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Nina Hoss: „Meine Kindheit war ein einziges Abenteuer“

Im Interview spricht Schauspielerin Nina Hoss über ihre Arbeit in der Corona-Krise, ihre Liebe zu Pferden und Reisen nach Brasilien.

Einige Projekte von Schauspielerin Nina Hoss liegen wegen der Corona-Krise derzeit auf Eis.

Einige Projekte von Schauspielerin Nina Hoss liegen wegen der Corona-Krise derzeit auf Eis.

Foto: dpa Picture-Alliance / Ursula Düren / picture alliance/dpa

Berlin. Nina Hoss ist Dauergast auf deutschen Leinwänden und Bildschirmen. Vor kurzem lief Ihr Film „Pelikanblut“ an, Ende Oktober folgt „Schwesterlein“ sowie die Serie „Schatten der Mörder“. In all diesen Rollen sucht die 45-Jährige letztlich nur Eines: Freiheit.

1975 in Stuttgart als Tochter von Schauspielerin Heidemarie Rohweder und Grünen-Politiker Willi Hoss (MdB) geboren, stand Nina Hoss mit 14 erstmals auf einer Theaterbühne. 1995 nahm sie ein Schauspielstudium in Berlin auf. Ihren Durchbruch als Schauspielerin schaffte Nina Hoss dann mit dem Film „Das Mädchen Rosemarie“ (1996).

Sind Sie froh, dass das deutsche Publikum Sie so geballt erleben darf?

Nina Hoss: Ich befürchte ein bisschen, dass die Leute der Hoss ein wenig überdrüssig werden könnten. Aber ich bin natürlich auch froh. Das sind drei tolle Projekte, von denen ich hoffe, dass sie ihr Publikum finden, das in diesen Zeiten klein genug ist. Am besten stehen die Chancen für „Schatten der Mörder“, weil wir ohnehin alle zuhause sind.

Sie auch? Viele Ihrer Kollegen drehen ja schon wieder.

Hoss: Ich hatte Pech. Meine Projekte sind leider alle abgesagt oder verschoben worden. Das mag auch daran liegen, dass die alle international waren, und da ist es schwieriger, die neu anzustoßen. Es werden jetzt nur die Sachen fertiggestellt, die schon angedreht waren. Im Fernsehen geht es auch wieder. Aber in Sachen Kino läuft momentan gar nichts, weil es keine Versicherung gibt, die den Ausfall zahlen würde.

Sie geraten nicht in Panik?

Hoss: Nein, wieso auch? Das bringt mir nichts. Aber es fällt mir nicht leicht, das muss ich schon sagen. Ich vermisse den Austausch und die Arbeit, da ich das liebe. Da darbe ich etwas.

Was können Sie tun, damit Sie nicht darben?

Hoss: Am Anfang dachte ich, ich kann jetzt alle Bücher lesen, die ich nicht gelesen hatte. Das habe ich auch gemacht. Jetzt versuche ich Drehbücher voranzutreiben. Ich bereite Projekte vor, die früher oder später stattfinden werden. Ich muss auf jeden Fall das Gefühl haben, dass es weitergeht und ich Teil von einem Prozess bin. Ansonsten würde ich durchdrehen.

Vielleicht können Sie ja auch an Erinnerungen an Pferde schwelgen. In Ihrem letzten Film „Pelikanblut“ spielen die ja eine wichtige Rolle.

Hoss: Ich kann so viel über die Pferdearbeit erzählen, weil mich das unglaublich fasziniert. Das hat schon bei „Gold“ angefangen, weil ich für den Film Reiten gelernt habe. Da hat uns ein kanadischer 75-jähriger Cowboy begleitet, der mir einen anderen Zugang zu den Tieren geschenkt hat. Dieser Mann hat mir dann geholfen, ihre Zeichen zu verstehen. Und durch die Vorbereitung auf „Pelikanblut“ konnte ich das noch vertiefen. Dafür habe ich einen Horsemanship-Kurs gemacht, den ich jedem nur ans Herz legen kann. Denn man begreift dabei, wie dich Pferde widerspiegeln. Du vermittelst ihnen auf einer fast telepathischen Ebene, was du willst. Wenn du ihnen gegenüber diese Selbstsicherheit ausstrahlst, dann kommen sie mit dir mit, weil sie wissen: Sie brauchen keine Angst zu haben. Und solche Erfahrungen kannst du auch in die Arbeit mit Kindern reinnehmen, mit denen ich den Film gedreht habe.

Welche Erfahrungen verbinden Sie davon abgesehen mit Kindern?

Hoss: Ich bin viel von Kindern umgeben, auch im Freundeskreis. Ich liebe es, mit Kindern zu sein. Für mich ist es wichtig, dass wir spielerisch sind, dass wir ganz viel lachen und Quatsch machen. Vielleicht weil ich selbst gerne Quatsch mache und blödsinnig bin. Auf diese Weise konnte ich auch mit den beiden Mädchen in „Pelikanblut“ Vertrauen aufbauen. Besonders die Kleine der beiden war so ein angstfreies Wesen, das mitmacht. Davon kann ich auch wieder lernen.

Was genau?

Hoss: Freiheit. Als Schauspieler suchst du nach dieser Freiheit, ohne dich zu hinterfragen. Du musst wagen, wagen, ohne dich zu hinterfragen – und das mit Freude und ohne Angst vor Versagen.

Es heißt ja auch, dass Kinder deshalb so gut spielen können, weil sie keine Hemmungen haben.

Hoss: Genau. Erst ab einem gewissen Alter fängt man an, sich zu beobachten, weil man Jungs oder Mädels gut findet und nicht mehr weiß, wie man aussieht. Aber davor und danach hoffentlich herrscht die größte Freiheit, die man je hatte.

Haben Sie Ihre eigene Kindheit auch als eine Zeit der großen Freiheit erlebt?

Hoss: Ja. Meine Kindheit war ein einziges Abenteuer. Was ich da mit meinen Eltern alles erleben durfte. Im Nachhinein betrachtet, war das der reinste Wahnsinn, der für ein ganzes Leben reichen würde. Es war unwahrscheinlich anregend, aufregend und frei. Frei in dem Sinne, dass ich immer das Gefühl hatte, ich werde ernstgenommen und kann mich entfalten. Wobei ich als Kind das Wort ‚entfalten’ nicht benutzt hätte.

Können Sie das näher beschreiben?

Hoss: Jedes Jahr haben wir eine Fahrradtour mit Zelt gemacht, denn wir haben immer gezeltet. Das ging durch Korsika, Italien oder Frankreich. Das waren richtige Erlaubnisurlaube, aber nicht im modernen Sinne. Wir sind einfach als Familie los und haben geguckt, was passiert. Dann fing mein Vater mit seinem Projekt gegen die Zerstörung des Regenwaldes in Brasilien an. So war ich seit meiner Kindheit, bis ich 19, 20 war, siebenmal in Brasilien. Durch meine Eltern habe ich auch im Theater und politisch aufregende Dinge erlebt, ich habe aufregende Leute kennengelernt, weil sie so einen spannenden Freundeskreis hatten. Es war nie langweilig.

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