ARD-Film

Flüchtlingskrise: „Die Getriebenen“ zeigt Merkels Handeln

Der ARD-Film „Die Getriebenen“ rekapituliert die Flüchtlingskrise von 2015 und veranschaulicht, wie schwer Politik in der Krise ist.

Im ARD-Film „Die Getriebenen" ist Timo Dierkes als Sigmar Gabriel (v. l.), Imogen Kogge als Angela Merkel und Walter Sittler als Frank-Walter Steinmeier zu sehen.

Im ARD-Film „Die Getriebenen" ist Timo Dierkes als Sigmar Gabriel (v. l.), Imogen Kogge als Angela Merkel und Walter Sittler als Frank-Walter Steinmeier zu sehen.

Foto: rbb/Carte Blanche / rbb/Carte Blanche/

In der derzeitigen Corona-Krise erleben wir nicht ohne Verblüffung, wie unsere Politiker sich, einmal ihrer hohen Verantwortung bewusst, als wahre Staatsfrauen und -männer erweisen. Das war durchaus nicht immer so, wie am heutigen Mittwoch ein ARD-Fernsehfilm zeigt, der von einer ganz anderen Krise handelt: der Flüchtlingskrise von 2015. Sie wurde damals als größte Herausforderung der EU angesehen, was angesichts von Corona, den Grenzschließungen innerhalb Europas, fehlender Solidarität unter den Nachbarländern und der Diskussion um Corona-Bonds schon wieder in den Schatten gestellt scheint. Aber so zufällig der Sendetermin just auf den Tag fällt, da über mögliche erste Lockerungen der Corona-Beschränkungen verhandelt wird, so erhellend ist es doch, Politiker im Krisenmodus zu erleben, auch wenn die Krise eine ganz andere ist.

„Die Getriebenen“ handelt von jenen sechs Wochen im Schicksalssommer 2015, als die Flüchtlingskrise sich zuspitzte und die Politiker von ganz Europa unter Druck setzte. Bis Angela Merkel die Entscheidung traf, die Grenzen offen zu lassen und Flüchtlinge über Österreich und Ungarn unkontrolliert nach Deutschland passieren zu lassen. Was die Deutschen zunächst mit einer beispiellosen Willkommenskultur begrüßten, bestimmt und spaltet das politische Klima seither zunehmend.

„Die Getriebenen“ ist gezielt als Spielfilm angelegt

Die Ereignisse jener Tage hat der Berliner Journalist Robin Alexander in seinem gleichnamigen Sachbuch genauestens recherchiert. Die Verfilmung kommt nun aber nicht, wie man hätte denken können, als Dokudrama daher, in dem Archivmaterial und nachgespielte Szenen einander abwechseln. Nein, Drehbuchautor Florian Oeller setzte von Anfang an auf einen reinen Spielfilm, der die Fakten fiktionalisiert aufbereitet, und Regisseur Stephan Wagner hat daraus einen beklemmenden Politthriller aus dem Zentrum der Macht gemacht. Mit Protagonisten, die wir alle aus den Nachrichten kennen. Und doch einmal ganz anders kennenlernen.

Dabei kommen noch mal all die (echten) Bilder hoch, die damals die Welt bewegten. Von der immer größeren Masse an Flüchtlingen in Budapest. Von dem Asylantenmädchen, das wegen der Kanzlerin in Tränen ausbricht. Von dem toten Jungen, der an der türkischen Küste im Wasser treibt. Von Vizekanzler Gabriel, der Demonstranten gegen die Asylpolitik als „Pack“ diffamiert. Und vom Flüchtlingsheim in Heidenau, zu dessen Besuch die Kanzlerin geradezu überredet werden muss und wo sie dann von aufgebrachten Demonstranten wüst beschimpft wird.

„Die Getriebenen“: Männer und ihre Spielchen

Eigentlich wird in diesen Tagen noch eine ganz andere Krise verhandelt: die Euro-Währungskrise. Gerade wird über ein drittes Hilfspaket für Griechenland gestritten. Der damalige Finanzminister Wolfgang Schäuble (Rüdiger Vogler) drängt die Kanzlerin (Imogen Kogge), einen „Grexit“ einzuleiten. Die will das mit allen Mitteln verhindern. Während sie aber, als einzige Frau unter lauter Alphamännchen, versucht, wirklich Politik zu betreiben, scheinen die Herren der Schöpfung nur mit sich selbst beschäftigt. Und keiner ahnt, welche Ausmaße die Flüchtlingsfrage annehmen wird.

Vizekanzler Gabriel (Timo Dierkes) intrigiert mit Frank-Walter Steinmeier (Walter Sittler) gegen Merkel, Jens Spahn (Claudius Franz) sucht Schäuble für einen Putsch gegen die Kanzlerin zu gewinnen. CSU-Chef Horst Seehofer (Josef Bierbichler) führt einen peinlichen Kleinkrieg mit seinem Nachfolger Markus Söder (Matthias Kupfer) und ist in der entscheidenden Nacht, in der die humanitäre Ausnahmeentscheidung getroffen wird, einfach nicht zu erreichen – um hinterher den Beschluss verurteilen zu können. Ein einziger Intrigantenstadl – Männer und ihre Spielchen. Und dazwischen eine Frau, die von den Medien als „Eiskönigin“ bezeichnet wird. Die einmal Gefühle zeigt. Und der dann genau das vorgeworfen wird.

