Plagiatsaffäre

"Markus Lanz": Was die wirklichen Probleme der Grünen sind

Der Dienstagabend bei "Lanz" zeigte: Die Grünen schießen sich gerade selbst in Bein – aber nicht unbedingt mit Annalena Baerbocks Buch.

Von Philipp Luther
Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Berlin. Die Grünen haben derzeit keinen guten Stand im Wahlkampf zur Bundestagswahl. Bei ihrer Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock häufen sich die Fehler, die Umfragewerte rauschen ab. Vielleicht tat sich die „Markus Lanz“-Redaktion deswegen schwer, für die Sendung vom Dienstag jemanden aus der ersten Reihe der Grünen ins Studio zu holen.

Denn das dürfte dem grünen Spitzenpersonal klar gewesen sein: Schon wieder in einer Talkshow einen Fehler der Parteispitze wegreden müssen war nicht gerade die beste Aussicht, Person, Partei und Politik gut in Szene setzen zu können. Der Abend zeigte dann auch, was bei den Grünen im Moment wirklich schief läuft.

„Markus Lanz“ – Das waren die Gäste:

  • Oliver Krischer (Grüne), Politiker
  • Claudia Neumann, Kommentatorin
  • Jana Schroeder, Virologin
  • Ulrich Schulte, Journalist („taz“)
  • Julius van de Laar, Strategieberater

Gekommen war der der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Oliver Krischer, der zuletzt mit einem Tweet gegen Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet von sich reden machte.

28 Grüne hätten sie angefragt, klagte Lanz süffisant zu beginn der Sendung, „und niemand hatte Zeit“. Wie sich Krischer das erkläre? „Es ist Ferienzeit“, gab der zurück und außerdem sei Wahlkampf „mit einer spannenden Debatte“. Ob bei Umfragewerten jenseits der 30 Prozent wohl mehr Grüne Zeit für ihn – Lanz – gehabt hätten?

„Markus Lanz“: Grüne klagen über „Lappalien

„Nun, dann hätten wir wahrscheinlich eine inhaltliche Debatte hinter uns gehabt, die wir nicht hatten“, erklärte Krischer und versuchte gleich den Gegenangriff, bei dem Moderator Lanz wohl stellvertretend für Teile der deutschen Medienlandschaft stehen sollte: „Wir unterhalten uns über Lappalien, verlieren uns ins einem Wahlkampf, der sich nicht um die Zukunftsfragen des Landes dreht.“ Das sei „schon ein Problem“, beklagte der Grüne, der mit seinem Tweet gegen den NRW-Ministerpräsidenten nicht unbedingt unbeteiligt am Problem ist.

Lanz parierte die Attacke denn auch umgehend und lenkte das Gespräch zurück auf Krischer und die Grünen, zitierte aus einer E-Mail der Parteipressestelle in der es hieß, man finde „keine*n geeignete*n Gesprächspartner*in“. Ob Krischer denn nicht geeignet sei, wie man das zu interpretieren habe? „Ich bin da“, gab Krischer schmallippig zurück und außerdem kommentiere er nicht die Kommunikation der Pressestelle.

Seinen Tweet verteidigte Krischer als „Zuspitzung“, was „taz-Journalist“ Ulrich Schulte so nicht stehen ließ: Das sei „eine Entgleisung“ gewesen, für die sich Krischer auch mal hätte entschuldigen können. Allerdings gestand Schulte zu, dass „unterlassene Klimapolitik Menschenleben kosten wird“, und dass die Vergrößerung des Abstandes zwischen Wohnhäusern und neuen Windrädern dazu führt, dass „in Deutschland kaum noch Flecken übrig bleiben, wo man Windräder hinstellen kann“.

