Fleischfabriken

TV-Doku über Tönnies-Werke: Keine Besserung in Sicht

Im Tönnies-Stammwerk erkrankten letzten Sommer ca. 1000 Arbeiter an Corona. An den Arbeitsbedingungen hat sich seitdem wenig geändert.

Von Karina Krawczyk
Clemens Tönnies: Vom Metzger zum Milliardär

Clemens Tönnies: Vom Metzger zum Milliardär

Der Unternehmer Clemens Tönnies führt ein globales Fleisch-Unternehmen. Er polarisiert mit seinen Aussagen und musste schon häufig Kritik überstehen.

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Rheda-Wiedenbrück. Vielleicht geht es den Schweinen sogar besser als den Menschen. Bevor die Tiere in einem der Schlachthöfe des Tönnies-Imperiums getötet werden, dürfen sie angeblich drei Stunden lang ihren Transport-Stress abbauen – in einem Stall mit Fußbodenheizung. Das verspricht das Unternehmen in einem Werbevideo, dass auch Teil der neuen ZDF-Dokumentation "Billigfleisch um jeden Preis?" ist.

Der Film zeigt die Menschen, die den Preis bezahlen. Die osteuropäischen Arbeiter, die in den Tönnies-Kühlfabriken an den Schlachtbändern stehen, hausen in runtergekommenen Wohnungen, wo sie sich mindestens zu Dritt ein Zimmer teilen. Die Miete von 190 Euro pro Kopf wird automatisch vom Lohn abgezogen. Da bleibt von dem mageren Lohn, den sie für 200 Stunden körperlich härtester Arbeit bekommen, weniger als versprochen.

Öffentlich kritisiert wurden die skandalösen Arbeitsbedingungen zuletzt, als sich im Sommer letzten Jahres rund 1.000 Arbeiter im Tönnies-Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück mit dem Coronavirus infizierten. Das Superspreader-Ereignis bedrohte auch die Einwohner der Stadt Gütersloh massiv.

Tönnies versprach Besserung – Die Dokumentarfilmer sehen nichts davon

Unter Druck versprach Konzern-Chef Clemens Tönnies Besserung, mehr noch: Er wollte die Arbeitsbedingungen der ganzen Branche verändern. Wie zum Beweis, startete er im Frühjahr nun eine neue Kampagne auf YouTube, die zeigt, wie sehr ihn der Standort kümmerte. Denn schließlich generiere sein Unternehmen ja auch 325 Millionen Euro jährlich für die Region.

Für ihre aktuelle Doku wollten Birte Meier und Leonie Schöler nun wissen, was sich in den Tönnies-Schlachthöfen tatsächlich geändert hat. Wer die Bilder sieht, die mit versteckter Handykamera die Anreise der angeworbenen Rumänen dokumentieren, wird schnell desillusioniert. Ohne Maske sitzen die Arbeiter dicht gedrängt im Bus. Mit den Verbesserungen scheint es noch nicht so weit her zu sein.

Meier und Schöler sprachen auch mit auch Kritikern und einigen wenigen Arbeitern, die sich trauen, mit verfremdeter Stimme vor der Kamera auszusagen. Übereinstimmend erzählen sie in polnisch, rumänisch oder bulgarisch, dass ihre harte Arbeit keinesfalls leichter oder sicherer geworden sei.

Von der Geschäftsführung wollte sich – trotz mehrfacher Anfragen – niemand in der Doku äußern, noch nicht einmal Sigmar Gabriel, der sich im letzten Jahr überraschend vom Konzern-Kritiker zum gut dotierten Tönnies-Berater wandelte.

Tönnies rasanter Aufstieg zum Milliardär

Kompakt und angereichert mit Archiv-Material zeigt der Film auch, was das „System Tönnies“ für den rasanten Aufstieg des Metzgersohns aus Rheda-Wiedenbrück brachte: In nur 20 Jahren schaffte es der Metzgersohn aus kleinen Verhältnissen auf die Forbes-Liste der reichsten Deutschen – 1,7 Milliarden Euro Privatvermögen soll er nun besitzen.

Clemens Tönnies, der sich gerne mit Polit-Prominenz – bis hin zu – umgibt, sieht sich selbst als durchsetzungsstarken Macher. In der Öffentlichkeit zeigt er sich gerne auch als Sponsor von Familienfesten oder Benefiz-Veranstaltungen. Bevor er wegen einer rassistischen Bemerkung 2020 als Schalke 04-Boss zurücktreten musste, sang er bei einer Feier noch ausgelassen und aus tiefster Überzeugung: „Ich mach mein Ding, egal, was die anderen sagen!“

Obwohl er seit 2004 immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert wurde, konnte offenbar weder die Staatsanwaltschaftmit Ermittlungen wegen Verdachts auf Betrug, Steuerhinterziehung und Korruption – noch der zuständige NRW-Landesarbeitsminister gegen die Geschäftspraktiken des gewieften Geschäftsmanns etwas ausrichten. Die Größe der Holding, aufgeteilt in viele Einzelunternehmen, verhinderte 2011 im „Wurstlücke“-Prozess, dass jemand die Verantwortung übernahm.

Selbstsicher erklärte da der Tönnies-Anwalt zum Prozess-Ende vor laufender Kamera: Es sei doch egal, ob im Hackfleisch fünf Prozent mehr oder weniger Rindfleisch enthalten wäre als angegeben. „Entscheidend ist die Abstimmung der Verbraucher mit den Füßen.“ Sollte heißen: Solange die Käufer mit den Produkten zufrieden sind, müsse man über elende Details nicht streiten.

"Billigfleisch um jeden Preis?" ist ab dem 30 Juni, 19:00 Uhr in der ZDF-Mediathek zu sehen, und am Abend des 30 Juni um 20:15 Uhr sowie am 9. Juli um 12.45 Uhr auch bei ZDFinfo.