Sonntags-Krimi

Der neue "Tatort" mit Tukur: Warte, bis es dunkel wird

Der „Tatort“ mit Ulrich Tukur testet mal wieder Grenzen aus. „Angriff auf Wache 08“ ist auch ein Angriff auf Erwartungshaltungen.

Es sieht nicht gut aus für Kommissar Murot (Ulrich Tukur). Ein einfacher Freundschaftsbesuch führt ihn geradewegs in eine Zwangslage.

Es sieht nicht gut aus für Kommissar Murot (Ulrich Tukur). Ein einfacher Freundschaftsbesuch führt ihn geradewegs in eine Zwangslage.

Foto: ARD / HR/Bettina Müller

Nach dem Quoten-Debakel von Ulrike Folkerts’ „Babbeldasch“-Folge vor anderthalb Jahren hat die ARD ihrem größten Schlachtross, dem Sonntags-„Tatort“, ja eigentlich eine Experimentiersperre verordnet. Die Krimis sollten wieder konventioneller, sollten wieder mehr Krimis werden. Aber nun kommt „Angriff auf Wache 08“, der jüngste „Tatort“ mit Ulrich Tukur. Und der darf durchaus auch als Angriff auf diese ARD-Entscheidung verstanden werden. Und als Angriff auf unsere Erwartungshaltungen.

Tukur ist ja da von jeher das Kuckucksei unter den „Tatort“-Kommissaren. Die Folge „Im Schmerz geboren“ etwa war 2014 eine der gewagtesten in der fast 50-jährigen Geschichte der Reihe, ein Western eigentlich, aber mit Shakespeare verquirlt. Und mit der höchsten je gemessenen Sterbequote im deutschen Fernsehen. Das hatte nichts mehr mit einem „Tatort“ zu tun. Aber die Kritiken überschlugen sich. Und die Folge strich einen Grimme-Preis ein.

Nun kommt besagter „Angriff auf Wache 08“. Wieder haben wir es mit einer Art Western zu tun. Eine Sonnenfinsternis steht bevor. Und die Welt scheint verrückt zu werden, zumindest im Kreis Wiesbaden. Eine Clan-Rache droht zu eskalieren. Doch Kommissar Felix Murot (alias Tukur) hat frei, will einen alten Freund besuchen und wirft das klingelnde Handy auf den Beifahrersitz.

Ziemlich viele Zufälle auf einmal

Der alte Freund ist Ex-BKA-Kollege Walter Brenner (Peter Kurth), der sich für ihn mal in eine Kugel geworfen hat und deshalb dienstuntauglich wurde. Stattdessen führt er jetzt die Polizeiwache 08, ein einsames Museum auf dem Land, ausgestattet wie in den 80er-Jahren, als es noch keine Computer gab.

Dorthin verschlägt es indes nicht nur Tukur. Sondern, das sind reichlich Zufälle auf einmal, ein Gefangenentransport, der eine Abkürzung über einen Feldweg nehmen wollte und dabei einen Platten bekommen hat. Und ein kleines Mädchen, dessen Vater gerade vor ihren Augen von einem Clan-Gangster erschossen wurde. Und die, trotz ihres jungen Alters, beherzt zurückgeschossen hat.

Die Neuankömmlinge verschanzen sich nun alle in der Wache, während draußen immer mehr Clan-Gangster eintreffen. Die scheinen alle nur auf die Sonnenfinsternis zu warten. Um im Dunkeln loszuschlagen. Und nirgendwo ein Handy oder ein Computer, mit dem man um Hilfe funken könnte.

Sehr krud, sehr wild, sehr viel durcheinander

Das ist ein gewagter Genremix. Ein bisschen Western, wo sich die Siedler vor den Indianern verschanzen. Augenzwinkernd werden auch allerlei Filme zitiert, von „Face/Off“ über „Con Air“ bis „16 Blocks“. Am Ende sieht das Ganze sogar wie „The Walking Dead“ aus.

Regie führte Thomas Stuber, der die Berlinale 2018 mit der Gabelstaplerdramödie „In den Gängen“ verzauberte. Das Drehbuch hat er zusammen mit Bestseller-Autor Clemens Meyer geschrieben. Und der spielt auch gleich noch selber eine Gastrolle als ewig quasselnder Radiomoderator, den man auf allen Kanälen hört.

Was dem Ganzen noch mal eine zusätzliche Ebene verleiht. Das ist alles sehr krud, sehr wild, sehr viel durcheinander. Und am Ende scheint nicht nur Tukur, sondern auch der Regisseur ein bisschen den Überblick zu verlieren. Aber Spaß macht es dennoch. Und Tukur beweist es mal wieder allen: Sein „Tatort“ lässt sich nicht reglementieren.

„Tatort: Angriff auf Wache 08“: ARD, 20. Oktober, 20.15 Uhr.