Obama-Berater bei „Lanz“: Baerbocks Buch ist „Klotz am Bein“

Der ZDF-Moderator hatte sich da vielleicht mehr Angriff vom Vertreter der „taz“ gewünscht. Lanz wechselte jedenfalls sofort das Thema und nahm das offene grüne Zentrum ins Visier. „Ich frage mich, Herr Krischer, gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem Tweet und dem, was gerade rund um das Buch von Annalena Baerbock passiert?“ Ob er ablenke wolle? „Nein, da kommt nicht Annalena Baerbock vor, das hat damit nicht zu tun“, schoss Krischer zurück.

Dass er vielleicht doch von Baerbocks Buch ablenken wollte, analysierte der ehemalige Wahlkampfberater Barack Obamas, in wenigen Sätzen: „Das hat auch funktioniert. Wir reden jetzt seit zehn Minuten über Windenergie und eben nicht über Bücher und sonstiges.“ Überhaupt sei das Buch ein unnötiger Fehler gewesen. „Es war keine Notwendigkeit, sich diesen Klotz ans Bein zu binden“, befand der Stratege. Noch nie habe ein Spitzenkandidat vom eigenen Buch kurz vor einer Wahl profitiert. Lesen Sie auch: Vorwürfe gegen Baerbock - Wer ist Plagiatsjäger Stefan Weber?

Grünen-Vize tut sich schwer

So durfte Krischer nun auch noch ein unnötiges Buch verteidigen, bei dem auch in Augen Schultes „copy-paste Probleme vorliegen“ – und tat sich dabei sichtlich schwer. Baerbock arbeite eben so, dass sie sich „Sachen aufschreibt“, versuchte es Krischer, während die „Lanz“-Redaktion eine quasi-wörtliche Übernahme der Grünen-Kandidatin aus einem Klimaschutz-Blog einblendete.

An anderer Stelle – da wurde offensichtlich, dass im Baerbock-Buch auch eine Text-Passage über jesidische Kinder der Deutschen Welle (DW) ein Gastspiel gibt – sprach Krischer dann etwas holpernd von „gewissen Parallelitäten“. Es gehe doch vielmehr darum, dass im Nordirak „wir da extrem bedrohte Menschen haben“, da komme es nicht darauf an, „ob da ein Halbsatz irgendwo anders her übernommen wurde“.

Lanz ließ Krischer damit nicht vom Haken: „Glauben Sie das eigentlich, was sie da sagen?“ ging er den Grünen scharf an und wies darauf hin, dass es vielleicht doch darauf ankommt, ob in einem persönlichen Reisebericht der Grünen-Kanzlerkandidatin exakte Formulierungen aus einem ein Jahr zuvor erschienen DW-Text vorkommen.

"Markus Lanz": Das wahre Problem der Grünen heißt nicht Baerbock

Die Übernahme sei ja „nicht exakt so“, gab Krischer trotzig zurück und versinnbildlichte damit endgültig das wahre Problem der Grünen in der Buch-Causa und dem bisherigen Wahlkampf: „Die grüne Krisenkommunikation ist gerade katastrophal“, analysierte „taz“-Journalist Schulte die unglücklichen Verteidigungsversuche Krischers und seiner Partei. Lesen Sie dazu: Wer berät eigentlich Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock?

Die Grünen stritten ab, „was offensichtlich sei“ – und das aus Schultes Sicht ohne große Not. Die Partei könnte doch viel „lässiger“ argumentieren, in der politischen Ebene werde nun mal mit Gedankenübernahme gearbeitet, daher seien auch Baerbocks übernahmen „kein großer Skandal in der Sache“.

Schwerer wiegt für Schulte vielmehr die Folge des sinnlosen Abstreitens: „Das große grüne Narrativ“ einer jungen integren Kandidatin für Aufbruch und Erneuerung „implodiert gerade“. Diese „peinliche Geschichte“ sei nun das Erste, was eine breite Öffentlichkeit von Baerbock mitbekomme. Das hinterlasse einen schweren Kratzer. „Nicht weil es in der Sache dramatisch wäre, sondern weil es ein Image konterkariert.“

„Markus Lanz“ – So liefen die vergangenen Sendungen