Interview

Merkel-Mimin Imogen Kogge hofft auf Humor der Kanzlerin

Imogen Kogge spielt in „Die Getriebenen“ Angela Merkel in der Flüchtlingskrise. Sie hofft, die Kanzlerin sieht den Film mit Humor.

Imogen Kogge spielt im ARD-Film „Die Getriebenen“ Bundeskanzlerin Angela Merkel während der Flüchtlingskrise 2015.

Imogen Kogge spielt im ARD-Film „Die Getriebenen“ Bundeskanzlerin Angela Merkel während der Flüchtlingskrise 2015.

Foto: via www.imago-images.de / imago images/APress

Berlin Iris Berben, Veronica Ferres, Dagmar Manzel und Katharina Thalbach: Sie alle haben im Film schon mal eine Kanzlerin gespielt, in Komödien und Parodien, und mit Attributen von Angela Merkel bestückt. Aber noch nie gab es einen ganzen Spielfilm, der die echte Angela Merkel bei ihrer Arbeit zeigt.

Das tut erstmals der ARD-Film „Die Getriebenen“, der die Flüchtlingskrise vor fünf Jahren rekapituliert (Mittwoch, 15. April) 20.15 Uhr, . Dabei spielt die Berliner Schauspielerin Imogen Kogge die Bundeskanzlerin. Wir haben mit der 63-Jährigen über ihre Tage als Kanzlerin gesprochen.

Frau Kogge, geht es Ihnen gut? Sind Sie wegen Corona betroffen? Sind Ihnen dadurch auch Projekte durch die Lappen gegangen?

Imogen Kogge: Danke, mir geht es gut. Falls ich betroffen sein sollte, merke ich davon jedenfalls nichts. Aber ja. Gerade wurde eine Theaterarbeit am Renaissance-Theater, wo ich viel arbeite, abgesagt. Dann wurden auch zwei Filme verschoben. Das ist natürlich nicht schön, wenn man freischaffend tätig ist. Ich hoffe, wie alle, dass das nicht mehr lange anhält. Aber ich habe einen Garten. Und genieße den Frühling.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie das Angebot bekamen, Angela Merkel zu spielen? Überlegt man sich das doppelt, ob man da zusagt?

Kogge: Ja. Ich habe erst mal einen kleinen Schreck gekriegt. Weil ich es sehr heikel finde, jemanden zu spielen, der noch lebt. Und der so wahnsinnig bekannt ist. Jeder Mensch denkt doch, er sei ein Merkel-Experte und weiß, wie sie ist. Ich dachte erst, das kann nur schiefgehen. (lacht) Erst als für mich klar war, dass es sich um eine faire und seriöse Auseinandersetzung handelt, habe ich zugesagt.

Wie sehr haben Sie Angela Merkel für Ihre Rolle studiert?

Kogge: Schon ziemlich! Sie ist ja äußerst gut dokumentiert, man kann sich auf Youtube lauter Filmchen ansehen. Da gibt es also genug Material. Ich habe genau hingeguckt, wie ihr Gang ist, wo ihre Kraft, ihr Schwung liegt, wie sie sich gibt. Das ist ja mein Beruf, das Verhalten der Menschen zu studieren.

Sie machen die Merkel-Raute ein einziges, flüchtiges Mal, nach 90 Minuten. Das war vermutlich Absicht, um nicht in gängige Klischees zu verfallen?

Kogge: Das war Absicht, ja. Alle meine Freunde, jeder, der mitbekam, dass ich Angela Merkel spielen soll, machte mit den Händen sofort die Raute. Aber so einfach und billig sollte es dann doch nicht sein.

Es gibt sehr hübsche, private Momente im Film. Die Kanzlerin fläzt sich auf dem Sofa, weint vor dem Fernseher, kabbelt sich mit ihrem Mann. Aber das sind natürlich fiktive Momente. Gab es Bedenken, ob man sowas machen kann?

Kogge: Der Film beruht auf dem Sachbuch von Robin Alexander. Aber er ist doch ein Spielfilm. Natürlich ist es Fiktion, was wir betreiben. Ich hatte da keine Bedenken. Weiß der Kuckuck, was Frau Merkel in ihren eigenen vier Wänden macht. Aber für das Verständnis der Politikerin muss man mitunter auch mal den „nicht öffentlichen“ Menschen sehen. Das sind wichtige Szenen, wenn sie auch mal zuhause von ihrem Mann kritisiert wird, die wir, wie ich finde, sehr sparsam, aber gut platziert haben.

Halten Sie sie für eine gute Politikerin?

Kogge: Ja, schon. Und zwar zunehmend. Je mehr das politische Parkett bevölkert wird von solch gefährlichen, präpotenten Schwadroneuren wie Donald Trump, Boris Johnson oder Viktor Orbán, die sich über alles hinwegsetzen, desto bemerkenswerter finde ich es, dass es jemand wie Angela Merkel gibt, die wirklich versucht, beherrscht, kontrolliert, klar, unaufgeregt und auch menschlich Politik zu betreiben. Natürlich ist auch sie ein Machtmensch, aber ich finde, dass sie wirklich nach gemeinsamen Lösungen sucht und ihr Amt auch so versteht. Nicht im Alleingang zu entscheiden, sondern immer im Konsens. Allein das unterscheidet sie vom Großteil ihrer reaktionären Kollegen.

