Interview

Berkel: „Den idealen Zeitpunkt aufzuhören, findet man nie“

Am Freitag läuft die letzte Folge „Der Kriminalist“. Christian Berkel verrät, wie er den Abschied erlebt – und welche Projekte folgen.

Von Kristina Heuer
Warum zahlen wir den Rundfunkbeitrag?

Warum zahlen wir den Rundfunkbeitrag?

Immer wieder steht der Rundfunkbeitrag in der Kritik. Dabei ist er als ein Pfeiler unserer Demokratie gedacht. Wir zeigen, wofür wir den Beitrag eigentlich zahlen.

Beschreibung anzeigen

Berlin. Mit der Folge „Der Kriminalist: Freunde von früher“ (Freitag, 9. Oktober, 20.15 Uhr im ZDF, bereits in der Mediathek) verabschiedet sich Christian Berkel nun endgültig von seiner Paraderolle. Wir sprachen mit dem Schauspieler über den Ausstieg, die Zukunft und Konkurrenzdenken in seiner Familie.

Darum geht’s in „Der Kriminalist: Freunde von früher“

Leo Borchert (August Zirner), ein enger Schulfreund von Bruno Schumann (Christian Berkel), wird tot auf einer abgelegenen Baustelle aufgefunden. Der Hauptkommissar setzt alles dran, den Täter zu finden. Franziska (Katrin Bühring) führte einen Gerichtsprozess gegen ihren eigenen Vater.

Doch auch Schumanns Freunde von früher haben ein Motiv: Sowohl Can Yussef (Hilmi Sözer), Matthias Kaposty (Hannes Jaenicke) und Karl Baumhöfer (Alexander Hörbe) stecken in finanziellen Schwierigkeiten. Aber wer von ihnen wusste, dass Leo Borchert eine Tasche voller Geld bei sich hatte, die seit seinem Tod verschwunden ist?

Wann haben Sie sich dazu entschieden, bei „Der Kriminalist“ aufzuhören?

Christian Berkel: Ich habe lange darüber nachgedacht. Den idealen Zeitpunkt aufzuhören, findet man nie. Noch vor dem Dreh der letzten Staffel hatte ich die Entscheidung getroffen und habe es meiner Produzentin und dann dem Sender gesagt.

Fühlten Sie sich schuldig, das Team vom „Kriminalisten“ quasi im Stich zu lassen?

Berkel: Nein, Schuld fühlte ich gewiss nicht. Es sind ja alles erwachsene Menschen. Wir haben eine ganz großartige Zeit miteinander gehabt und dieses sehr homogene Team hat sich wie ein Stück Familie angefühlt. Es ist eher ein Gefühl von Wehmut. Sie ist häufig da, wenn ich durch Berlin fahre und die verschiedenen Drehorte sehe. Wir hatten ja an die 2000 Motive, Wohnungen von luxuriös bis total verfallen – die unterschiedlichsten Orte. Es gibt keinen Bezirk in Berlin, in dem wir nicht gedreht haben. Es passiert immer noch regelmäßig, wenn ich durch die Stadt fahre, dass mich diese Wehmut packt.

Überlegen Sie es sich vielleicht doch noch mal anders? Ein Grund aufzuhören, waren ja die vielen (ca. 100) Drehtage im Jahr. Wie wäre es, wenn Sie nur einen „Kriminalisten“-Film drehen würden?

Berkel: Also, ich habe ja die Entscheidung gefällt und es wäre komisch, nach einem Jahr zu sagen, ich mache doch weiter. Das glaube ich eher nicht. Und weiter als ein Jahr plane ich eh nie im Voraus. Ich habe noch nie darüber nachgedacht, wie mein Leben in fünf oder zehn Jahren aussehen soll.

Was ist in dieser letzten Staffel anders?

Berkel: Grundsätzlich haben wir in jeder Staffel versucht, neu zu denken: Was können wir noch anders machen? Zuletzt haben wir immer wieder mehr Bewegung in meine Figur gebracht. Bruno Schumann war anfangs wesentlich verschlossener. In der letzten Staffel und insbesondere in der letzten Folge haben wir mehr, als je zuvor über ihn und seine Biografie erzählt. Wir haben ihn mehr geöffnet.

Sie hatten oft sehr angesehene Kollegen an Ihrer Seite. In der letzten Folge „Freunde von früher“ sind beispielsweise Hannes Jaenicke und August Zirner zu sehen…

Berkel: Ja, das stimmt. Es war großartig, dass die Serie so aufgestellt war, dass die Kollegen gern gekommen sind und Lust hatten mitzuwirken.

