ZDF-Talk

„Markus Lanz“: Professor prophezeit Corona-Dauer-Welle

Bei „Markus Lanz“ diskutierten die Gäste über den besten Weg aus der Corona-Krise und ob man darüber überhaupt diskutieren sollte.

Von Karina Krawczyk
Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Berlin. 
  • Markus Lanz thematisierte in seinem ZDF-Talk am Donnerstag wieder einmal die Corona-Pandemie
  • Wolfgang Kubicki erneute in der Runde seine Vorwürfe gegen Gesundheitsminister Jens Spahn
  • Ein Professor machte bei "Lanz" derweil eine düstere Prophezeiung

Wie geeignet sind Talkshows eigentlich für einen wissenschaftlichen Austausch? Wolfgang Kubicki (FDP), an diesem Donnerstag Gast bei „Markus Lanz“, teilte ganz und gar die Meinung seines Parteifreundes und NRW-Familienministers Joachim Stamp. Der hatte in einem Zeitungsinterview vor einigen Tagen gefordert, Virologen sollten sich mit Auftritten in Talkshows besser zurückzuhalten, da ein solcher Diskurs in der Pandemiebekämpfung keinen Schritt weiterhelfe.

Im nächsten Satz aber forderte Wolfgang Kubicki schon wieder eine breite Debatte über die beschlossenen Corona-Maßnahmen, auch im TV. Ja, was denn nun? Beides galt?

Spätestens an diesem Punkt war Markus Lanz ungehalten: Mehrmals hatte er bereits mit haarspalterischen Nachfragen versucht, den FDP-Vize in Widersprüche zu verwickeln, ohne dass es wirklich gelang. In Sachen Kontakt-Beschränkungen warf er dem FDP-Mann gar „Frontalopposition“ vor.

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„Markus Lanz“: Das waren die Gäste

  • Wolfgang Kubicki, stellvertretender FDP-Vorsitzender
  • Prof. Dirk Brockmann, Physiker
  • Katharina Blach, Physiotherapeutin
  • Prof. Karl-Heinz Leven, Medizinhistoriker
  • Clemens Fuest, Ökonom

Die Versäumnisse des verantwortlichen Bundesministers

Wolfgang Kubicki rutschte ungemütlich in seinem Sessel herum, blieb aber weiter bei seinem Vorwurf, Jens Spahn habe als der – laut Pandemieschutzgesetz II – verantwortliche Bundesminister versagt: Bis heute gäbe es nicht genug FFP2-Masken, nicht genug Schnelltests und zu wenig Impfstoff jetzt auch. „Die Planbarkeit des Lebens ist nicht mehr möglich. Wir müssen auch die Kollateralschäden der Maßnahmen betrachten“, mahnte er. Lesen Sie hier: Jens Spahn spricht über seine eigenen Fehler - und Dauer des Lockdowns.

Die Frage nach dem passenden Format für einen wissenschaftliche Diskurs aber erledigte sich während dieses „Lanz“-Talks ganz von selbst – durch praktisches Zuschauen. Es traten an: Prof. Karl-Heinz Leven, Experte für Seuchengeschichte, gegen Prof. Dirk Brockmann, Modellierer der Mobilitätszahlen für das RKI. Beide sehr klug, sehr eloquent und dem Moderator gleich lieb. Nur eben grundlegend unterschiedlicher Auffassung, welcher Weg am effektivsten Wege aus der Pandemie führen könnte.

Drohende Lockdown-Verlängerung trotz sinkender Zahlen
Drohende Lockdown-Verlängerung trotz sinkender Zahlen

„Ohne Impfung wird die Krankheit nicht verschwinden“

Das lag schon an den unterschiedlichen Perspektiven, aus den die Professoren die Pandemie betrachteten. Ganz Medizinhistoriker bemühte Karl-Heinz Leven in diesem „Lanz“-Talk gerne schöne alte Begriffe wie „Seuche“ oder „Absperrungsmaßnahmen aus der Vor-Moderne“.

