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„Hart aber fair”: Mehrheit der ARD-Zuschauer für Sterbehilfe

Nach dem ARD-Film „Gott“ diskutieren Frank Plasbergs Gäste über Sterbehilfe. Das Stimmungsbild unter den ARD-Zuschauern war eindeutig.

Von Ulrike Borowczyk
Die unterschiedlichen Formen der Sterbehilfe

Die unterschiedlichen Formen der Sterbehilfe

Aktiv, Passiv, Indirekt. Bei dem Begriff Sterbehilfe gibt es verschiedene Definitionen. Manche Arten sind strafbar, andere legal.

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Berlin.  Im Februar hat das Bundesverfassungsgericht das 2015 eingeführte Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gekippt. Der Kern des Urteils: Es gibt ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Dabei macht es keinen Unterschied, ob ein gesunder oder sterbenskranker Menschen sterben möchte.

Bei „Hart aber fair“ fragte Moderator Frank Plasberg seine Gäste nun: „Gottes Wille oder des Menschen Freiheit: Was zählt beim Wunsch zu sterben?“ Schnell war klar: kein einfaches Thema. In der Talk-Runde prallten dabei unterschiedliche Meinungen und Weltanschauungen hart aufeinander.

„Gott“: ARD-Zuschauer stimmen mit deutlicher Mehrheit für Sterbehilfe

Vor „Hart aber fair“ lief im Ersten das Drama „Gott“. Darin möchte der 78-jährige Richard Gärtner nach dem Tod seiner Frau auch seinem Leben ein Ende setzen. Die Hausärztin soll dem gesunden Patienten ein todbringendes Präparat besorgen. Der Fall landet vor dem Ethikrat . Zum Schluss sollten die Zuschauer darüber abstimmen, ob Herr Gärtner das Präparat bekommt.

Das Ergebnis wurde in „Hart aber fair“ bekannt gegeben. 70,8 Prozent stimmten mit ja, 29,2 Prozent mit nein. Die Zuschauer plädierten deutlich für ein selbstbestimmtes Lebensende und eine humane Art zu sterben. „Das nennt man wohl eine überwältigende Mehrheit“, konstatierte Frank Plasberg.

„Hart aber fair“: Das waren die Gäste:

  • Georg Bätzing: Bischof von Limburg, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
  • Dr. Susanne Johna: Internistin, Oberärztin im Sankt Josefs-Hospital in Rüdesheim, Vorsitzende des Marburger Bundes, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer
  • Bettina Schöne-Seifert: Professorin für Medizinethik an der Universität Münster
  • Olaf Sander: Begleitete seine Mutter beim Suizid

„Hart aber fair“: Medizinethikerin will Suizid entskandalisieren

Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz , redete das Ergebnis klein. Für ihn sei das lediglich ein fingiertes Schauspiel gewesen, keine reale Situation, eher eine Karikatur. Mit einem erwartbaren Ergebnis. Im wirklichen Leben Verantwortung zu übernehmen, sei eine ganz andere Sache, echauffierte sich Georg Bätzing . Für den katholischen Geistlichen stand felsenfest: „Es liegt in Gottes Hand, wann das Leben beginnt und endet.“ Palliativmedizin und Seelsorge waren für ihn adäquate Antwort auf aktive Sterbehilfe.

Er bekam aber sofort Gegenwind von Bettina Schöne-Seifert, Professorin für Medizinethik an der Universität Münster: „Ich wundere mich, dass ein Kammerspiel das Ergebnis mindern soll. Schwierig ist hier, das ein Gesunder um einen assistierten Suizid bittet.“ Bettina Schöne-Seifert wünschte sich, dass der freiwillige Suizid endlich entskandalisiert wird und sich die Debatte darum normalisiert.

