ARD-Krimi

Ist schon Weihnachten? „Tatort“ erleidet Filmzitate-Overkill

Der Stuttgarter „Tatort: Hüter der Schwelle“ scheitert an seiner klischeebeladenen Inszenierung – und an seiner exzessiven Zitatsucht.

Die Kommissare Sebastian Bootz (Felix Klare, l.) und Thorsten Lannert (Richy Müller) treffen am hoch gelegenen Tatort ein.

Die Kommissare Sebastian Bootz (Felix Klare, l.) und Thorsten Lannert (Richy Müller) treffen am hoch gelegenen Tatort ein.

Foto: Benoît Lindner / dpa

Berlin. Der Stuttgarter „Tatort“ war zuletzt eine Bank. Und der Titel der jüngsten Folge klingt vielversprechend: „Hüter der Schwelle“. Doch spätestens der Abspann zementiert auch beim zuversichtlichsten Zuschauer die Einsicht: Da kann wirklich nichts mehr kommen. Und zurück bleibt ein wenig Ratlosigkeit: Soll man sich nun amüsieren oder ärgern? Was ist schiefgelaufen?

1. Die Geschichte: Sie ist wenig originell. Die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) ermitteln zu einem vermeintlichen Ritualmord in der Satanistenszene. Sie hätten sich Tipps bei ihren Kollegen aus diversen anderen „Tatort“-Folgen oder Krimi-Reihen holen können, die sich mit Okkultisten abmühten, aber das ist im Drehbuch nicht vorgesehen.

Ein „Tatort“ voller Klischees

2. Die Inszenierung: Der Plot, nun ja. Aber das eigentliche Ärgernis ist dessen filmische Umsetzung. Positiv gesagt, haben es Drehbuchautor Michael Glasauer und Regisseur Piotr J. Lewandowski „zu gut“ gemeint. Sie plündern die Klischeekiste und fördern zutage: ein uraltes geheimnisvolles Buch im Ziegenledereinband, mehrere Gefahr verheißende Dolche, außerdem Kirchengewölbe, Fabrikkeller und Wälder, allesamt düster, bisweilen erhellt nur vom Schein zahlreicher Kerzen oder zweier Taschenlampen.

Hinzu kommen verstaubte Archive, ein zwielichtiger Pfarrer und natürlich ein wenig zauberhafter Magier sowie die Erzählung von Hexenverfolgung und Seelenwanderung.

Es wirkt so, als hätten sich die Verantwortlichen gefragt: Haben wir noch etwas vergessen? Ja, die Dämonenaustreibung! Aber nein, aber nein, die kommt am Schluss auch noch.

Diesem Anspruch folgend haben Lannert und Bootz sehr unschöne Arbeitszeiten, meistens agieren sie im Dämmerlicht oder in der Dunkelheit. Das ist zwar dem Grusel zuträglich, fällt aber irgendwann auf, da beide ja im Südwestdeutschen ermitteln und nicht am Polarkreis.

Bückling vor filmischen Vorbildern

3. Die Zitate: Es ist ein Debüt-„Tatort“, sowohl für Drehbuchautor Glasauer als auch für Regisseur Lewandowski. Offenbar sind beide Cineasten und wollten das auch dokumentieren: Dieser „Tatort“ litt an einem Filmzitate-Overkill.

Es gibt zahlreiche Anspielungen auf Horror- und Mysteryfilm-Vorbilder, aber auch andere neue und alte Klassiker werden bemüht. Da darf man fragen: Hat jemand, der ständig andere zitiert, möglicherweise selbst wenig zu erzählen?

Bootz in „Fight Club“

Am augenscheinlichsten ist die „Fight Club“-Sequenz, in der sich Bootz zu Schanden prügeln lässt und dabei die Erkenntnis gewinnt, dass ihm dies ein Gefühl von Freiheit geschenkt habe. Komisch, wirkte gar nicht so.

David Fincher hat das vor 20 Jahren mit den großartigen Brad Pitt und Edward Norton auf höchstem Niveau erzählt, „Hüter der Schwelle“ kommt über den vergleichsweise unbeholfenen und dramaturgisch unnötigen Versuch einer Würdigung nicht hinaus.

Bootz in „Drei Nüsse für Aschenbrödel“

Nach so viel Gewalt gibt es schließlich ein versöhnendes Filmzitat für alle Zartbesaiteten: „Drei Nüsse für Aschenbrödel“. Ja, wirklich. Unser aller Weihnachtsklassiker, der bei den Öffentlich-Rechtlichen zum Fest in Dauerschleife läuft, feiert sein „Tatort“-Debüt. Und bitte nicht fragen, was das soll: Lebkuchen gibt’s ja auch schon seit August.

Wieder ist Bootz der Mann fürs Zitat. Er versucht eine hübsche Hexe zu retten, mit der er sehr gern kopulieren würde, wie ihm beim Fight-Club-Fight bewusst wird.

Wo ist Nikolaus?

Besagte Hexe, die Studentin Diana Jäger (Saskia Rosendahl), hat aber gerade der Tradition entsprechend ein Rendezvous mit dem Höllenfeuer, weil die Mutter des vermeintlichen Satanistenopfers sie im Ofen ihrer Müllverbrennungsanlage beseitigen möchte.

Die ohnmächtige Diana verliert einen Schuh, den der Prinz, nein, der Kommissar findet. Um es abzukürzen: Bootz rettet die Hexe und steckt ihr den Schuh an den Fuß – passt! Das einzige, was nicht passt, ist dies: Nikolaus, das Pferd von Aschenbrödel, taucht nicht auf.

Es fehlt an Pferden

Stattdessen braust Bootzens Kollege Lannert mit ein paar mehr Pferdestärken in die Dauerdämmerung, natürlich mit seinem Porsche, der alten CO2-Schleuder, und auch an dieser Stelle hätte man Nikolaus gleichermaßen zu Ehren kommen lassen können.

Es wäre auch ein tolles Filmzitat gewesen, wenn Richy Müller auf Black Beauty, Hatatitla, Amadeus und Sabrina oder Kleiner Onkel nach Stuttgart zurückgeritten wäre. Aber da fehlte dann doch die letzte Konsequenz.