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„Markus Lanz“: 300 Euro mehr für Reise nach Mallorca?

Bei „Markus Lanz“ wettkämpften Grüne und FDP darum, wer 2021 das beste Klimakonzept hat. Wer will die Welt am effizientesten retten?

Von Karina Krawczyk
Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Berlin. Auch die FDP hat jetzt ein Klimakonzept. Hörte man Marco Buschmann bei „Markus Lanz“ zu, dann war es sogar „das härteste von allen“.

Dann erläuterte der Parlamentarische Geschäftsführer, warum: Statt im Mikromanagement möglichst viele Vorschriften zu erlassen, wollte die FDP lediglich eine CO2-Höchstausstoß-Menge ins Gesetz schreiben, die dann in Zertifikate aufgeteilt würde. „Die Zertifikate kann man dann kaufen und verkaufen“, pries er die schon in vielen Ländern gebräuchliche Praxis als plausibles Patentrezept zur Klimarettung an. Lesen Sie dazu: Klimakiller? So umweltschädlich ist Fliegen wirklich

„Wir wollen, dass es voran geht, aber für die Wirtschaft sollen die Lösungen skalierbar bleiben“, setzte Marco Buschmann noch hinzu: „Was uns unterscheidet, ist, dass wir auf unterschiedliche Mosaiksteine setzen und nicht nur auf die eine Lösung, alles, was CO2 einspart.“

„Markus Lanz“ – Das waren die Gäste:

  • Jürgen Trittin, Politiker, die Grünen
  • Marco Buschmann, Politiker, FDP
  • Gregor Peter Schmitz, Journalist
  • Dr. Birgid Puhl, Ärztin

Markus Lanz schien weder überrascht noch überzeugt: Der Markt also sollte es richten, wieder einmal – kommentierte er die enthusiastische Ausführung seines FDP-Gastes mäßig begeistert.

Auch der kalkulierte Seitenhieb auf die Grünen verfing nicht. Jürgen Trittin jedenfalls verzog beim „härtesten“ Klimakonzept sein Gesicht nur zu einem milden Lächeln. Für ihn war der Zertifikatshandel ein alter Schuh: Als Bundesumweltminister hatte er schon 2003 den Co2-Emissionshandel „für energieintensive Anlagen“ eingeführt. Inzwischen lag das Strom-Zertifikat in diesem Bereich bei 50 Euro pro CO-Tonne, was noch vor vier Jahren niemand für möglich gehalten hätte. Lesen Sie hier: Superwahljahr 2021 - Das sind die Termine im Überblick

Markus Lanz stichelt über „Heilige und Scheinheilige“

„Das Modell funktioniert inzwischen“, bestätigte Trittin. Doch wenn es nun auf weitere Bereiche ausgeweitet werde, wie es die Grünen in ihrem Wahlprogramm vorschlugen, „wäre für die FDP schon die Hälfte zu viel“, kommentierte er, ohne sich auf den Wettstreit weiter einzulassen.

„Wenn wir bis 2030 Zweidrittel der Treibhausgase einsparen wollen, werden wir nicht umhinkommen, die Menge an Erneuerbaren zu verdoppeln“, sagte er stattdessen voraus. Das hieße eben auch, Planungs- und Genehmigungsverfahren radikal zu vereinfachen. „Ohne staatliche Rahmensetzung wird es nicht gehen.“

Natürlich war es Absicht, bestätigte Markus Lanz, dass an diesem Donnerstag die Vertreter der beiden kleinen Parteien zusammen ins Hamburger Studio geladen waren. Mit Blick auf Pfingsten wollte er einmal über „über Heilige und möglicherweise auch über Scheinheilige“ sprechen, stichelte er in seiner Anmoderation. Und versuchte dann mit gezielten Reizfragen heraus zu kitzeln, wo die programmatischen Unterschiede zwischen beiden Parteien lagen.

