Dokumentation

RTL-Experiment „Obduktion": Besser nicht beim Essen schauen

Erstmalig werden echte Leichen im TV obduziert. Mit dabei: Jan Josef Liefers. Er soll zwischen Zuschauern und Medizinern vermitteln.

Prof. Dr. Michael Tsokos und Jan Josef Liefers.

Prof. Dr. Michael Tsokos und Jan Josef Liefers.

Foto: TVNOW / friese.tv/Andreas Friese

Berlin. Wieso ist das Zungenbein so wichtig? Schmieren sich Rechtsmediziner bei einer Obduktion Menthol-Paste unter die Nase? Was sagen Leichenflecken über den Tod aus? Diese Fragen werden in der 90-minütigen Dokumentation „Obduktion - Echte Fälle mit Liefers und Tskokos“ beantwortet. Und so schnell wird man die Antworten auch nicht mehr vergessen.

Gemeinsam mit dem befreundeten Rechtsmediziner Michael Tsokos lässt sich Jan Josef Liefers über die Schulter blicken, während er selbst bei der Obduktion zweier Leichen zuschaut. Die meisten kennen den Schauspieler wohl eher als Rechtsmediziner Prof. Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne: Seit 19 Jahren spielt Liefers beim Münsteraner „Tatort", wo er gemeinsam mit seiner Kollegin Silke Haller (Christine Urspruch) Leichen bei ungeklärter Todesursache untersucht.

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Jan Josef Liefers soll zwischen Zuschauern und Medizinern vermitteln

„Wir untersuchen heute zwei ungeklärte Todesfälle. Wir wissen nicht, ob es sich um einen Unfall, ein Suizid oder ein Tötungsdelikt handelt, erklärt Michael Tskokos, 15-facher Bestseller-Autor und Leiter des Instituts für Rechtsmedizin. Knapp 2200 Obduktionen werden hier jährlich durchgeführt. Circa fünf Prozent davon sind Tötungsdelikte.

Jan Josef Liefers soll hierbei zwischen dem Zuschauer und Mediziner vermitteln: „Ich bin ein Hybrid-Wesen, ich weiß schon dies und das, aber längst nicht alles. Ich hab‘ Fragen im Kopf, auf die Michael längst nicht kommen würde“, sagt er. „Da bin ich wohl der Fährmann zwischen Wissenschaft und Publikum.“

Tötungsdelikt: In so einem Fall müssen Dreharbeiten abgebrochen werden

Untersucht werden zwei männliche Leichnamen: Ein scheinbarer Selbstmord, der ungewöhnliche Merkmale aufweist und ein mutmaßlicher Herzinfarkt in einem öffentlichen Park. „In dem Moment, wo wir feststellen, dass es sich um ein Tötungsdelikt handelt oder der leiseste Verdacht besteht, müssen wir die Dreharbeiten abbrechen. Dann ist das ein Fall für die Mordkommission“, so Tskokos.

Der erste Schritt: die Computertomographie. Dabei wird der ganze Körper auf Verletzungen durchsucht. Es folgt die äußere Leichenschau. Entkleidet liegen die Männerkörper auf dem silbernen, nassen Tisch. „Damit er leichter über den Tisch zu ziehen ist“. Alles wirkt in kühle Farben getaucht - grau, weiß, blau. Splitterfasernackt liegt der Körper reglos da. Ein groteskes Bild. Man selbst möchte da nicht liegen. So viel steht fest.

Leichen: Hilft Menthol-Paste gegen den Gestank?

Zuerst beginnt Tsokos mit der Rückseite. Bei beiden Leichen sind dort Leichenflecken zu erkennen: „Die entstehen dadurch, dass das Blut nicht weiterhin durch den Köper gepumpt wird, sondern entsprechend der Schwerkraft absackt“, erklärt Tskokos. Bereits 20 Minuten nach dem Tod träten Leichenflecken auf, aber es dauere vier bis 16 Stunden, bis sie kräftig ausgebildet seien – abhängig von der Temperatur. Umso wärmer, desto schneller. Nach ungefähr 20 Stunden seien Leichenflecken nicht mehr wegdrückbar. Das demonstriert der Mediziner, in dem er kräftig auf den Körper drückt.

