TV-Krimi

28 Jahre später: So hängen alter und neuer „Tatort“ zusammen

Zum „Tatort“-Jubiläum von Lena Odenthal zeigte die ARD die Fortsetzung eines alten Krimis. Wir klären die wichtigsten Fragen zum Fall.

Wiedersehen nach 28 Jahren: Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) trifft in ihrem 70. Fall den Zartener Polizisten Stefan Tries (Ben Becker) wieder.

Wiedersehen nach 28 Jahren: Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) trifft in ihrem 70. Fall den Zartener Polizisten Stefan Tries (Ben Becker) wieder.

Foto: SWR/Jaqueline Krause-Burberg/Johannes Hollmann / Montage: fmg

Berlin. 30 Jahre, 70 Fälle – Der „Tatort“ von diesem Sonntag war ein doppeltes Jubiläum für Ulrike Folkerts alias Kommissarin Lena Odenthal. Der SWR hat zu diesem Anlass einen der ersten Fälle der jungen Lena Odenthal aufgegriffen und ihn in einem Sequel fortgeführt.

„Die Pfalz von oben“ führt Odenthal 28 Jahre nach ihrem dritten Fall „Tod im Häcksler“ zurück in die pfälzische Provinz. Ein Überblick über den Ort des Geschehens, kleine Déjà-vus, emotionale Wiederbegegnungen – und die Frage nach dem „Was wäre gewesen, wenn?“.

Zarten – Der Ort der „Tatort“-Ermittlungen

Schon einmal war Lena Odenthal in Zarten unterwegs, um zu ermitteln. Das – fiktive – Dorf liegt irgendwo in der pfälzischen Provinz. 120 Einwohner, reizvolle Umgebung, schöne Tallage, Pfälzer Waldluft – so wird der Ort im „Tatort“ von 1991 beschrieben. Verschlafen und wie aus der Zeit gefallen, verschwiegene, ein wenig kauzige Bewohner, das ist das, was die Kommissarin bei ihren ersten Ermittlungen erwartet.

Auf der Karte ist das Dorf kaum zu finden. Mehlbach, Katzweiler, Otterberg – irgendwo dort vermutet Lena Odenthal den Ort 1991. Erst ein Kollege kann helfen. 15 Kilometer hinter dem real existierenden Gundersheim soll es liegen, in der Westpfalz.

Laut der Internetseite tatort-fans.de wurde ein Großteil der Folge übrigens vor allem in Rathskirchen gedreht. Der 170-Seelen-Ort liegt am Hahnenbach im Nordpfälzer Bergland westlich des Donnerbergs zwischen Kaiserslautern und Bad Kreuznach.

2019 fährt die Kommissarin wieder nach Zarten. Vieles im Ort hat sich gewandelt: Windräder, wo einst nur Wiesen und Felder waren, gut geteerte Straßen, wo es früher holprig wurde beim Fahren. Viele Dorfbewohner wohnen nicht mehr auf alten, halb verfallenen Höfen, sondern leben in schicken Häusern im Neubaugebiet „An der Bullenweide“ – wo auch alle Bullen des Zartener Polizeireviers ihre Häusle gebaut haben.

Der Fall damals: Warum Lena Odenthal schon einmal in Zarten war

1991 war für Kommissarin Lena Odenthal eine stressige Zeit: beruflich eingespannt, Umzug, Probleme in der Beziehung. Ein Fall auf dem Land soll ihr die Möglichkeit zum Durchatmen geben. Gut, dass ausgerechnet in Zarten zwei Jahre nach dem Verschwinden des Spätaussiedlers Petro Höreth Kinder die Kleidung des Vermissten finden.

Und so soll Odenthal im „Tatort: Tod im Häcksler“ den Fall vor Ort aufklären. Von Ludwigshafen aus wird sie von ihrem Kollegen, Kriminalassistent Seidel (Michael Schreiner), unterstützt. Hilfe bekommt sie in Zarten auch von dem jungen, aufstrebenden Dorfpolizisten Stefan Tries (Ben Becker), dem sie nicht nur beruflich näher kommt ...

Der .SWR hat anlässlich des 30-jährigen „Dienstjubiläums“ von Ulrike Folkerts, die 21 Jahre lang gemeinsam mit Kommissar Mario Kopper (Andreas Hoppe) ermittelte, den alten Fall Anfang November ausgestrahlt. Die Folge ist in der SWR-Mediathek noch bis zum 2. Dezember verfügbar.

Warum das Vorspiel zum aktuellen „Tatort: Pfalz von oben“ für Empörung sorgte

Bei seiner Erstausstrahlung im Oktober 1991 hatte „Tod im Häcksler“ für große Aufregung in der Pfalz gesorgt. Die Menschen in der Westpfalz fühlten sich durch die Darstellung der dumpfen und brutalen Dorfgemeinschaft verunglimpft.