Dokumentation und Fiktion werden auch technisch miteinander verbunden

Dabei blitzen zwischendurch immer mal kurz Archivbilder von realen Politikern wie Francois Hollande und Matteo Renzi durch. Oder man sieht die echte Angela Merkel von hinten an ein Rednerpult treten und dann spricht Imogen Kogge von dort. Keine Dokudrama-Ästhetik – auf diese Weise werden die dokumentarische und die fiktionale Ebene miteinander verschmolzen. Um die Hektik der Ereignisse, von denen die Politiker zunehmend getrieben werden, zu visualisieren, werden die Szenen stakkatoartig aneinander geschnitten. Und dann wird auch immer wieder das Splitscreen-Verfahren eingesetzt, wird das Bild geteilt, so dass wir etwa rechts ein ahnungsloses Opfer sehen und links die Intriganten, die darüber herziehen.

Ein Schlüsselfilm über die Berliner Republik, quasi aus der Schlüssellochperspektive. Denn so hautnah haben wir unsere Politiker noch nie erlebt. Dabei lebt der Film natürlich genau von dem Reiz, das er penibel recherchiert ist, aber die Leerstellen dramaturgisch auffüllt. Dabei wurde bei der Besetzung offensichtlich stark nach Ähnlichkeit ausgewählt. Bei Gabriel und Söder etwa hat man sich für eher weniger bekannte Schauspieler entschieden. Wo die Politiker doch von Stars gespielt werden, geht das nicht immer auf, wie etwa Walter Sittler als Steinmeier zeigt. Auch Josef Bierbichler als Seehofer ist erst mal gewöhnungsbedürftig. Offenbar hat man sich dabei für den grantigsten Bayern des deutschen Films entschieden – der denn aber auch Bierbichler-typisch zu höchster Form aufläuft. Der größte Schauwert aber ist Imogen Kogge als Angela Merkel.

Imogen Kogge verkörpert Kanzlerin Merkel wie keine Zweite

Schon viele große Schauspielerinnen haben Merkel gespielt oder eine Kanzlerinnen-Figur mit ihren Attributen versehen, haben also „die Raute“ gemacht. Katharina Thalbach etwa als Kanzlerin Murkel in der Guttenberg-Satire „Der Minister“, Katja Riemann in „Die Grenze“, wo die Mauer wieder hochgezogen wurde, Veronica Ferres in „Die Staatsaffäre“, wo sich die Kanzlerin in Frankreichs Präsidenten verliebte. Und Iris Berben gleich zwei Mal: in der G8-Gipfel-Komödie „Frühstück mit einer Unbekannten“ und in „Die Eisläuferin“ als Kanzlerin unter Amnesie, die sich nicht mehr an den Mauerfall erinnern kann. Aber noch nie hat sich ein ganzer Spielfilm mit der echten Kanzlerin in einer echten Krisenlage befasst. Imogen Kogge reiht sich bestens ein in die illustre Riege der Kanzlerinnendarstellerinnen, nimmt dabei sogar gleich einen ganz vorderen Platz ein.

Denn sie trägt nicht nur die berühmten Hosenanzüge und die helmartige Frisur, sie hat Mimik, Gestik und Bewegungsapparat der Kanzlerin genau studiert. Und wirkt doch nie wie eine Parodie. Die üblichen Klischees vermeidet sie, die Raute wird ein einziges, flüchtiges Mal geformt, wohl eher, weil man nicht ganz drumrum kam. Stattdessen stattet sie Merkel mit einer inneren Wahrhaftigkeit aus. Glasklar: Kogge kann Kanzlerin.

Kogges Merkel bietet Momente, in denen der Mensch hinter der Macht spürbar wird

Dabei gelingen hübsche kleine Momente, wenn ihre Merkel beim Frühstück überlaufende Milch vom Kännchen schleckt. Wenn sie sich auf dem Sofa fläzt und vor dem Fernseher weint. Wenn ihr gleich zwei Mal das Sch-Wort entfährt. Oder wenn ihr Gatte (Uwe Preuß) sie zuhause wegen ihrer laschen Haltung zum Syrienkrieg kritisiert. Das sind natürlich erfundene Momente. Und doch machen sie den Menschen hinter der Macht spürbar, der den Bürgern meist vorenthalten bleibt.

„Die Getriebenen“ rekapituliert nicht nur eindringlich die Flüchtlingskrise. Er zeigt weit darüber, wie Politik funktioniert und wie die Entscheidungsträger mit der globalisierten, sich immer rasanter verändernden Welt mithalten müssen, wie sie ständig erreichbar sein und Lösungen parat haben müssen, wie sie dabei oft überfordert sind und oft auch weit über ihre Kraftreserven hinausgehen. Möglicherweise kann ein solcher Film sogar der weit verbreitete Politikverdrossenheit ein bisschen entgegenwirken.

„Die Getriebenen“: ARD, Mittwoch, 20.15 Uhr.