Zwei Irrtümer gebe es im Zusammenhang mit Rechtsmedizinern, meint Michael Tsokos: „Zum Beispiel, dass wir klassische Musik bei der Obduktion hören, um uns zu beruhigen. Oder dass wir uns Menthol-Paste unter die Nase schmieren, um das überhaupt aushalten zu können.“ Das mache kein Mensch, weil die Rechtmediziner ihren Geruchssinn brauchten. „Riecht es aromatisch nach Alkohol? Riecht es fruchtig nach einem entgleisten Diabetes? Riecht es nach Ammoniak als Hinweis auf ein Nierenversagen? Da ist der Geruchssinn ganz entscheidend.“

Zungenbein: Ein Knochen von entscheidender Bedeutung

Es folgt die innere Leichenschau, bei der einzelne Körperteile detailliert untersucht werden. In jedes Gefäß, bei dem ein Lumen zu erkennen sei, schneide man rein, sagt der Rechtsmediziner. Was das genau ist, wird nicht erklärt. Außerdem wird das Zungenbein, das schon tomografisch untersucht wurde, freigelegt und genauer betrachtet. Denn der Zustand dieses Knochens sei von entscheidender Bedeutung: „Das Zungenbein ist ein kleiner, gebogener Knochen am Mundboden unterhalb der Zunge. Bei einem vorgetäuschten Erhängen wird dieser Knochen durch Gewalteinwirkung häufig verletzt oder sogar gebrochen“, erklärt Tsokos.

Im Anschluss an die Untersuchung werden alle Organe zurück in den Körper gelegt und von den Sektionsassistentinnen mit einer „sehr festen Naht“ wieder zugenäht. Wie diese mit Namen heißt, will Jan Josef Liefers wissen. Das könne sie nicht sagen, gibt Louisa Belz zu. „Ich hab‘ nur diese gelernt.“ Auch Tsokos weiß es nicht. Es ist eine symbolische Szene, denn sie fasst die Dokumentation treffend zusammen.

Obduktion: Keine alltägliche Situation für Jan Josef Liefers

So dramatisch man sich eine Obduktion vorstellt und so sehr die Produzenten auch durch bildtechnische Effekte und ansteigenden Crescendi versuchen, diese zu vermitteln, so angenehm schlicht machen diese Menschen ihre Arbeit. Da ist keinerlei Ekel zu sehen, aber auch kein Genuss. Ein ganz natürlicher Umgang mit einer Sache, die für den Großteil der Zuschauer wohl unnatürlich ist – so auch für Jan Josef Liefers, an dessen zuckenden Gesichtsmuskeln zu erkennen ist, dass diese Situation für ihn nicht alltäglich ist.

Mit „Obduktion“ hat RTL ein Experiment gewagt, das geglückt ist. Auf pietätvolle Art und Weise wird Einblick in einen Prozess gewährt, der sonst scheinbar hinter verschlossenen Türen stattfindet. Die Rolle als Vermittler nimmt Jan Josef Liefers zu 100 Prozent ein. Er ist derjenige, den man anschaut, wenn es einem doch mal kurz den Magen zuzieht. Auch wenn die Dokumentation sehr ästhetisch gedreht ist, so ist wohl eher davon abgeraten, sie beim Verzehr von Essen oder kurz vorm Schlafengehen zu schauen.

Seit dem 4. Januar sind die vier Folgen von der RTL-Serie „Obduktion“ beim hauseigenen Streamingportal TVNow abrufbar. Später soll die Serie auch im Free-TV bei RTL zu sehen sein.

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