Verfilmung

Wirecards Stromberg: Darum lohnt sich der RTL-Doku-Thriller

RTL zeigt die Verfilmung des Wirecard-Skandals. Christoph Maria Herbst spielt Wirecard-Boss Markus Braun. Warum sich einschalten lohnt.

Opposition: Behörden verhielten sich bei Wirecard "dilettantisch"

Opposition: Behörden verhielten sich bei Wirecard "dilettantisch"

Im Wirecard-Skandal ziehen Vertreter von FDP, Grünen und Linken eine für die Regierung vernichtende Zwischenbilanz des im Oktober gestarteten parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Der insolvente Münchner Zahlungsdienstleister soll jahrelang die Bilanzen gefälscht haben, was aber niemand bemerkt haben will.

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Berlin. Christoph Maria Herbst tigert in seinem Büro herum, mit aufgerissenen Augen und sich überschlagender Stimme schreit er: „Wir müssen das Geld suchen“. Es ist eine Szene, die auch Teil der Comedy-Serie „Stromberg“ sein könnte, mit der Christoph Maria Herbst als politisch inkorrekter Abteilungsleiter einer Versicherung zur Berühmtheit wurde.

Nun schlüpft Christoph Maria Herbst in „Der große Fake – Die Wirecard-Story“ wieder in die Rolle eines Chefs: Der 55-Jährige mimt Dr. Markus Braun, langjähriger Chef des Skandal-Unternehmens Wirecard, das für den größten deutschen Wirtschaftsskandal der Nachkriegsgeschichte verantwortlich ist.

Um 20.15 Uhr zeigt RTL heute den Doku-Thriller, der teils auf gespielter Handlung und teils auf realen Interviews aufgebaut ist.

Wirecard-Film: Christoph Maria Herbst spielt Wirecard-Boss Markus Braun

Es ist ein wilder Ritt, auf dem die Regisseure und Drehbuchautoren Raymond und Hannah Ley ihre Zuschauer mitnehmen. Und doch ist es nur der Versuch einer Annäherung. Zu irre ist der Skandal, der die Münchener Staatsanwaltschaft sowie einen Untersuchungsausschuss im Bundestag beschäftigt, um ihn in Gänze abzubilden.

Allein durch die Besetzung von Christoph Maria Herbst gewinnt der Film bereits an Charme. Auch wenn es Herbst nicht gelingt, den sanften Wiener Dialekt von Wirecard-Chef Markus Braun zu imitieren, vermittelt er doch das Bild eines Chefs, der in einer eigenen Sphäre schwebt. „Im Leben geht es darum, möglichst nah an die Kaiserlogen zu kommen“, sagt er in Anspielung an den Wienern Opernball.

Markus Braun, ein Mann der schönen Künste, der sich in Manier von Apple-Gründer Steve Jobs stets mit einem schwarzen Rollkragenpullover kleidet und über Technologie und den Aktienkurs seines Unternehmens philosophiert, während sein Unternehmen Zahlungen für Pornoseiten und Glücksspiel abwickelt.

Arroganz und Ignoranz als Haupteigenschaften

Herbst spielt Braun als einen Mann, dem seine Mitarbeiter egal sind, der ihnen nicht zuhört – so wie ihn auch frühere Wirecard-Beschäftigte beschreiben. Als einen selbstverliebten Tech-Freak, der auf die Frage, wo er in fünf Jahren sein will, antwortet: „Da, wo Sie nie sein werden.“ Der sich selbst einen IQ von 160 bescheinigt und der die Corona-Pandemie als Ärgernis empfindet, da es so zu „menschlichen Zusatzthemen“ kommen könne.

Ein fiktionaler Wirecard-Mitarbeiter beschreibt Braun als eine Art „superfieser Bösewicht in einem James-Bond-Film – hochkriminell, aber irgendwie mit Stil.“ Diese Beschreibung mag auf den echten Markus Braun zutreffen.

Im Film jedoch spielt Christoph Maria Herbst einen Markus Braun, der von der Wirklichkeit entrückt ist, nicht zu merken scheint, wie sein Unternehmen kollabiert. Ein Chef, der von einem Milliardenbetrug nichts mitbekommt. Das wiederum ist die Version, die der echte Markus Braun als Verteidigungsstrategie gewählt hat. Die Hauptschuld an dem Betrug tragen in dieser Version andere, etwa der flüchtige Manager Jan Marsalek.

