Filmkritik

„Nur eine Frau“: Bewegender Film über Berliner „Ehrenmord“

„Nur eine Frau“ beleuchtet das erschreckende Schicksal von Aynur Hatun Sürücü, die 2005 in Berlin Opfer eines „Ehrenmords“ wurde.

Aynur (Almila Bagriacik) und ihr Freund Tim (Jacob Matschenz). Ist er der Grund für den „Ehrenmord“?

Aynur (Almila Bagriacik) und ihr Freund Tim (Jacob Matschenz). Ist er der Grund für den „Ehrenmord“?

Foto: rbb/Vincent TV/Mathias Bothor

Essen. Es ist sicher nicht der erste Film, in dem ein bereits Verstorbener sich noch einmal zu Wort meldet, um vom Grund seines Ablebens zu erzählen. Man denke nur an William Holden in „Boulevard der Dämmerung“, der gleich im ersten Bild tot in einem Swimmingpool treibt. Sherry Hormanns Film „Nur eine Frau“ bedient sich zwar ebenfalls dieses Kunstgriffs, doch wovon hier die Rede ist, das wird den Zuschauer sehr viel schmerzhafter treffen als jeder Hollywood-Einfall.

Denn hier führt uns eine junge Frau aus sunnitisch-kurdischer Familie in Rückblenden quer durch ihr Berliner Viertel, bis sie an einem abgedeckten Bündel ankommt. Das sei sie unter der Plane, klärt sie uns auf, mit drei Kugeln sei sie erschossen worden von ihrem jüngsten Bruder. Ein sogenannter „Ehrenmord“ also.

„Nur eine Frau“: Das Schicksal von Aynur ist real

Drehbuchautor Florian Oeller hat penibel recherchiert, denn das Schicksal von Aynur (gespielt von Almila Bagriacik) ist real und hat seinerzeit die Menschen erstmals klar und deutlich mit dem Phänomen des Tötens innerhalb der Familie konfrontiert. Zwar können Söhne sich durchaus aus dem Kreis absetzen ohne Schaden zu nehmen.

Für Frauen jedoch gilt das als Rebellion, als Schande für die Familie. In diesen streng traditionellen Kreisen werden Frauen nach Möglichkeit schnell verheiratet und sind fortan verpflichtet, dem Gemahl in jeder Hinsicht zu gehorchen.

„Nur eine Frau“ – Trailer

Vom Ehemann misshandelt, vom Bruder fast vergewaltigt

Man nehme nur Aynurs Schicksal. Mit 15 Jahren wird sie aus dem Berliner Gymnasium genommen und in die Heimat verfrachtet, wo eine arrangierte Ehe auf sie wartet. Einige Zeit später steht sie wieder vor der Tür, hochschwanger und von ihrem Mann misshandelt.

Niemand freut sich, denn für die Familie ist sie nur noch ein Schandfleck. Weil das Kind zu laut ist und die Schwestern stört, schläft sie in der Besenkammer, wo einer ihrer Brüder schließlich versucht, sie zu vergewaltigen. Immer ist der Zuschauer ganz bei ihr, denn Aynur lässt alle teilhaben an ihren Gefühlen und an ihrem Schmerz.

Iman befeuert Hass gegen die eigene Schwester

Die Regisseurin ist klug genug, um auch die andere, die Täterseite zu zeigen. Da sind die Brüder, die bis auf einen in Aynur nur noch eine „befleckte“ Frau sehen, nicht besser als eine Hure. Vor allem, weil sie mittlerweile auf eigenen Beinen steht. In der Moschee werden sie dann auch noch vom tiefgläubigen Imam auf subtile Weise in ihrem Hass gegen die eigene Schwester befeuert. Das Fatale dabei ist, dass die junge Frau immer noch an ihrem Elternhaus festhalten möchte, obwohl sie damit der Gefahr immer näher kommt.

Sherry Hormann ist hier ein bewegender Film geglückt, und das nicht nur durch den Einsatz von Bildern der echten Aynur. Eine lächelnde junge Frau mit Kind begegnet einem da, die stolz darauf ist, nun endlich selbstständig zu sein. Im vergangenen Jahr hatte „Nur eine Frau“ bereits einen kurzen Kinoeinsatz, der keine großen Zuschauerzahlen vorweisen konnte. Das wird sich jetzt hoffentlich ändern.

• ARD, Mittwoch, 29. Januar, 20.15 Uhr