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Rushdie spricht bei „Lanz“ über seinen alkoholkranken Vater

Salman Rushdie wollte bei Lanz sein neues Buch vorstellen. Doch dann sprach er über seinen Vater, vor dessen Gewalt er einst flüchtete.

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Berlin. Rushdies neues Buch heißt „Quichotte“. Es ist eine Abrechnung mit Donald Trumps Amerika. Und wie immer bei Rushdie, einem der bedeutendsten Schriftsteller unserer Zeit, geht es nicht nur um den Präsidenten, den er so unausstehlich findet, dass er seinen Namen gar nicht aussprechen will.

Nein, es geht um mehr. Es geht um alles eigentlich. Und so gehört zum Großen auch das Kleine, der Mikrokosmos, die Familie. Und in seiner Familie war der Vater die Figur, zu dem er eine außerordentlich „schwierige Beziehung“ hatte. Gelinde gesagt.

„Lanz“: Rushdies Schwester starb an Medikamentenmissbrauch

Der Vater, ein schwerer Alkoholiker, habe ihn durch dessen Gewalttätigkeit dazu gebracht, seine indische Heimat zu verlassen. „Sie sind vor Ihrem Vater geflüchtet?“, fragt Markus Lanz. Rushdie nickt mit diesem Gleichmut, in dem immer auch ein bisschen Distanz liegt. Er habe hinterher seinen Frieden mit ihm gemacht. Als der Vater an Krebs erkrankt war. „Da haben wir uns ausgesprochen.“

Es fällt ihm nicht so leicht, darüber zu sprechen. „Es war ein happiger Ritt“, sagt er nur. Und jeder weiß, was er meint. Auch als er über seine Schwester erzählt, die mit 49 Jahren an Medikamentenmissbrauch gestorben ist, sieht er für Momente noch tief traurig aus. Um dann mit seiner feinen komischen Art diese Betretenheit zu vertreiben.

1989 wurde auf Rushdie ein Kopfgeld in Pakistan ausgesetzt

Wie sie in Pakistan den Menschen die Schmerztabletten hinterherwerfen – „nehmen Sie doch gleich tausend, dann müssen Sie nicht so oft wiederkommen“ – da rettet ihn aus der Betroffenheit sein schwarzer Humor. Schnell wechselt er wieder in die Rolle des Schriftstellers, der distanziert auf die Geschichten schaut – auch auf die Geschichte seines Lebens.

Rushdie, der Erfinder der „Satanischen Verse“, wurde mit einer 30-jährigen Fatwa belegt: 1989 verhängte der Ayatollah Chomeini eine Art Todesurteil gegen den Autor. Es wurde ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, der japanische Übersetzer wurde ermordet, andere bedroht.

Rushdie amüsiert sich über Lanz’ Frage

Rushdies Leben veränderte sich dramatisch: Er erhielt Todesdrohungen, musste sich einen Decknamen zulegen, seinen Wohnsitz ständig wechseln und war jahrelang auf Polizeischutz angewiesen. Die Frage von Markus Lanz, ob er denn noch über die Fatwa nachdenke, scheint ihn zu amüsieren.

„Ich denke nur darüber nach, wenn mich Journalisten danach fragen“, sagt er. Es sei doch verjährt. Vor zehn Jahren sei es akut gewesen, „aber seit zwanzig Jahren ist das vorbei“.

Rushdies Gelassenheit hört beim Thema Trump auf

Es ist schon bemerkenswert, wie Rushdie seine Person relativiert. Die Welt verändere sich ja schon in fünf Minuten, da verändere sich auch das Subjekt, also auch er. Er sei damals ein junger Mann gewesen. Jetzt sei er ein anderer. „Wir leben in einer Zeit, in der sich alles schnell verändert.“ Und er mittendrin in dieser „Metamorphose der Wirklichkeit“.

Er hat dieses Lächeln eines Mannes, der auf seine Weise die Welt verstanden hat. Alles, und vor allem das Leben selbst. Das gibt ihm wohl seine Gelassenheit. Wobei diese beim Thema Trump aufhört, der „auf so natürliche Weise lügt“, dass sich im ganzen Land Wahrheit und Lüge nicht mehr klar bestimmen lassen. Und wenn das so ist, dass man quasi in einer verkehrten Welt lebt, dann sei das ein Zeichen dafür, dass die Verrücktheit eingezogen ist in ein Land.

„Unser Bild der Welt ist nicht mehr relevant“

So eine Verrücktheit sei zwar nicht das Ende der Welt. „Aber es ist das Ende einer gewissen Welt“, sagt er. Einer Welt mit gewissem Format, mit Strukturen und Werten. „In den Staaten zerfällt diese Welt dramatisch. Aber woanders passiert das auch. Unser Bild, wie wir die Welt sehen, ist nicht mehr relevant.“

Und so wie er lacht, ein bisschen schelmisch und mit blitzenden Augen, hat man den Eindruck, wir sitzen alle ganz schön in der Tinte. Aber Humor ist, genau: Wenn man trotzdem lacht.

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