ARD-Talk

„Hart aber fair“: Was gegen das Einfamilienhaus spricht

Das deutsche Wohnideal steht zur Diskussion. Doch bei „Hart aber fair“ gehen Lösungen für die Wohnungsnot im Wahlkampfgetöse unter.

Von Ulrike Borowczyk
Das ist "hart aber fair"

Das ist "hart aber fair"

Die polarisierende Politik-Sendung im Ersten mit Moderator Frank Plasberg gibt es nun seit stolzen 20 Jahren. Jeden Montag finden sich diverse Gäste in einer hitzigen Diskussionsrunde wieder.

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Berlin. Das Einfamilienhaus ist der Wohntraum schlechthin von 60 Prozent der Deutschen. Kein Wunder also, dass Anton Hofreiter, der Fraktionsvorsitzende der Grünen, kürzlich für einen echten Aufreger sorgte, als er ausgerechnet diese Wohnform harsch kritisierte.

„Hart aber fair“ - Das waren Frank Plasbergs Gäste:

  • Katja Dörner, B‘90/Grüne
  • Kai Wegner, CDU
  • Gerhard Matzig, Buchautor und Architektur-Journalist bei der „Süddeutschen Zeitung“
  • Amira Mohamed Ali, DIE LINKE
  • Aygül Özkan, Geschäftsführerin des Zentralverbands der Immobilienwirtschaft Deutschland

Für ihn seien Einfamilienhäuser eine Ressourcenverschwendung. Der Aufschrei war riesig und erwartbar. Moderator Frank Plasberg befand im Montagstalk „Hart aber fair“: „Es gehört eine große politische Tollkühnheit dazu, das deutsche Einfamilienhaus infrage zu stellen.“ Aber Plasberg wusste auch: „Es gibt verdammt gute Gründe dafür.“ Denn sowohl bezahlbarer Wohnungsraum als auch Flächen werden knapp. Zumindest in den Städten. Auch interessant: Was die Regierung beim Wohnen erreicht hat – und was nicht

Einfamilienhäuser verbieten, Wohnungskonzerne enteignen?

Daher diskutierte die Talkrunde bei „Hart aber fair“ die Frage: „Einfamilienhäuser verbieten, Wohnungskonzerne enteignen: Wie radikal soll Wohnungspolitik sein?“ Mit dem Thema gönnte Frank Plasberg sich, seinen Gästen und den Zuschauern einen Corona-freien Abend mit dem Dauerbrenner „Wohnen“. Dass es sich im Superwahljahr kurz vor dem Urnengang in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg um ein heißes Wahlkampfthema handelt, wurde schnell klar. Mehr zum Thema: Sechs Jahre keine Erhöhung: Verbände wollen Mieten begrenzen

Denn es gab endlosen Streit zwischen der Linken-Fraktionsvorsitzenden Amira Mohamed Ali und Katja Dörner, der grünen Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn, einerseits sowie Kai Wegner andererseits. Der baupolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Landesvorsitzende der CDU Berlin will bei der Wahl im Herbst Regierender Bürgermeister der Hauptstadt werden. Grund genug offenbar, damit Amira Mohamed Ali ihm permanent ins Wort fiel, während Kai Wegner indes Katja Dörner lautstark unterbrach.

Nicht nur Frank Plasberg platzte angesichts von so viel Wahlkampfgetöse der Kragen. Er bremste das Parteigeplänkel gleich mehrmals aus. Noch deutlicher wurde Buchautor und Architekturkritiker Gerhard Matzig, der genervt sagte: „Ich bin schon völlig erschöpft von diesem Wahlkampf.“ Selbst ein studierter Architekt, lagen die politischen Kontrahenten für Gerhard Matzig in der Sache eher nah beieinander. Und tatsächlich: Egal, welcher politischen Couleur, niemand wollte das Einfamilienhaus verbieten. Allen ging es um bezahlbaren Wohnraum. Nur der Weg dorthin war unterschiedlich.

Amira Mohamed Ali bekannte sich zum Mietendeckel, den sie selbst quasi miterfunden hat, und war überzeugt: „Wenn ich die Mietpreise nicht reguliere, nehmen die Investoren so viel wie sie kriegen können.“ In Berlin, wo der Mietendeckel seit einem Jahr gilt, sind die Angebotsmieten um 7,8 Prozent gesunken. Allerdings gab es auch 30 Prozent weniger Mietangebote. Somit ist es viel schwieriger geworden, eine der billigeren Wohnungen zu finden.

Kritik der Immobilienwirtschaft: Mietendeckel schafft nicht mehr Wohnraum

Aygül Özkan, Geschäftsführerin des Zentralverbands der Immobilienwirtschaft Deutschlands, war daher auch angesichts des Mietendeckels skeptisch: „Durch die Regulierung wird nicht mehr Wohnraum geschaffen.“ Lesen Sie auch: Hartz-IV-Wohnungen - Bund zahlt Milliarden für hohe Mieten

Dass Wohnen in der Stadt aber für viele schlicht zu teuer geworden ist, darüber war sich die Runde einig. Gerade in der Corona-Krise zeigt sich: Manch einer kann seine Wohnung nicht mehr halten. Es bräuchte eine Verdichtung der Städte und einen intensiveren privaten Wohnungsbau, so Gerhard Matzig, der auch noch ein anderes probates Rezept ins Spiel brachte: den sozialen Wohnungsbau, bei dem Deutschland lange Zeit weit vorn lag. Mittlerweile ein eher trauriges Kapitel, denn die Anzahl der Sozialwohnungen hat sich seit dem Jahr 2007 fast halbiert. Den Staat als Streiter für gerechte Mieten können sich deshalb viele vorstellen.

„Enteignung ist keine Erfindung der Linken“

Frank Plasberg erinnerte an viele Initiativen im Land, die für die Enteignung großer Wohnungskonzerne plädieren. Auch die Linke gehört zu den Unterstützern. Wobei Amira Mohamed Ali explizit betonte: „Unser Grundgesetz sieht das vor. Enteignung ist keine Erfindung der Linken. Ich halte die Initiative aber für richtig, denn sie stellt die grundlegende Frage: Wem gehört die Stadt? Den Immobilienspekulanten oder wollen wir alle über die öffentliche Hand mitgestalten?“ Damit schaltete Amira Mohamed Ali wieder einmal in den Wahlkampf-Modus. Die Replik von CDU-Mann Kai Wegner ließ naturgemäß nicht auf sich warten.

Er rechnete vor, dass man mit 36 Milliarden Euro 300.000 neue Wohnungen schaffen könne, statt damit 100.000 Wohnungen zurückzukaufen, die man vorher für 400 Millionen Euro verscherbelt habe. Bei so viel politischer Erregbarkeit war Sachlichkeit Mangelware. Es stand daher zu erwarten, dass auch bei „Hart aber fair“ kein Patentrezept für eine gelungene Wohnungsbaupolitik geliefert werden würde. Das Streitthema wird die Republik noch weit über das Wahljahr hinaus beschäftigen. Immerhin eines ist gewiss: Besitzer von Einfamilienhäusern können aufatmen. Kein Politiker will ihnen an den Kragen. Selbst Amira Mohamed Ali von der Linken fand Bauscham in dieser Hinsicht einfach nur befremdlich.

„Hart aber Fair“ - So liefen vergangene Folgen:

( Ulrike Borowczyk )