Politiker aller Parteien, Gewerkschafter, Polizisten, der Hausfrauenbund – sie alle waren entrüstet und beschwerten sich beim SWR-Intendanten. Der Protest erreichte schließlich den rheinland-pfälzischen Landtag, Ulrike Folkerts wurde zum Wandern mit Minister Rainer Brüderle in die Pfalz geschickt.

Der SWR zeigte am 2. November auch die Entstehungsgeschichte zum damaligen Tatort. Die 30-minütige Dokumentation „Die Geschichte des Häckslers – Ein Tatort und seine Folgen“ ist noch bis zum 1. Mai 2020 in der SWR-Mediathek zu sehen.

Stefan Tries – Was aus dem lauteren Polizisten von einst geworden ist

In „Tod im Häcksler“ begegnet Lena Odenthal Stefan Tries (damals wie heute gespielt von Ben Becker) zum ersten Mal. Von dem aufrichtigen, strebsamen 25-Jährigen – Polizeimeister, vorgeschlagen für den gehobenen Dienst – fühlt sich die junge Lena Odenthal angezogen. Er hilft ihr bei den Ermittlungen, bei der Zimmersuche – und verspricht: „Ich mach’ das Abitur nach. Ich komm zu euch nach Ludwigshafen. Ich werd’ mir da alles anschauen. Kannste dich drauf verlassen.“

28 Jahre später ist klar: Das Leben ist seiner geträumten Karriere bei der Mordkommission dazwischen gekommen. Tries ist in Zarten geblieben, leitet das örtliche Polizeirevier. Der gealterte Provinz-König ist korrupt geworden, hat seine ganz eigene Sicht darauf entwickelt, was in seinem Reich rechtens ist.

Jedenfalls stimmt seine Sicht der Dinge nicht mit Lena Odenthals moralischen Ansprüchen überein. Und doch übt er nach wie vor eine verführerische Anziehungskraft auf die Kommissarin aus, der sie nicht widerstehen kann.

Alte Gefühle kommen hoch. Vergessen haben die beiden einander nie. Doch die Polizisten haben ihre Leben gelebt. Was wäre gewesen, wenn? „Wir sind Lichtjahre voneinander entfernt, darauf kann man doch kein Leben aufbauen“, zieht Lena Fazit. Die Entfernung zwischen Zarten und Ludwigshafen ist eben größer als die rund 55 Kilometer auf der Karte.

  • Schon mal gesehen? Kleine Déjà-vus und Momente mit Wiedererkennungswert

    „Die Pfalz von oben“ ist der Fortsetzungsfilm von „Tod im Häcksler“. Einige Szenen im neuen Film erinnern stark an Momente aus der Vorgeschichte. Ein paar Beispiele:

    • Das gleiche zarte Lächeln wie vor 28 Jahren huscht Lena Odenthal über das Gesicht, als sie Richtung Zarten fährt – damals im Polizei-Oldtimer VW-Käfer, heute im schnittigen BMW.
    • „Soll ich Sie nach Hause fahren?“, fragte Odenthal den Polizeimeister Tries vor 28 Jahren. „Mm-m, ich lauf’ das Stück“, seine Antwort damals. Und heute? Den Wortwechsel kennt man doch: „Ich fahr dich nach Hause.“ – „Nee, brauchst du nicht, ich wohn’ nur die Straße runter.“ Beide Dialoge kommen übrigens nach knapp 20 Minuten Sendezeit.
    • Im neuen Film blickt Tries von der Stelle an der Landstraße, an der sein junger Kollege erschossen wurde, hinunter aufs Dorf im Tal. „Seit 30 Jahren hier und ich hab das Dorf noch nie von oben gesehen“, sagt er, als Odenthal zu ihm tritt. Das stimmt allerdings so nicht. Vor 28 Jahren stand er schon einmal gemeinsam mit seiner Kollegin auf einer Anhöhe und schaute auf Zarten. Damals sagte sie: „Schöne Landschaft.“ – Er:„Pfälzisch Sibirien. So nennen wir das hier. Wer nicht unbedingt bleiben will, haut ab.“ Er blieb.
    • Über der „Pizzeria Ragusa“ leuchtet noch immer das gleiche schäbige Leuchtschild wie vor 28 Jahren. Damals lud Tries Odenthal ins verrauchte Lokal zum „besten Hähnchen weit und breit“ ein. Heute hat Odenthals Team um Kollegin Johanna Stern die Ermittlungszentrale auf der Kegelbahn im Hinterzimmer des von Asiaten geführten Restaurants eingerichtet.
    • Eine der Schlüsselszenen im neuen Fall von Lena Odenthal: Damals wie heute kommen sich die Kommissarin und Stefan Tries näher. Sehr nahe. Zu nahe. Er legt die gleiche Schallplatte auf wie vor 28 Jahren. Berauscht von sich, vom Alkohol und mehr wiegen sie sich eng umschlungen zu den Klängen von Bob Dylans „Lay, Lady, Lay“. Es könnte im neuen Film keinen schöneren Zeitpunkt für Rückblenden geben.