TV-Kritik

Man stirbt nur zweimal

In dem TV-Film "Ruhe! Hier stirbt Lothar" muss Jens Harzer mit dem Leben abschließen. Und bekommt es dann doch wieder geschenkt.

Zwei Misanthropen im Hospiz: Erst der nahende Tod vereint Lothar (Jens Harzer) und Rosa (Corinna Harfouch). 

Zwei Misanthropen im Hospiz: Erst der nahende Tod vereint Lothar (Jens Harzer) und Rosa (Corinna Harfouch). 

Foto: ARD / ARD/WDR/Gordon Timpen, SMPSP

Berlin. Wenn man mit dem Leben längst abgeschlossen hat und das Schicksal einem dann doch eine zweite Chance gibt – ist das ein Geschenk oder ein Fluch? Darum geht es in Hermine Huntgeburths Film „Ruhe! Hier stirbt Lothar“, der am heutigen Mittwoch in der ARD ausgestrahlt wird. Dieser Lothar, brillant verkörpert von Jens Harzer, ist ein echter Misanthrop. Einer, der immer schon in Ruhe gelassen werden wollte.

Seine Frau hat sich längst scheiden lassen, zu seiner Tochter hat er keinen Kontakt. Auch mit den Angestellten und Kunden seines Unternehmens spricht er nur das Nötigste. Und schuld sind immer nur die anderen. Die einzigen Gefühle hegt er – für seinen Hund. Doch dann erhält er eine schreckliche Diagnose: Krebs im Endstadium. Er hat nur noch wenig Zeit. Und auch daran haben natürlich die anderen Schuld.

Eine Liste für die letzten Dinge

Nüchtern macht Lothar eine Liste für die letzten Dinge und hakt sie einzeln ab. Verkauft die Firma und das Haus. Gibt selbst den Hund ins Tierheim, spendet dem Heim, er hat ja sonst niemanden, sein ganzes Geld. Und zieht in ein Hospiz. Dort erleidet er dann doch einen ersten Nervenzusammenbruch. Hier trifft er aber auch auf Rosa (Corinna Harfouch). Misanthropisch wie er, sind sich die beiden erst mal herzlich unsympathisch. Sie einigen sich, miteinander auszukommen. Ist ja nicht für lange.

Hier aber setzt die Wende zu einem völlig neuen Film ein. Bei einer Nachuntersuchung kommt heraus, dass die Diagnose falsch und Lothar kerngesund ist. Wie aber zurück ins Leben finden? Und in welches Leben, wo doch alles aufgegeben ist? Trotzig will Lothar im Hospiz bleiben und wird regelrecht auf die Straße gesetzt.

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Der kalauernde Titel „Ruhe! Hier stirbt Lothar“ passt gar nicht zu diesem feinen, leisen und in der Tat ruhigen Film von Hermine Huntgeburth. Sonst müssen Komödien gerade im Fernsehen ja immer brachial übertreiben und partout auf die Schenkel klopfen. Die Regisseurin, die vom Kinderfilm („Bibi und Tina“) bis zum Seelendrama („Die weiße Massai“) die ganze Klaviatur des Films beherrscht und zuletzt mit dem Lindenberg-Biopic „Udo! Mach dein Ding“ durchaus auch eine lautere Komödie inszenierte, setzt hier ganz auf Tragikomik und melancholische Zwischentöne.

Wenn Lothar versucht, Kontakt mit seiner erwachsenen Tochter zu finden. Wenn er weiter Rosa besucht und quasi zu deren Familie gehört. Oder wenn er immer wieder am Zaun der neuen Besitzer seines Hundes steht. Ein sprechendes, ja schreiendes Bild: Ein Leben, das vor die Hunde kam.

Trumpf der Darsteller

Huntgeburth konnte nicht nur auf ein starkes Drehbuch (von Ruth Thoma) vertrauen, sondern vor allem auf ihre Darsteller: Da ist die immer großartige Corinna Harfouch, die aus ihrer Nebenrolle eine so tragische wie tragende Figur macht. Und da ist vor allem Jens Harzer, der Bühnenstar und Ifflandring-Träger, der nur selten Filme dreht und dort auch eher kleine Rollen spielt, wie in Wim Wenders‘ „Die schönen Tage von Aranjuez“ oder in der Serie „Babylon Berlin“.

In einem solchen Film würde man ihn am wenigsten erwarten. Und doch weiß er hier die tragischen wie die urkomischen Momente souverän auszuloten und die Dramödie dennoch immer in der richtigen Balance zu halten. Ruhe! Hier spielt Harzer.

„Ruhe! Hier stirbt Lothar“ ARD, heute, 20.15 Uhr