Gesundheitspolitik

Kliniken schließen? Bei „Hart aber fair“ waren einige dafür

Bei „Hart aber fair“ ging es um die Frage, ob Deutschland zu viele Krankenhäuser hat – und was sich im Gesundheitswesen ändern muss.

Skandale und Gäste-Rankings: Diese fünf Dinge muss man über Polit-Talkshows wissen

Ob "Anne Will", "Hart aber Fair", “Maybrit Illner“ oder “Maischberger“: Polit-Talkshows prägen unsere politischen Debatten. Fünf Dinge, die man über dieseTalkshows wissen muss.

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Berlin. Nehmen wir an, ein Mann lebt in der Innenstadt von Essen. Er hat Probleme mit seiner Hüfte und muss stationär behandelt werden. Er kann sich im Umkreis von 25 Kilometern zwischen nicht weniger als 70 Kliniken entscheiden, die eine entsprechende Behandlung anbieten. Würde ihm nicht die Hüfte, sondern das Knie Probleme machen, wären es immer noch 50 Krankenhäuser. Muss das sein? Und wenn ja: Wem ist mit einem solchen Angebot geholfen?

Um Fragen wie diese ging es am Montagabend bei „Hart aber fair“. „Zu klein, zu teuer, zu schlecht: Haben wir zu viele Krankenhäuser?“, lautete der Titel, und Moderator Frank Plasberg führte durch eine erfreulich krawallarme und für den Zuschauer deshalb gewinnbringende Sendung .

„Hart aber fair“: Experte fordert, jede zweite Klinik zu schließen

Da war der Gesundheitsökonom Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin. Er verordnet dem deutschen Gesundheitswesen gewissermaßen eine Rosskur mit seiner Forderung, jede zweite der etwa 2000 Kliniken müsse geschlossen werden. Nur so könne eine substanzielle Verbesserung der Versorgung gewährleistet werden.

Busse sagt von sich, er sei ein Mann der Zahlen und Statistiken. Und die führt er an: Drei von fünf Krankenhäusern in Deutschland können Herzinfarktpatienten nicht angemessen behandeln. Deutschland liegt im länderübergreifenden Vergleichsstudien bei der Zahl der Pflegekräfte vorn, landet aber bei der Frage, wie viele Patienten auf eine Pflegekraft kommen, auf den hinteren Plätzen.

„Hunderte und Aberhunderte Krankenhäuser“ operieren in Deutschland Patienten an der Bauchspeicheldrüse, aber 300 davon tun dies nicht öfter als dreimal im Jahr – wo doch Routine erwiesenermaßen Behandlungserfolge zeitige.

Gesundheitswesen: Ist Dänemark das gelobte Land?

Nun ist es mit den Fakten in jeder Talkshow so eine Sache – sobald ihnen auf dem Podium widersprochen wird („stimmt nicht!), ist der Zuschauer zur Ratlosigkeit verdammt. So auch an diesem Abend, als Plasberg mehrfach auf seinen später im Netz nachlesbaren „Faktencheck“ verweisen muss.

Aber die persönlichen Erfahrungen der Anästhesistin Katja Kilb Jacobsen, die später in der Sendung zu Wort kommt, scheinen Busse ins Recht zu setzen: Sie arbeitet in Dänemark, wo man sich vor einigen Jahren dazu entschloss, die Zahl der Krankenhäuser dramatisch zu reduzieren und Schwerpunktzentren aufzubauen. Die Sterblichkeit beim stationär behandelten Herzinfarkt liegt dort nun bei drei Prozent, in Deutschland sind es neun Prozent. Jacobsen schwärmt von ihren Arbeitsbedingungen. Immer sei ein Chefarzt zugegen. Weniger Wochenstunden, aber mehr Verdienst als hierzulande. Sie würde bestimmt nicht zurückkehren, sagt sie.

Warum die Sache womöglich doch komplizierter ist

Doch die Sache ist nicht nur deshalb kompliziert, weil in Dänemark die Versorgung vollständig in staatlicher Hand liegt. Der Vergleich hinkt auch, weil die im viel größeren, föderal organisierten Deutschland gewachsenen Strukturen ganz andere sind.

Gerald Gaß, der Präsident der deutschen Krankenhausgesellschaft, wehrt sich vehement dagegen, die bestehenden Strukturen einfach zu zerschlagen und benutzt dafür das Wort vom „kalten Strukturwandel“. Existierende Parallelstrukturen müssten in einem geordneten Prozess abgebaut werden – und außerdem gebe es in Deutschland, wie den jährlichen Qualitätsberichten zu entnehmen, eine sehr gute Versorgungslage. Das schließe nicht aus, Spezialzentren zu bilden – nur könne von ihnen ausgehend das hiesige Gesundheitswesen nicht organisiert werden.

Wie sinnvoll sind kleine Krankenhäuser im ländlichen Raum?

Ähnlich argumentierten Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD), die als rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin auch wissen dürfte, welche Proteste die Schließung kleiner Häuser nach sich zieht und wie viele Wählerstimmen sie kosten kann. Sie sprach sich für einen schonenden Strukturwandel aus, führte die gute Erreichbarkeit an und nahm unter Applaus die Arbeit kleiner Krankenhäuser in Schutz, obwohl die eigentlich niemand angegriffen hatte. In ihrem Sinne argumentierte auch Rainer Hoffmann, der sich als Chefarzt im Ruhestand für die Krankenhäuser im ländlichen Raum engagiert.

Am nächsten stand den Forderungen Rainhard Busses wohl noch Martin Litsch, der Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes. Von ihm stammt das Wort der „Gelegenheitschirurgie“, mit dem sich so manches Krankenhaus seinen Schnitt verbessere. Er wies darauf hin, dass viele Behandlungen einer bestimmten Erkrankung eben auch zu besserer Qualität führen – demnach also viel für die Spezialisierung spricht: „Die Menschen wollen eine Grundversorgung in der Fläche und eine Spezialisierung, die Qualität sichert.“ Litsch verwies auch darauf, dass so manches Kleinstadtkrankenhaus vielleicht auch einen folkloristischen Wert hat: „Es hat einen symbolischen Wert, auch wenn ich nicht hingehe.“

Und nun? Wer auch nur einen ungefähren Begriff von den politischen Zyklen und den landespolitischen Zwangslagen in Deutschland hat, muss die Forderung einer raschen Umsetzung des dänischen Modells für illusorisch halten – wenn es denn überhaupt das richtige ist. Der Abend bot aber viele gute Argumente, diese Frage weiter zu vertiefen.

Diese Ausgabe von „Hart aber fair“ gibt es hier in der Mediathek.