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"Das Geheimnis des Totenwaldes" - Ein Mahnmal für die Opfer

Die berüchtigten Göhrde-Morde als packende ARD-Miniserie: „Das Geheimnis des Totenwaldes“ deckt einen realen Ermittlungsskandal auf.

Die verschwundene Schwester (Silke Bodenbender) rennt im Wald um ihr Leben: Dieser Alptraum verfolgt einen LKA-Chef bis nach seiner Pensionierung.

Die verschwundene Schwester (Silke Bodenbender) rennt im Wald um ihr Leben: Dieser Alptraum verfolgt einen LKA-Chef bis nach seiner Pensionierung.

Foto: ARD/NDR

Die besten Geschichten, heißt es ja gern, schreibt das Leben. Das Leben ist aber ein kruder Autor. Es schreibt manchmal so haarsträubende Geschichten, wie sie sich kein Drehbuchautor trauen würde. Wie zum Beispiel die Göhrde-Morde in der Nähe von Lüneburg, eines der finstersten und langwierigsten Kapitel der hiesigen Kriminalgeschichte.

Es führt dahin, wo es dem Deutschen stets am mythischsten, aber auch am gruseligsten wird: in den deutschen Wald. Es geht um eine Serie unaufgeklärter Tode, um seelische Abgründe, aber auch um schreckliche Schlamperei bei den Ermittlungen.

Wie mit dem Schmerz umgehen?

Obwohl am Ende – Spoiler-Warnung: Wer den Fall nicht kennen sollte und sich überraschen lassen will, sollte hier nicht weiterlesen – sogar das plumpeste Krimiklischee erfüllt wird, dass der Mörder immer der Gärtner ist, und obwohl es frühe Hinweise darauf gab, wurde der Fall auf Eis gelegt, ein sogenannter „Cold Case“, der wie durch Zufall, tatsächlich aber durch Beharrlichkeit – auch das eine sehr deutsche Eigenschaft – doch noch gelöst wurde.

„Das Geheimnis des Totenwaldes“: der Trailer zum Film

Die ARD hat diese Geschichte nun aufwendig verfilmt. Um den Opfern gerecht zu werden und, wie es die Produzenten postulieren, den Hinterbliebenen eine Stimme zu geben. Denn das zeigt diese Produktion vor allem: Wie mit dem Schmerz umgehen, wenn ein geliebter Mensch verschwindet? Wenn man Jahrzehnte hofft, dass er noch lebt, und nicht Abschied nehmen kann. Gleichwohl wird der Fall wie ein „Cold Case“ erzählt, wie die gleichnamige US-Serie aus den USA.

„Das Geheimnis des Totenwaldes“ ist eine packende Mischung aus Mystery & Crime, mit starken Bildern und starken Darstellern. Eine Miniserie, die internationale Standards erfüllt und weltweit als Sechsteiler verkauft werden kann. Auch wenn sie im Ersten – der Zuschauer des Öffentlich-Rechtlichen ist es halt so gewohnt – als Dreiteiler gesendet wird. Dabei erlauben sich die Macher ein paar wenige dramaturgische Freiheiten, weshalb die Filmfiguren andere Namen tragen als die realen Personen. Dennoch hält man sich nah an den Fakten. Man kann nur nicht glauben, dass sich alles wirklich so zugetragen hat.

Halbherzige Ermittlungen und eine fatale Fehleinschätzung

Es ist vor allem die Geschichte von Wolfgang Sielaff. Er war viele Jahre einer der mächtigsten Polizisten von Hamburg, ein ausgezeichneter Kriminologe. Doch im Fall seiner vermissten Schwester war der LKA-Chef lange machtlos. Denn für Lüneburg war Sielaff nicht zuständig. Und weil die örtliche Polizei vor allem mit den grausigen Göhrde-Morden beschäftigt war, zwei Liebespaaren, die erschossen im Wald aufgefunden wurden, und hier schnelle Ermittlungserfolge erzielen wollte, wurde das Verschwinden von Birgit Meier lange Zeit nur als Vermisstenfall eingestuft.

