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„Hart aber fair“: Corona-Massenimpfung wird „Mammutaufgabe“

NRW-Minister Laumann sieht Corona-Massenimpfungen als „Mammutaufgabe“. Bei „Hart aber fair“ erklärt er, was die Probleme sein werden.

Regierung macht Hoffnung auf Impfungen noch im Dezember

Gesundheitsminister Jens Spahn zufolge könnte es erste Impfungen mit einem Coronavirus-Impfstoff noch im Dezember geben. Spahn besuchte in Dessau den Hersteller IDT Biologika.

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Berlin.  Am Anfang stand nur Boris Palmer hinter seinem Pult. Der Tübinger Oberbürgermeister hatte „Rücken“ und konnte schlecht sitzen. Am Ende von „Hart aber fair“ aber taten es ihm so gut wie alle Gäste nach, weshalb auch immer. „Gelebter Herdentrieb“, diagnostizierte die Gesundheitspsychologin Monika Sieverding amüsiert.

„So wird es uns auch mit dem Impfstoff ergehen“, schlussfolgerte sie und wollte gar eine Wette darauf abschließen, dass sich die meisten Menschen in Deutschland gegen Corona impfen lassen würden, sobald sie im Freundeskreis darüber sprachen und hörten, dass es sicher und solidarisch sei. „Wir müssen die Leute gar nicht so viel überreden, sie werden sich von selber dafür entscheiden.“ Lesen Sie hier: Impfpflicht gegen Corona unwahrscheinlich

„Hart aber fair“ – Das waren die Gäste:

  • Karl-Josef Laumann (CDU): NRW-Minister für Gesundheit, Arbeit und Soziales
  • Ranga Yogeshwar: Wissenschaftsjournalist und Autor
  • Prof. Dr. Eva Hummers: Allgemeinmedizinerin, Mitglied der Ständigen Impfkommission, Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin Uni Göttingen
  • Boris Palmer (B‘90/Grüne): Tübinger Oberbürgermeister
  • Prof. Dr. Monika Sieverding: Gesundheitspsychologin am Institut für Psychologie der Universität Heidelberg

Der Anteil der Skeptiker sei ohnehin klein, berichtete Monika Sieverding bei „Hart aber fair“ weiter aus einer repräsentativen Studie, bei der sie kürzlich 1500 Menschen nach ihrer Impfbereitschaft befragen ließ. „Nur 100 wollten nicht.“

Corona-Impfung: Männer haben weniger Angst als Frauen

Ausgerechnet Männer, die zur Gesundheitsprävention sonst eher von ihren Ehefrauen geschubst werden müssten, hätten diesmal weniger Angst vor einer Impfung als die Frauen. „Wahrscheinlich, weil sie sich darüber auch weniger im Internet informieren und verunsichern lassen“, vermutete Sieverding.

Die Thesen der Psychologin von der Universität Heidelberg gehörten jedenfalls zu den optimistischsten, aber auch zu den „erfrischendsten Erkenntnissen“ an diesem Montagabend.

„Operation Impfung – ist sie gut, ist sie sicher, wer bekommt sie wann?“, wollte Frank Plasberg in seiner Sendung wissen. Die Antworten beantwortete er vor allem, indem er die typischsten Zuschauerfragen einfach an die Experten seiner Talk-Runde weitergab.

Massenimpfung in Deutschland: Talk-Gäste geben sich unwissend zum Ablauf

Obwohl allesamt Praktiker aus Politik, Medizin und Wissenschaft, hielten sich die Talk-Gäste mit klaren Ansagen doch ziemlich zurück. Und gaben sich sehr ehrlich, aber auch überraschend unwissend, wenn es um konkrete Durchführung oder die zeitlichen Abläufen bei der geplanten Massenimpfung ging. Lesen Sie dazu: Wie gelingt die Operation Massenimpfung in Deutschland?

Selbst auf die zugespitzte Frage, ob der Impfstoff des US-amerikanischen Herstellers Moderna , der noch am Montag eine EU-Schnellzulassung beantragen wollte, „der Goldene Schlüssel“ aus dem Corona-Tunnel sei, mochte niemand so richtig beantworten. In den nächsten Wochen würden noch andere Pharma-Hersteller eine Zulassung für weitere Impfstoffe beantragen, hieß es stattdessen. Mehr zum Thema: Corona-Impfstoffe: Das sind die großen Hoffnungsträger

Corona-Impfung: Langzeitfolgen noch ungewiss

Obwohl in der dritten Testphase sehr erfolgreich, sei „die Datenbasis bei den neuen Impfstoffen noch sehr schmal“, bedauerte Eva Hummers, Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Uni Göttingen und Mitglied der Ständigen Impfkommission (StIKo). Zu Langzeitfolgen lasse sich noch nichts sagen, ebenso nicht, „wie die Impfstoffe der verschiedenen Hersteller bei den unterschiedlichen Altersgruppen wirken“.

