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„Hart aber fair“: Rassismus in Sprache – Was darf man sagen?

N-Wort, Mohrenkopf, Gender-Sternchen: Plasberg diskutierte bei „Hart aber fair“ über Diskriminierung durch Sprache. Was ist sagbar?

Von Karina Krawczyk
Skandale und Gäste-Rankings: Diese fünf Dinge muss man über Polit-Talkshows wissen

Skandale und Gäste-Rankings- Diese fünf Dinge muss man über Polit-Talkshows wissen

Ob "Anne Will", "Hart aber Fair", “Maybrit Illner“ oder “Maischberger“: Polit-Talkshows prägen unsere politischen Debatten. Fünf Dinge, die man über dieseTalkshows wissen muss.

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Berlin. „Wenn wir anfangen, bestehende Kunstwerke zu ändern, können wir auch der ,Venus von Milo‘ einen Badeanzug anziehen, weil die nackt ist“, erregte sich Jan Weiler über die Frage von Frank Plasberg bei „Hart aber fair“, wie mit einem echten Kinderklassiker heute korrekt umzugehen sei: Würden Sie den „Negerkönig“ in Pippi Langstrumpf drin lassen oder das Buch umschreiben?

An der Frage schieden sich die Geister heftig. „Ein Buch ist ein Zeitzeuge“, befand Jürgen von der Lippe und plädierte für drin lassen. „Man kann das ja mit den Kindern besprechen“.

„Hart aber fair“ – Das waren die Gäste:

  • Jürgen von der Lippe: TV-Moderator und Komiker
  • Stefanie Lohaus: Publizistin, Gründerin und Mitherausgeberin des „Missy Magazins“
  • Stephan Anpalagan: Journalist und Theologe, Mitbegründer der Unternehmensberatung „Demokratie in Arbeit“
  • Jan Weiler: Schriftsteller und Kolumnist
  • Svenja Flaßpöhler: Philosophin, Chefredakteurin „Philosophie Magazin“
  • Andrew Onuegbu (im Einzelinterview): Koch und Inhaber des Restaurants „Zum Mohrenkopf“

Während der Journalist und Theologe Stephan Anpalagan sich für das Umschreiben einsetzte, und Stefanie Lohaus rigoros die Meinung vertrat, das Buch von Astrid Lindgren gehöre als „Kolonialgeschichte“ ohnehin ins Museum und nicht in Kinderhände …

„Hart aber fair“: Was ist sprachlich korrekt?

Mit „Streit um Sprache: Was darf man noch sagen und was besser nicht?“, war „Hart aber fair“ an diesem Montag übertitelt. Aber tatsächlich ging es um viel mehr: Um den aktuellen Stand der Debattenkultur in diesem Land, und wie sie durch die Empörungsmaschine der soziale Medien befeuert wird.

Wie wenig zimperlich heute miteinander umgegangen wird, zeigte auch die Runde selbst, die in Bezug auf sprachliche Korrektheiten überaus diverse Positionen bezog. Und sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner einigen konnte.

Gast bei Plasberg: Sprachverbote münden in Totalitarismus

„Eine öffentliche Debatte darüber ist richtig. Wir müssen uns austauschen, wie wir andere mit Worten verletzen“, startete Svenja Flaßpöhler mit einem versöhnlichen Beitrag. „Aber der Pfad des Sagbaren“, befand die Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“: Wer eine dem Mainstream nicht angepasste, unbequeme Position vertrete, werde gleich als rechtsreaktionär gelabelt – wie es ihr selbst ergangen sei, als sie es wagte, die Me-Too-Debatte öffentlich zu kritisieren.

Solche Sprachverbote würden in Rigorismus, Totalitarismus münden, „das halte ich für gefährlich“.

Und schon war Stefanie Lohaus zur Stelle, für die Anti-Diskriminierung aller Minderheiten zu kämpfen: „Immer, wenn eine benachteiligte Gruppe ihre Rechte fordert, kommt gleich das Ende des Abendlandes. Das ist rechte Rhetorik“, erwiderte die feministische Publizistin selbstgewiss. Dass die Debatten-Sitten rauer geworden seien, wischte sie vom Tisch.

Überhaupt wusste Stefanie Lohaus, die nach eigener Aussage gerne mit Gender-Sternchen schreibt und mit hörbarem Binnen-I stets von „Zuschauer-Innen spricht“, offenbar ganz genau, was richtig und was falsch war. Sprache konstituiere unser Denken und unsere Gefühle, bekundete sie. Deshalb sei es wichtig, „sie bewusst anzuwenden und bestimmte Begriffe nicht zu verwenden“.

Frank Plasberg muss für Disziplin sorgen

Als Moderator war Frank Plasberg an diesem Montag aber nicht nur gefordert, seine Gäste möglichst verbindlich zu disziplinieren, damit sie nicht ständig wieder ein neues Fass aufmachten, also assoziativ zum nächsten Aspekt wechselten.