Verschenktes Potenzial bei Jan Marsalek

Jan Marsalek ist ein Phänomen. Nur wenige kennen ihn persönlich, es ranken sich wilde Geschichten um ihn, der es vom Schulabbrecher aus Wien zum Top-Manager bei Wirecard schaffte, ständig im Flugzeug und ist er mal am Boden, dann soll er sich mit Geheimdiensten getroffen, libysche Milizen angeheuert oder sich Sushi auf nackten Frauenkörpern serviert gelassen haben.

Der in der Serie „Charité“ bekanntgewordene Schauspieler Franz Hartwig spielt Jan Marsalek. Schauspielerisch ist er zwar überzeugend, dennoch bleibt dieser Part weit unter seinen Möglichkeiten. Marsalek wird als Gigolo dargestellt, dessen Alltag von Sex und Macht geprägt ist und der ansonsten damit beschäftigt ist, den Betrug unter den Teppich zu kehren.

Ein bisschen Größenwahn, ein bisschen Kalkül, alles in allem aber recht mutlos wirkt dieser Teil des Films, recht plump auf sexuellen Affären und Treffen mit zwielichtigen Personen zusammengenäht. Die puppenspielerhaften Facetten des Flüchtigen kommen dabei aber kaum zum Vorschein, ebenso wenig seine technische Besessenheit. Auch seine spektakuläre Flucht wird nicht weiter thematisiert. Dabei hätte gerade hier eine Chance auf mehr Tempo, mehr Spannung, bestanden.

Überzeugender dokumentarischer Teil

Ohnehin lohnt sich der Film nicht wegen seiner fiktionalen Handlung. Die ist eher mittelmäßig, erzeugt nur selten Spannung und begreift sich als eine Abfolge von Ereignissen. Der Film schneidet viele Themen an, teilt dabei aus, etwa wenn der mutmaßlich verstorbene Wirecard-Manager Christopher B. als „wie man sich einen Thai-Sex-Touristen vorstellt“ charakterisiert wird, ohne Einblicke in seine Tätigkeit zu bekommen. Die Rolle der geprellten Kleinaktionäre wird anhand von Brauns Chauffeur verbildlicht. Möglichst viel will der Film zeigen, bleibt dabei aber oft am Oberflächlichen hängen.

Sehenswert ist der Film trotzdem – was vor allem durch am dokumentarischen Teil liegt. Die Filmproduktionsfirma UFA hat es für RTLs Streamingdienst TVNOW geschafft, spannende Gesprächspartner vor die Kamera zu bekommen: Von Weggefährten der mutmaßlichen Betrüger über ehemalige Wirecard-Mitarbeiter bis hin zum Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing.

Wirecard schickte Kritikern einen Boxer vorbei

Eindrücklich sind auch die Aussagen von Boxpromoter Ahmet Öner, der im Auftrag des Unternehmens Kritiker und Shortseller, also Aktienhändler, die auf fallende Kurse wetten, einschüchtern sollte. „In der Türkei kostet ein Menschenleben 1000 Dollar. Das einzige, was dir jetzt fehlt, sind die 1000 Dollar“, erinnert sich Öner, zu einem Shortseller gesagt zu haben. „Um dem noch eine Quintessenz zu geben, habe ich ausgeholt und in die Wand gehauen.“

Auch James Freis, kurzzeitiger Wirecard-Chef nach Markus Brauns Rauswurf, hat sich Zeit für ein Videointerview genommen, die bekannte Shortsellerin Fahmi Quadir begleitet das Kamerateam in New York. Andere Gespräche rekonstruieren die Macher aus Gesprächen, die unter anderem die beiden „Frankfurter Allgemeine Zeitung“-Journalisten Bettina Weiguny und Georg Meck geführt haben, auf deren Buch „Wirecard: Das Psychogramm eines Jahrhundertskandals“ der Film basiert.

Niedrigschwelliger Themen-Einstieg

Im Gegensatz zu den detailreichen Facetten des Buches stürmt der RTL-Film im Schnelldurchlauf durch die Ereignisse. Und doch bietet er einen niedrigschwelligen Einstieg in die Thematik, die derart skurril und verrückt ist, dass man beim Betrachten der Bilder zwangsläufig an eine Übertreibung denkt, auch wenn es in vielen Passagen wohl eher eine Untertreibung ist.

Bettina Weiguny und Georg Meck nutzen dafür in ihrem Buch ein Zitat des US-amerikanischen Bestseller-Autors John Grisham: „Das Erfundene kann nie mit der Wirklichkeit Schritt halten.“ Dieser Satz passt auch auf das Zusammenspiel von Dokumentation und Fiktion im Wirecard-Film.

Sendezeit: „Der große Fake – Die Wirecard-Story“. Am 22.04.2021 um 20.15 Uhr auf RTL und im Stream auf TVNOW.