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Wie Herrn Gärtner könne man schließlich niemanden in ein Leben zu zwingen, das er nicht mehr leben möchte. Ohne Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe bliebe sonst nur die Alternative des Brutalsuizids . Die Medizinethikerin war unbedingt für die Hilfe von Ärzten bei einem freiwilligen Suizid. Denn sie wusste, es sind in der Regel nicht die Gesunden, die darum bitten: „Die Mehrzahl sind Patienten, die an Krankheiten leiden, deren absehbares Ende sie nicht mehr erleiden wollen. Das finde ich absolut nachvollziehbar.“

Sterbehilfe: Wer hat Anspruch auf einen selbstbestimmten Tod?

Internistin Susanne Johna wehrte sich indes dagegen, dass zwangsläufig Ärzte die ersten Ansprechpartner für Suizidbeihilfe sein sollen: „Für mich ist das ein Widerspruch. Wir schützen Leben.“ Als Vorsitzende des Marburger Bundes und Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer kassierte sie umgehend einen Widerspruch von Bettina Schöne-Seifert: „Im Gegensatz zu Ärztefunktionären sind laut Studien 30 bis 40 Prozent der praktizierenden Ärzte bereit, in so einem Fall helfen.“

Susanne Johna gab allerdings zu bedenken, dass der Willen zu sterben differenziert eingeordnet werden müsse: „Es gibt auch Eltern, die ihr Kind verlieren und Suizidgedanken haben. Aus dem Wunsch heraus, bei ihrem Kind zu sein. So etwas erleben wir immer wieder. Später finden die Eltern oft ihre Freude am Leben wieder. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Gesellschaft es gut findet, wenn wir da jedes mal sagen: „Ja, ich gebe dir ein Medikament , damit du sterben kannst.“

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„Hart aber fair“: Sterbehilfe als Akt der Menschlichkeit?

„Man nimmt sich nicht einfach so das Leben. So hart ist kaum jemand“, wandte hingegen Olaf Sander ein. Er hat seiner Mutter vor vier Jahren beim Sterben geholfen. Ohne einen Arzt, der ihn anleiten durfte. Nur ein Mediziner könne wirklich dafür sorgen, dass bei einem assistierten Suizid nichts schiefgeht. Andernfalls könnte es sein, dass ein Sterbender fürchterliche Qualen ertragen muss. Für Olaf Sander damals eine schwer erträgliche Situation. Aber er machte alles richtig. Seine Mutter schlief friedlich ein.

Um nicht der unterlassenen Hilfeleistung bezichtigt zu werden, musste Olaf Sander damals gehen, bevor sie starb. „Ich bin in eine Spielothek, weil dort Kameras waren, die mich gefilmt haben. Als Beweis, falls mich die Staatsanwaltschaft belangt hätte“, erzählte er. Ein schlechtes Gewissen habe er heute nicht. Im Gegenteil. Seine Mutter von ihrem Leid zu befreien, war für ihn ein Akt der Menschlichkeit, der Liebe.

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Dass seine unheilbar kranke Mutter die Entscheidung wohlüberlegt traf, zeigte ein kurzer Einspieler aus der Dokumentation „Frau S. will sterben“. Die 78-Jährige litt ihr Leben lang unter den Folgen einer früher noch nicht behandelbaren Kinderlähmung , zuletzt unter heftigsten Schmerzattacken. Nach ihrem unermüdlichen Kampf gegen die Krankheit forderte sie zum Schluss mit unerschütterlicher Gewissheit ein selbstbestimmtes Ende: „Ich sehe das als mein Recht an.“

Die Sendung „Hart aber fair“ in der Mediathek finden Sie hier .

Mehr zu „Hart aber fair“:

• Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der Nachahmungsgefahr berichten wir in der Regel nicht über das Thema Suizid. Wenn Sie sich in einer akuten Krise mit Suizidgedanken befinden, wenden Sie sich bitte an Ihren behandelnden Arzt bzw. die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter 112. Sie erreichen die Telefonseelsorge rund um die Uhr und kostenfrei unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.