Diesmal hatte er auch das Problem, dass schon die Wortwahl seiner sprachsensiblen Gäste immer wieder „sehr viel voraussetzt, um zu verstehen, worum es eigentlich geht“. Eben um eine sehr lebhafte, teils erbitterte Diskussion zum moralisch-politisch korrekten Gebrauch der deutschen Sprache – geführt unter Verwendung vieler Anglizismen.

Also ging es zwischendurch auch schon mal um einfache Wortklärungen: Was ist Framing? („Rahmung“, wenn ein Wort verwendet wird und Assoziationsketten losgehen) Was ist divers? (unterschiedlich). Was cancel culture? (Systematische Boykottierung einzelner Menschen wegen moralisch verletzenden Fehlverhaltens).

„Hart aber fair“: Wann sind Begriffe diskriminierend und rassistisch?

Thematisch war das sowieso ein weites Feld. Und alles zusammen eigentlich zu viel: Shitstorm in den sozialen Medien als „humane Form des Prangers“. Selbstzensur beim Schreiben, um dem zu entgehen.

Und eben auch der bewusste Verzicht auf Begriffe, die nicht mehr als opportun gelten, weil sie als diskriminierend oder rassistisch erkannt werden. Wie das N-Wort, mit dem einst „Männer, Frauen und Kinder bezeichnet wurden, denen man absprach, überhaupt Menschen zu sein“, wie Stephan Anpalagan erklärend einwarf und empört, dass dieser Begriff immer noch gedankenlos verwendet werde.

„Ein Begriff wie Mohr verschwindet wie der Henkelmann. Niemand benutzt das Wort mehr“, versuchte Jan Weiler die Debatte zu ent-emotionalisieren. „Wir müssen nicht die Sprache, sondern die Diskriminierten von den realen Diskriminierungen befreien“, plädierte der Schriftsteller. Und also gerechtere Verhältnisse schaffen.

Berliner Landesverwaltung veröffentlicht „Diversity-Leitfaden“

Werden denn „Ausländer“ weniger diskriminiert, wenn sie ab sofort als „Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit“ bezeichnet werden – wie der neue „Diversity-Leitfaden“ der Berliner Landesverwaltung zur sprachlichen Korrektheit vorschreibt? Oder Migranten als „Menschen mit internationaler Geschichte“? Und ist „fahren ohne Fahrschein“ besser als „schwarzfahren“, weil weniger negativ konnotiert?

Gerade Begriffe wie „Schwarzfahren“, „Schwarzgeld“ oder „Schwarzarbeit“ hätten etymologisch nichts mit der Hautfarbe zu tun, wollte Frank Plasberg zwischendurch noch schnell erklären. Sie kommen stattdessen von „Verdunklung“ oder „Verschleierung“.

Andrew Onuegbu: „Brauche keine weiße Person, die mir sagt, was mich verletzt“

Wie real existierende Diskriminierung dagegen aussehen kann, zeigte der kurze Auftritt von Andrew Onuegbu, von dem auch der Satz des Abends kam, zumindest nach Meinung von Jürgen von der Lippe: „Ich brauche keine weiße Person, die mir sagt, was mich verletzt“, fasste der deutsche Staatsbürger mit nigerianischer Geschichte im lakonischen Ton zusammen.

Der Kieler Gastwirt, gebürtig aus Biafra in Nigeria, hatte für seinen Gasthof bewusst den Namen „Zum Mohrenkopf“ gewählt, „weil das im Mittelalter ein positiv besetzter Begriff war, der für gute Küche stand“.

Selbstbewusst und selbstironisch identifizierte er sich sogar mit dem Namen, und betonte, er habe auch kein Problem damit, von seinen Stammgästen als „Mohrenkopf“ genannt zu werden. Den Namen seines Lokals zu ändern, komme für ihn nicht in Frage.

Koch erlebt „puren Rassismus“

Im Einzelgespräch erzählte er dann, wie er „puren Rassismus“ erlebte, politisch korrekt verkleidet: Eines Abends stand ein deutsches Paar – schwarzer Mann, weiße Frau – in seinem Lokal und fragte ihn stracks: „Bruder, warum arbeitest du für einen Nazi?“

Dann verlangte das wohlmeinende Paar seinen Chef zu sprechen. Er sagte, dass er das selber sei. Sie glaubten ihm nicht und schickten ihn weg, den Chef zu holen. Als er wiederkam und auch seine Mitarbeiterin noch einmal bestätigte, dass Andrew Onuegbu tatsächlich der Betreiber des Lokals sei, forderte das Paar ihn auf: „Der Name muss weg, er ist rassistisch“.

Die ganze Folge sehen Sie hier.