Der Film zeichnet ja ein düsteres Bild: Merkel scheint die einzige, die Politik macht, während alle Männer um sie herum nur gegen sie intrigieren.

Kogge: Na ja, nicht alle, aber einige. Robin Alexander war da wohl nahe dran. Die Fiktion stützt sich auf die Chronologie der tatsächlichen Ereignisse. Und bestimmte Dinge sind ja verbrieft, etwa die Unerreichbarkeit eines Horst Seehofers in einer entscheidenden Phase des Geschehens. Natürlich weiß man nicht, welche SMS da hin- und hergeschickt wurden, aber es wird schon ziemlich klar, dass da immer noch eine ziemliche Männergesellschaft vorherrscht in diesen Politiktempeln.

Würde Politik anders aussehen, wenn mehr Frauen sie betreiben würden?

Kogge: Oje, das vermag ich nicht zu sagen. Möglicherweise ja. In Merkels Kabinett waren ja immer einige Frauen. Aber man kann sich schon mal fragen, wieviel „Frau-Sein“ sich in einer von Männern dominierten Domäne überhaupt noch hält.

Was haben Sie damals auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise gedacht, als die Kanzlerin sagte: „Wir schaffen das“?

Kogge: Ich fand das toll. Es war die richtige Entscheidung. Wenn man sich überlegt, wie die Flüchtlinge von allen allein gelassen wurden, wie alle anderen Politiker nur ihre Schotten dicht machten, während Leute verzweifelt und verdurstet sind – da war das eine ganz menschliche und humane Reaktion, die für mein Gefühl die einzig richtige war.

Man hatte in der Flüchtlingskrise das Gefühl, dass die EU ihr nicht gewachsen ist. Dasselbe denkt man jetzt in der Corona-Krise wieder. Ist die EU überfordert mit diesem Dauerkrisenmodus?

Kogge: Möglicherweise ja, leider. Es ist ganz natürlich, dass jedes Land erst mal für sich schaut, wie es corona-frei wird. Auch wenn das dem gemeinsamen europäischen Gedanken zuwiderläuft. Die EU ist ja ein vergleichsweise junges Instrument, eigentlich entsteht dieses System immer noch. Weil neue Länder dazukommen wollen und andere abspringen. Das ist letztlich ein sehr wackliger Corpus. Und doch ist er unglaublich wichtig und bedeutend. Und wird wahnsinnig strapaziert von solchen Krisen.

Merkel: "Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen
Merkel- Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen

Hat sich Ihr Blick auf die Politik durch diesen Film geändert?

Kogge: Unbedingt. Ich habe durch diese Beschäftigung sehen können, wie unsere Politiker, auf die man so leicht und schnell schimpft, gewaltig unter Druck stehen und über alle physischen und psychischen Kraftreserven hinaus versuchen, den Kahn zu steuern, dessen Lenkung man ihnen anvertraut hat. Das fordert mir großen Respekt ab, vielleicht auch Nachsicht.

Wäre das je auch ein Weg für Sie gewesen oder könnte es das noch einmal werden: in die Politik zu gehen?

Kogge: Niemals. Ich bin ja schon überfordert mit diesen Fragen, die Sie mir stellen! Ich spiele diese Politikerin so wie Klausjürgen Wussow den Arzt in der „Schwarzwaldklinik“. Es mag Kollegen geben, die da anders geartet sind. Ich könnte das nicht. Ich bin überhaupt nicht dafür gemacht.

Nehmen wir mal an, Angela Merkel fläzt sich am 15. April zuhause auf dem Sofa und schaut Ihren Film: Wie, was glauben Sie, wird sie auf den Film reagieren?

Kogge: Ich hoffe, mit Humor. Den soll sie ja haben. Aber was soll sie schon dazu sagen? Ich kann nur hoffen, dass sie sich das mit einer gesunden Distanz anguckt. Vielleicht, wer weiß, findet sie die eine oder andere Beobachtung ja ganz gelungen. Vielleicht empfindet sie den Film auch als ganz guten Beitrag dafür, um Verständnis für bestimmte politische Abläufe oder die ganze hochkomplizierte Flüchtlingskrise zu erhalten. Das wäre ja auch kein schlechter Nebeneffekt.

Ihr Film endet mitten in der Krise. Könnte es eine Fortsetzung geben? Oder ein Corona-Sequel?

Kogge: Nicht mit mir! Das war eine Kraftanstrengung, damit ist aber auch gut. Ich will auch nicht als Merkel-Double in die Geschichte eingehen.

• Mittwoch, 15. April, 20.15 Uhr, Das Erste: „Die Getriebenen“
• Hier sehen Sie den Film in der ARD-Mediathek