Krimi

„Tatort“: Tolstoi und Geballer in „Macht der Familie“

Im neuen „Tatort“ mit Wotan Wilke Möhring spielt Kollegin Franziska Weisz die Hauptrolle. Darum geht es im Krimi aus Norddeutschland.

Von Thomas Andre
Der Einsatz läuft aus dem Ruder: Falke (Wotan Wilke Möhring) mit Kollegin Katia (Anja Taschenberg) in einer Szene aus dem «Tatort: Macht der Familie.»

Der Einsatz läuft aus dem Ruder: Falke (Wotan Wilke Möhring) mit Kollegin Katia (Anja Taschenberg) in einer Szene aus dem «Tatort: Macht der Familie.»

Foto: Meyerbroeker/NDR/dpa

  • Am Sonntag läuft der "Tatort: Macht der Familie" im Ersten
  • Dabei dreht sich alles um Versteckspiele und doppelte Identitäten
  • Wir haben den Sonntagskrimi bereits gesehen und verraten, ob sich das Einschalten lohnt

Die Männer oben, bei den Entscheidern, brauchen eher länger, bis sie Frauen befördern. „Aber ich bin sicher, das wird sich jetzt ändern“, glaubt die Kriminaldirektorin (Judith Rosmair) und gibt Julia Grosz (Franziska Weisz) den dritten Stern. Sie ist jetzt Hauptkommissarin. Druck von oben kommt nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen. Auf die zwei Millionen, die ein Undercover-Beamter – zwecks Geschäftsabwicklung mit einem Waffendealer – mit sich trägt, solle sie gut aufpassen, als Einsatzleiterin sei sie verantwortlich.

Aber dann sind nach einem desaströsen Einsatz nicht nur die Millionen futsch. Der Kollege (Ercan Karacayli) ist tot, der Waffenhändler weiter auf freiem Fuß. Dass Grosz nach der Nachricht vom Ableben des eingeschleusten Beamten ohnmächtig wird, ist übrigens eine schöne Volte im Themenbereich Spitzenjob und Geschlecht. Man selbst würde ja zu gerne mal Falke K.O. gehen sehen oder, noch besser, Nick Tschiller. Aber Til Schweiger ist hier nicht dabei, denn die „Tatort“-Folge „Die Macht der Familie“ ist die Show von Wotan Wilke Möhring und Franziska Weisz.

„Tatort“-Kommissar Falke ist persönlich betroffen

Oder die von Tatiana Nekrasov: Als LKA-Beamtin Marija Timofejew ist sie ebenfalls als verdeckte Ermittlerin unterwegs und außerdem die abtrünnige Ziehtochter des Waffenhändlers. Ja, dieser „Tatort“ (Buch und Regie: Niki Stein) legt es konsequent auf Versteckspiele und doppelte Identitäten an.

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Nur Falke ist, wie immer, eins zu eins. Und hängt, das dürfte manch einen zwar stören, gibt den ARD-Krimis aber grundsätzlich ihre emotionale Ebene, wieder mal persönlich mit drin. Der tote Kollege war sein Freund und Marija kennt er von früher. Wahrscheinlich auch eine Bettgeschichte, aber egal, lange her. Dennoch flucht sich Falke erst mal unnachahmlich durch die Szenerie, weil die Kolleginnen Marija beschatten. Sie trauen ihr nicht, Blut ist dicker als Wasser und so.

ARD-Krimi bietet Thriller-Handlung

Dabei soll nun über Marija der Großkriminelle drangekriegt werden. Victor Timofejew (Wladimir Tarasjanz) handelt mit altem russischem Gerät. Nach dem Suizid des Bruders nahm er sich zudem dessen Familie an, der Schwägerin und der Kinder. Marija wechselte auf die andere Seite, Nicolai (Jakub Gierszal) dagegen ist der vom Paten ausersehene Nachfolger im weltumspannenden Business, das von der Villa in Norddeutschland aus gesteuert wird. Pech nur, dass der Erbe ebenfalls beim Einsatz der Strafverfolgungsbehörden zu Tode kommt. Hat die Familie etwas damit zu tun? Die Konkurrenz aus dem Osten?

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Marija, die Schöne zwischen den Fronten: Ihr anarchisches Agieren ist im Fortgang der Thriller-Handlung, in der mehr als einmal scharf geschossen wird, noch besser anzuschauen als Grosz’ Versuche, beim ersten Fall der Beförderung die Fäden in der Hand zu behalten. Ohne Klischees geht’s indes nicht, deshalb muss die Tiefe der russischen Seele ausgestellt werden. Der Alte klimpert russische Weisen am Klavier, auch sonst geht es im Clan kultiviert zu. Wer Tolstoi nicht korrekt zitieren kann, verliert. Schade nur, dass es auch hier wider mal nur der erste Satz von „Anna Karenina“ aufgetischt wird. Wobei die Timofejews sicher auf ihre Weise unglücklich sind.

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Dass der Krimi im Sommer 2020 unter Corona-Bedingungen gedreht wurde, ist übrigens klar ersichtlich: So leer wie hier sind S-Bahn-Stationen am helllichten Tag normalerweise nicht.

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