Vor allem die Frage, ob die Impfung auch verhindern könnte, dass das Virus weitergegeben werde, sei völlig ungeklärt. Und selbst, wenn bei einer Wirkung von 90 Prozent nur einer von 100 erkranke, „bleibt das Risiko hoch, wenn so viele geimpft werden“. Auch interessant: Impfstoff gegen Corona: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Als Wissenschaftsautor konnte da aber Ranga Yogeshwar einigermaßen anschaulich erklären, nach welchem Prinzip die neuen mRNA-Impfstoffe überhaupt funktionieren: Es werde kein lebendes Virenmaterial gespritzt wie beispielsweise bei einer Grippeschutzimpfung. Sondern nur die künstlich produzierte, genetische Information eines Abschnitts des Spikeproteins (aus den Noppen des Corona-Virus). Lesen Sie auch: Wie der Corona-Impfstoff von Biontech unseren Körper schützt

Nebenwirkungen bei Corona-Impfstoff: Yogeshwar fordert Transparenz

Deshalb ließe sich der Impfstoff auch so schnell und in großen Mengen produzieren. Trotzdem „bleiben viele Fragen noch offen“, gab er zu. Außerdem: „Jedes Medikament bringt ein Risiko, auch Kopfschmerztabletten.“

Deshalb mahnte Ranga Yogeshwar eine ehrliche und transparente Kommunikation an, auch über die Nebenwirkungen – damit nicht „komische Meldungen“ via Social Media Verwirrung stifteten.

In dem Zusammenhang erinnerte er an desaströse Effekte in Japan, wo durch ein einzelnes gefaktes Internet-Video die Bereitschaft junger Frauen, sich gegen Gebärmutterhalskrebs impfen zu lassen, von 70 auf 1 Prozent sank. Oder an die unvorhersehbaren Spätfolgen beim Anti-Sars2-Mittel Pandemrix, das bei Hunderten von geimpften Skandinaviern Narkolepsie verursacht hatte.

Laumann bei „Hart aber fair“: Massenimpfung wird „Mammutaufgabe“

Karl-Josef Laumann (CDU) hatte als zuständiger NRW-Gesundheitsminister vor allem „Manschetten vor der Logistik“, mit der nun ein ganzes Volk geimpft werden sollte: „Das wird eine Mammutaufgabe, die es bisher noch nicht gegeben hat“, erklärte er.

Das Tempo würde der Impfstoff bestimmen, das hieß, die jeweils verfügbare Menge: „Wir müssen mit den Ressourcen effektiv impfen.“ Wer wann an die Reihe komme, würde aber nicht die Politik entscheiden, sondern die Impfkommission. Es würden Listen erstellt, nach denen die jeweiligen Gruppen mit einer Einladung zur Impfung angeschrieben würden.

Boris Palmer glaubt an Start der Massenimpfung spätestens im Sommer 2021

Ob aber, wie eine Zuschauerin explizit wissen wollte, die Supermarktkassiererin – dauergefährdet durch ständige, nicht nachfolgbare Kundenkontakte – noch vor oder erst nach der Feuerwehr, Polizei und den Lehrern drankäme, „kann man heute noch nicht beantworten“, ergänzte Boris Palmer. Trotzdem glaubte er, dass Massenimpfungen „spätestens im Sommer, wenn nicht sogar noch im ersten Quartal“ möglich sein werden. Auch interessant: Bringt uns die Corona-Impfung das normale Leben zurück?

Der B‘90/Grüne und ehemalige Waldorfschüler Palmer hatte sich übrigens schon im August piksen lassen – als Teilnehmer einer Tübinger Impfstudie und mit „Null Nebenwirkungen“. Allerdings wusste er noch nicht, ob er eventuell nicht doch nur zur Placebo-Gruppe gehört hatte. Aber dass seine Rückenschmerzen keine Folge der Impfung wären, wollte er doch unbedingt noch versichern – schon, um einer eventuellen Mythenbildung zuvorzukommen.

„Hart aber fair“ – So liefen die vergangenen Sendungen: