ARD-Talk

„Markus Lanz“: Eine Seenotretterin fordert offene Grenzen

Bei „Markus Lanz“ wurde das kontroverse Thema Seenotrettung diskutiert. Vorher ging es leider lange um ein Praktikum von Cem Özdemir.

Ob "Anne Will", "Hart aber Fair", “Maybrit Illner“ oder “Maischberger“: Polit-Talkshows prägen unsere politischen Debatten. Fünf Dinge, die man über dieseTalkshows wissen muss.

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Berlin.. Wollten Sie schon immer mal Cem Özdemir eine gute halbe Stunde lauschen? Erfahren, was er zu den Problemen dieser Welt denkt? Dann waren Sie am Dienstagabend bei Markus Lanz genau richtig: In seiner Talkshow hatte er Özdemir den roten Teppich ausgerollt. Und der Grüne lief ihn gerne entlang.

Man erfuhr: Allerlei bekannte Standpunkte – und manche Worthülse. Verkehrsminister? Der Verkehrspolitiker Cem Özdemir würd’s machen. Klimakrise? Muss man bekämpfen, gerne auch mit einer CO2-Steuer. Erneuerbare Energien? Stärker fördern! Iran-Krise: Wo ist die europäische Schiffsmission?! Und ja, auch der SUV durfte nicht fehlen: Der gehört bitte stärker besteuert. Und: „Fahrradfahren muss so sicher sein wie SUV fahren.“ Jawoll!

Markus Lanz: Seenotretterin berichtet über Einsätze im Mittelmeer

In gewisser Weise war dieser einschläfernde Einstieg ganz grundsätzlich symptomatisch für den Talk von Markus Lanz: Einerseits geht der Gastgeber mit seinen Gästen teilweise sehr tief ins Gespräch und schafft es so, interessante Momente zu erzeugen. Andererseits ist das Ganze oft auch unglaublich langweilig, wenn die Gäste ebendiese Momente einfach nicht zulassen wollen.

Und so misslang der Block mit Özdemir, denn der sagte viele vernünftige, aber eben auch null überraschende Dinge. Während bei ihm die größte Überraschung war, dass er fünf Tage bei der Bundeswehr ein Praktikum gemacht hat – man muss die Leute verstehen, die man in den Einsatz schickt! – hatte Pia Klemp schon Spannenderes zu berichten.

Als Seenotretterin hat die deutsche Kapitänin nach eigenen Angaben mehrere Tausend Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. In Italien wird ihr der Prozess gemacht, Klemp rechnet nach derzeitigem Stand mit Kosten von rund 500.000 Euro. Was treibt sie an?

„Diese Menschen müssen einfach gerettet werden“, beschrieb Klemp ihre Motivation. Neben diesem situativen Element gab Klemp auch ihre grundsätzliche Haltung preis: „Ich denke, die Grenzen sollten grundsätzlich offen sein“, sagte sie. Das müsse vor allem für Menschen gelten, die Schutz suchten.

„Keine Grenzen für niemanden“, das ist eine klare, kontroverse Forderung. Schade, dass der Gastgeber auf ihre Diskussion nicht mehr Zeit verwendete.

Berichten Medien zu negativ über Gewalttaten und Politik?

Bei denen, die die Bilder zuhause sehen, löst das anhaltende Drama im Mittelmeer vor allem Hilflosigkeit aus. Das berichtete zumindest die Neurologin Maren Urner. „Wir sehen: Die Menschen ertrinken – aber wir können nichts tun. Und die da oben machen eh, was sie wollen.“Anhand von der Berichterstattung über die Gewalttaten von Frankfurt und Stuttgart kritisierte Urner die Medien.

Diese würden unter vermeintlich objektiven Kriterien ständig nur über das Negative berichten. Dabei sei die Welt im Großen und Ganzen positiv. Das erzeuge bei den Konsumenten dieser Medien einen ungesunden Dauerstress – und gefährde letztlich sogar die Demokratie, weil viele ein völlig falsches Bild hätten.

Das Fazit: Ja, auf die Gäste kommt es bei „Markus Lanz“ an. Aber auch darauf, wie der Gastgeber deren Beiträge gewichtet. Das ist in dieser Ausgabe leider nicht so gut gelungen, auch wenn man Lanz zugute halten kann, dass er bei Özdemir durchaus hartnäckig nachfragte.

So führte er den früheren Chef der Grünen etwa bei der CO2-Steuer mit dem Hinweis aufs Glatteis, dass sich die wohlhabende grüne Klientel das ja im Vergleich zu vielen anderen Bundesbürgern locker leisten könne.

Das aus der Länge und Tiefe der Gespräche auch Spannung entstehen kann, belegten am Ende übrigens Urner und der Journalist Robin Alexander mit einer kontroversen Diskussion um die Frage, ob Journalismus wirklich objektiv ist. Nein, sagte Urner, das gehe gar nicht, denn niemand könne sagen, welche Nachrichten heute objektiv die wichtigsten waren. Doch, man könne sich annähern, erwiderte der Welt- Journalist. Spannend – und der Gastgeber ließ es minutenlang laufen. Das Prinzip Markus Lanz kann funktionieren.

Zur Ausgabe von „Markus Lanz“ in der ARD-Mediathek