimmungen vor Ort einzufangen. Gerade die Geimpften wurden allmählich ungeduldig, fasste sie die häufigsten Aussagen zusammen: Wir haben unseren Beitrag geleistet, jetzt möchten wir unsere Freiheit wiederhaben, wünschten sich die Menschen.

„Hart aber fair“: Wie lange bleibt die Impfung freiwillig?

Erstaunlicherweise lieferte das Corona-Thema immer noch genug Stoff, um eine „Hart aber fair“-Sendung zu füllen. Zu unterschiedlichen Quarantäne-Regelungen und Versäumnissen, Schulen und Kitas rechtzeitig so auszustatten, dass Kinder und Jugendliche vor der Delta-Variante ausreichend geschützt waren, bestimmte vor allem eine Frage die Talk-Runde an diesem Montag: Wäre eine Impfpflicht nicht der schnellste und beste Weg, um wieder zur Normalität zurückzukehren? Frank Plasberg war dafür offen.

Melanie Amann, Leiterin des Spiegel-Hauptstadtbüros, fragte sich zumindest gespannt, wie lange der „an sich vernünftige Ansatz, die Leute dazu zu bringen, sich freiwillig impfen zu lassen“ nach der Wahl noch halten würde, zumindest für einzelne Berufsgruppen.

„Ich habe die Sorge, dass wir in ein paar Monaten mit einer neuen Variante dastehen“, erklärte sie, ohne dabei als „Verbots- und Kontroll-Trulla in dieser Runde“ dastehen zu wollen. Dann würden diejenigen, die sich jetzt schon nicht impfen lassen wollten, erst recht auftrumpfen: „Ha, jetzt tut ihr so, als gäbe es eine neue Lage, dabei wolltet ihr die Impfpflicht von Anfang an.“

Impfung: Zum „Freedom Day“ fehlen noch 10 Prozent

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ließ sich durch solche Szenarien nicht aus der Ruhe bringen. Bevor auch in Deutschland alle Masken und Einschränkungen fallen könnten – wie zum Beispiel schon am 10. September in Dänemark – müsste die Impfquote noch um zehn Prozent anziehen. Für einen „Corona Freedom Day“, wie ihn der NRW-Familienminister Joachim Stamp für den 3. Oktober vorschlug, sei es, seiner Meinung nach, viel zu früh. „Auch Großbritannien hat einen hohen Preis dafür bezahlt, mit vielen Corona-Toten mehr.“

Trotzdem sei er gegen eine verpflichtende Impfung, weil die nur zu verhärteten Fronten führen würde: „Wie müssen aufpassen, dass aus den zunehmenden Spannungen zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften nicht eine Spaltung der Gesellschaft wird“, mahnte Jens Spahn.

„Hart aber fair“: Jens Spahn will Geimpfte belohnen

„Es geht auch darum, die Geimpften zu belohnen“, setzte er hinzu. Und hatte dabei Erleichterungen am Arbeitsplatz im Sinn: Noch dürften Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden nicht nach deren Impfstatus fragen. Das sollte sich ändern, spätestens im Frühjahr, schlug er vor.

„Wenn ich in einem Großraumbüro sitze, dann macht es einen großen Unterschied, wenn ich weiß, welche Vorsichtsmaßnahmen ich noch treffen muss und welche nicht mehr“, erläuterte er die Vorteile für alle. Und nahm damit – wie schon mehrfach zuvor – geschickt der reflexhaften Frage von Volker Wissing allen Wind aus den Segeln: Nein, das bedeute nicht, die Arbeitgeber gleich in die Pflicht zu nehmen.

Wie wichtig es aber war, dass gerade im Gesundheitswesen alle Mitarbeiter geimpft waren, verdeutlichte der kurze Einspieler mit Burghard Schneider, der als Heimleiter einer evangelischen Einrichtung für 11.000 Pflegebedürftige verantwortlich war: Obwohl die Bewohner vollständig durchgeimpft waren, hatte eine ungeimpfte Betreuerin nach der Rückkehr aus dem Urlaub 15 infiziert, drei von ihnen mussten sogar beatmet werden.

Pandemie: Nicht-Geimpfte sind nicht gleich Gegner

„Ja, auch nach einer vollständigen Impfung kann man sich noch mit Covid-19 infizieren“, bestätigte Cihan Çelik, Oberarzt auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt. Von Frank Plasberg immer dann gefragt, wenn es um eine medizinische Einschätzung der politischen Entscheidungen ging, relativierte er aber auch gleich: Die Inzidenz bei Nicht-Geimpften sei aktuell zehn Mal höher – das könnten die RKI-Zahlen belegen, die inzwischen zwischen den beiden Gruppen differenzierten. Und die Krankheitsverläufe seien ohne Impfung sowieso viel schwerer.

Aber auch er wollte weiter bei einer freiwilligen Impfung bleiben: „Eine Impfpflicht ist immer auch eine Kapitulation des guten Arguments“, gab er zu bedenken. Und plädierte stattdessen dafür, dass Hausärzte noch stärker versuchen sollten, ihre Patienten durch persönliche Ansprache zum Impfen zu bewegen: „Die meisten Nicht-Geimpften sind keine Gegner, sie hatten bisher nur noch keine Gelegenheit, sich den Piks abzuholen.“

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