Vor allem aber sprach er sich gegen das „technisierte Sicherheitsdenken“ aus, das mit den Corona-Beschränkungen nur vorgaukeln würde, dass sich die Krankheit beherrschen ließe. „Die ganze Diskussion, ob es 10- oder Zero-Inzidenz heißt, läuft völlig an der Realität vorbei.“ Statt einer 3. Wellen, prophezeite er stattdessen eine „Dauerwelle“, aus der nur ein einziger Weg führen könnte: „Ohne Impfung wird diese Krankheit nicht verschwinden.“

Dirk Brockmann, ganz Praktiker, widersprach: Die aktuelle Pandemie sei mit der Situation während der „Spanischen Grippe“ vor 100 Jahren oder der Pest im 16. Jahrhundert nicht vergleichbar. „Wir sind heute sehr viel besser vernetzt“ und könnten daher auch viel schneller auf Entwicklungen reagieren.

„Schneller, stärker, kurzzeitiger reagieren“

Das sei bei der Bekämpfung entscheidend, wie das Beispiel aus der australischen Zweimillionen-Stadt Perth zeige, die bei einer einzelnen Infektion schon einen kompletten Shutdown für fünf Tage verhängte. „Wenn man schnell, stark, kurzzeitig und automatisch reagiert, stabilisiert sich die Lage auch wieder.“ Die Dynamik in einem niedrigen Inzidenz-Bereich sei eben ganz anders.

Fast salomonisch vermittelnd wirkte dann, wie Clemens Fuest – immerhin Prof. Dr. Dr. h.c. – die Lage einschätzte. Per Video zugeschaltet aus München, nahm der Präsident des ifo Instituts vor allem die wirtschaftlichen Auswirkungen in den Blick: Die Schäden für die Wirtschaft entstünden nicht durch den Lockdown, sagte er, sondern zu „80 Prozent durch die Infektionen“.

„Prämien für schnellere Lieferung“

Deshalb sprach er sich dafür aus, alles, was möglich sei, zu tun, um die Impfungen zu beschleunigen, und sei es, „Prämien für schnellere Lieferungen“ auszuloben. Dazu unterstützte er die No-Covid-Strategie, die Öffnungen erst bei Inzidenzen von 10 oder 15 vorsehe: „Wir müssen regional differenzieren und die Mobilität in die ,grünen Zonen‘ ohne triftigen Grund begrenzen“, führte er aus – auch wenn sich das nicht 100-prozentig kontrollieren ließe: „Wir sind kein Polizeistaat.“

Na, wie schön, dass sich am Ende doch noch irgendwie alle einig wurden. Auch Wolfgang Kubicki konnte den Vorschlägen nur zustimmen: Schließlich habe Schleswig-Holstein den Corona-Stufenplan, der in die gleiche Richtung ginge, auf Initiative seiner Partei entwickelt.

Wäre da nicht Katharina Blach (26) gewesen, die als eine von inzwischen 1,95 Millionen Covid-19-Genesenen in Deutschland bei „ Markus Lanz“ eingeladen war. Schon zu Beginn der Sendung hatte sie mit einigen Ausschnitten aus ihrem Video-Tagebuch eindrucksvoll belegt, wie schlecht es ihr während und nach ihrer Corona-Infektion ergangen war. Und wie sie sich aus den körperlichen Spätfolgen herausgekämpft hatte, so dass sie im Juni wieder am Ironman-Triathlon teilnehmen konnte.

Nun, nachdem sie eine volle Stunde dem wissenschaftlichen Austausch still gelauscht hatte, platzte sie entnervt heraus: „Ich sitze hier zwischen lauter schlauen Menschen als ,Mädchen von nebenan‘, sozusagen“, fasste sie ihren Eindruck für alle Zuschauer zusammen, so schlau wie zuvor. „Aber ich glaube, dass die Leute nur darauf warten, dass ihnen endlich eine Perspektive aufgezeigt wird.“

„Markus Lanz“ – So liefen die vergangenen Sendungen