Auch interessant: „Extremer Rechtsruck“ – Christian Berkel über Antisemitismus

Ein Kollege, der an ihrer Seite stand, war Frank Giering. Er spielte von 2004 bis zu seinem überraschenden Tod im Jahr 2010 die Rolle des Kommissars Henry Weber. Er wurde nur 38 Jahre…

Berkel: Frank war ein außergewöhnlicher Schauspieler und Mensch, wunderbar sensibel und begabt. Er war mein Freund, soweit man mit ihm befreundet sein konnte. Denn Frank war ein absoluter Einzelgänger. Man hat ihn zu sich eingeladen und er fand einen Grund wieder abzusagen – So war er halt. Frank ist, so wie jeder Mensch, nicht ersetzbar. Sein Tod hat mich damals tief getroffen.

Zur selben Zeit verstarb auch Ihre Mutter. Über sie haben Sie den Bestseller „Der Apfelbaum“ geschrieben, der verfilmt werden soll. Wie ist der aktuelle Stand?

Berkel: X-Film verfilmt es für die ARD. Es geht trotz Corona voran, aber es ist schwierig, denn wir brauchen viele Komparsen und es soll auch in anderen Ländern gedreht werden.

Und sind Sie weiterhin als Schriftsteller tätig?

Berkel: Am 12. Oktober erscheint der Folgeroman „Ada“. Mit dieser Figur tauche ich in die 50er und 60er Jahre ein. Der Roman spielt in Buenos Aires, Paris, Berlin und Woodstock zur Zeit des Mauerbaus. Und er erzählt von der 68er-Zeit, die von der Suche nach Liebe und Familie und das Schweigen einer ganzen Generation geprägt war. Mit diesem neuen Roman gehe ich auch bald auf Lesereise. Und dann werde ich auch noch einen dritten Band schreiben.

Durch den Roman wurde ihre jüdische Herkunft offengelegt. Sie sind auf der Liste „Verräter an der weißen Rasse“ gelandet. Hätten Sie zum Schutze ihrer Familie dieses Buch lieber nicht geschrieben?

Berkel: Nein, es wäre hochproblematisch die eigenen Sorgen als Maßstab fürs Handeln heranzuziehen. Dann müsste ich mich ja auch fragen, ob ich in ein Flugzeug steigen kann. Es ist wichtig, wachsam zu sein, was in der Gesellschaft passiert. Wir können es nicht nur der Politik überlassen, dass die das richten.

Ihre Frau Andrea Sawatzki und Sie sind beide erfolgreiche Schauspieler, Autoren und Hörspielsprecher – entsteht bei so vielen Gemeinsamkeiten auch Konkurrenzdenken?

Berkel: Nein. Es ist bereichernd. Konkurrenz muss ja erst mal nichts Negatives sein, sondern kann auch ein Ansporn sein. Es ist nur tödlich und destruktiv, wenn man dem anderen nichts gönnt oder Neid entwickelt. Ich glaube nicht, dass es eine Beziehung gibt, die so was überleben könnte. Zum Glück hat es das bei uns nie gegeben. Ganz im Gegenteil: Wir freuen uns über die Erfolge des anderen und sind unglücklich, wenn bei ihm etwas schiefläuft – wahrscheinlich sogar noch unglücklicher, als wenn bei uns selbst was daneben gehen würde.

Apropos schieflaufen – die Serie „Beat“, in der sie eine Hauptrolle spielen, gewann den Grimme Preis, erhielt gute Kritiken, aber wurde nicht fortgesetzt. Woran lag das?

Berkel: Tja, das hat uns alle damals kalt erwischt. Damit hat keiner gerechnet. Es waren ja alle zufrieden. Manchmal braucht eine Serie auch eine gewisse Zeit, um sich zu entwickeln. Ich weiß es nicht, woran es gelegen hat.

Führen Sie denn weiterhin Gespräche mit Streaming-Anbietern?

Berkel: Ja, immer wieder. Es gibt ein Projekt, aber das ist noch nicht spruchreif.

Noch eine Abschlussfrage: Wo befindet sich bei Ihnen Zuhause die Goldene Kamera?

Berkel: Wenn man bei uns die Treppe hochkommt, ist da eine Nische. Da steht zwischen unseren Preisen ganz vorne die wunderbare Goldene Kamera, auf die ich sehr stolz bin.

• Dieser Test ist zuerst erschienen