Grünen-Wahlprogramm: „Ein richtiges Wellness-Programm“

Wie stehen überhaupt die Chancen, dass es zu einer Jamaika-Koalition kommen würde, falls es das Wahlergebnis im September hergab? Hatte Parteichef Christian Lindner beim Berliner FDP-Parteitag nicht eine „dicke rote Linie“ gezogen, indem er für seine Regierungsbeteiligung jegliche Steuererhöhung ausschloss, aber auch neue Schulden zu machen? War seine Festlegung schon die eingebaute Sollbruchstelle für die Koalitionsverhandlungen? Speziell an den FDP-Mann gerichtet, fragte Markus Lanz deshalb skeptisch: „Wie geschmeidig muss man sein, um aus solchen Aussagen dann noch herauszukommen?“

Markus Lanz - So liefen die letzten Sendungen

Jedenfalls nicht so cremig, wie es die Formulierung erwarten ließ: Marco Buschmann, zum ersten Mal Gast bei Markus Lanz, schlug sich locker und ohne offensichtliche Andienerei. „Wir wollen gut regieren“, paraphrasierte er die berühmte Entschuldigung seines Parteivorsitzenden, mit der er die schief gegangene „Klassenfahrt nach Jamaika“ 2017 begründet hatte. Steuern nicht zu erhöhen sei „total plausibel“, verteidigte er den FDP-Beschluss. „Der Königsweg heißt Wirtschaftswachstum.“

So richtig in Fahrt wollte der Wettstreit zwischen den beiden Parteivertretern nicht aufnehmen. Während Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur der „Augsburger Allgemeinen", in dem verhaltenen, meist höflichen Geplänkel wenig Gemeinsamkeiten erkannte und sowieso noch „keine Koalition“ sah, wunderte er sich vor allem über die 3.500 Änderungsanträge, die die Grünen-Basis zum Wahlprogramm eingereicht hatte: „Dabei ist es doch ein richtiges Wellness-Programm“, setzte er ironisch hinzu.

300 Euro mehr für Reise nach Mallorca?

„Aber die Reise nach Mallorca wird für die vierköpfige Familie bis zu 300 Euro teurer“, wandte Markus Lanz ein, noch einmal zum Klima. Das sei bloß eine „Symboldebatte“, beschwichtigte der FDP-Mann. Durch das Steuerkonzept der FDP würden kleine Einkommen sogar entlastet, führte er aus: „Eine alleinerziehende Mutter mit 25.000 Euro Jahreseinkommen mit bis zu 400 Euro“, zum Beispiel.

Jürgen Trittin verwies da lieber auf den „Nettogewinn für Ärmere“, deren Co-Fußabdruck begreiflicherweise geringer sei als der von Besserverdienern: So könnten sie bei der Pro-Kopf-Prämie, die aus den Einnahmen der Zertifikate zurückgezahlt würde, besonders profitieren: „Je höher der CO2-Preis, desto mehr wird verteilt.“

Da brachte in der verhaltenen Debatte um die grün/ gelben Zukunftskonzepte der Auftritt von Birgid Puhl in den letzten zwanzig Minuten Zuschauer wie Studiogäste zurück auf den Boden der Realität: Die Hamburger Ärztin begrüßte es ausdrücklich, dass die Impfpriorisierung im Juni für die Hausärzte aufgehoben wird, nicht nur, weil der administrative Aufwand die Praxen ans Limit brachte.

„Wir müssen jetzt wirklich wieder an die Kinder und Jugendlichen denken“, bekräftigte sie. Die hätten sich während der Pandemie großartig verhalten, aber auch extrem unter dem Lockdown gelitten. „Rückzugstendenzen, Depressionen, ausgeführte Suizide haben zugenommen“, berichtete sie aus der Praxis. „Manchmal denke ich, wir haben uns an einer ganzen Generation versündigt.“

„Markus Lanz“ – So liefen die vergangenen Sendungen