Auch wenn ihr Bruder Sielaff bat, ihr Haus wie einen Tatort zu behandeln, untersuchte die Polizei es nur oberflächlich. Keiner befragte die Nachbarn. Und eine Spur, die man fand, wurde nicht weiter verfolgt. Eine bestenfalls halbherzige Ermittlung. Und eine fatale Fehleinschätzung.

Die Polizei ging von einem Suizid aus. Und sollte es doch ein Mord gewesen sein, dann war für sie der Ehemann, der sich von der Verschwundenen scheiden lassen wollte, der Hauptverdächtige. Auch wenn dieser schon früh auf den wahren Täter verwies. Doch der zuständige Staatsanwalt wollte davon offenbar nichts hören.

Unglaubliche Kette von Schlamperei

Jahrelang sah es so aus, als ob der Fall nie aufgeklärt würde. Doch Sielaff ließ nicht locker. Als er pensioniert wurde, verlangte er als Familienangehöriger Akteneinsicht. Und gründete eine Privat-Soko. Die musste gegen den Widerstand der Behörden wiederholt eine Hausdurchsuchung erwirken, bei der dann nicht nur der Mord an Birgit Meier schreckliche Gewissheit wurde. Sondern auch, dass derselbe Täter auch die Göhrde-Morde verübt hatte. Und zahllose weitere bislang unaufgeklärte Morde.

Wer von dem Fall nie gehört hat, der wird „Das Geheimnis des Totenwaldes“ als äußerst spannenden Whodunit, als Wer-war’s-Krimi verfolgen, der sich über drei Zeitsprünge so hinzieht, dass man schon Angst haben muss, dass alle Beteiligten vor der Aufklärung das Zeitliche segnen. Wem der Fall bekannt ist, der wird die Serie aber – und so funktioniert sie auch – als unglaubliche Kette maßloser Schlamperei und Behördenarroganz verfolgen.

Der LKA-Chef heißt hier Thomas Bethge und wird von Matthias Brandt gespielt, seine Frau Marianne von Jenny Schily. Das ist nicht ohne Ironie: zwei Schauspieler, die beide Kinder berühmter Politiker sind, in einer Miniserie, die einiges erzählen will über das Deutschland der letzten Jahrzehnte. Drehbuchautor Stefan Kolditz, sowohl krimierfahren als auch erprobt bei Historienepen („Dresden“, „Unsere Mütter, unsere Väter“), hat sich die einzige erzählerische Freiheit genommen, dass hier eine junge Polizistin (Karoline Schuch) neu ins Ermittlungsteam kommt – und von ihren älteren, verknöcherten Kollegen als Frau kühl geschnitten wird. Auch wenn sie der Wahrheit recht nahe kommt, wird sie ständig ausgebremst.

In Wirklichkeit ist das einem Mann passiert, aber so lässt sich das Ganze drastischer vorführen: als Phalanx toxischer, selbstherrlicher Männlichkeit, die alles besser zu wissen meint und sich nicht vom Nachwuchs belehren lassen will. Anders kann man diese Form der Berufsblindheit auch kaum verstehen.

Mord verjährt doch

Um klarzustellen, was Fakt und was Fiktion ist, zeigt die ARD im Anschluss an den letzten Teil auch eine Dokumentation des wahren Falls. Da kommt dann Wolfgang Sielaff selbst zu Wort. Auch sein Schwager, der vom Mordverdacht nie öffentlich rehabilitiert wurde. Und selbst der zuständige zaudernde Staatsanwalt, der sich vor der Kamera windet und mit der Darstellung der ihm nachgezeichneten Figur wohl alles andere als glücklich sein dürfte.

Erst vor drei Jahren, 28 Jahre nach den Göhrde-Morden, konnte der Fall, dessen Akten allzu oft vorschnell geschlossen wurden, endgültig aufgeklärt werden. Es heißt, Mord verjährt nicht. „Aber“, so der eindringliche Appell am Ende der Begleit-Doku: „Das ist ein Irrtum: Mord verjährt. Wenn sich niemand darum kümmert.“

„Das Geheimnis des Totenwaldes“: Dreiteiler: ARD, heute, 5. und 9. Dezember, je 20.15 Uhr. „Eiskalte Spur - Die wahre Geschichte des Totenwaldes“: Begleitdokumentation, 9.12.21.45 Uhr.