Mauerfall-Jubiläum

„Deutschland-Bilanz“: ZDF zeigt beeindruckende Doku

30 Jahre nach dem Mauerfall ziehen ZDF und Spiegel TV eine gemischte Bilanz. Es geht voran, aber die Mauer in den Köpfen steht noch.

So viel Jubel war selten in Deutschland wie in den Tagen nach dem Mauerfall am 9. November 1989.

So viel Jubel war selten in Deutschland wie in den Tagen nach dem Mauerfall am 9. November 1989.

Foto: DB dpa / picture alliance / dpa

Essen. „Für die ostdeutsche Bevölkerung hat sich 1990 total alles verändert“, konstatiert der Schriftsteller Christoph Hein. „Für die Westdeutschen hat sich eigentlich nur die Postleitzahl geändert“, meint Ex-Bundesinnenminister Thomas de Maizière in lakonischer Überspitzung.

Seit 30 Jahren gibt es keine Grenze mehr in Deutschland – keine aus Beton und Stacheldraht. Doch wie steht es um die Mauer in den Köpfen? Wie sieht es mit den von Helmut Kohl verheißenen „blühenden Landschaften“ in der ehemaligen DDR aus? Ist, wie Willy Brandt es sah, „zusammengewachsen, was zusammen gehört“?

Die Antwort ist ein vorsichtiges Jein. Oder, wie Kabarettist Olaf Schubert (Plauen) in einem der typischen „Heute-Show“-Gespräche mit Moderator Oliver Welke (Bielefeld) einräumt: „Der Geruch ist noch unterschiedlich.“

„Deutschland-Bilanz“ ist stellenweise ernüchternd

Im Jubiläumsjahr „30 Jahre Mauerfall“ ziehen ZDF und Spiegel TV in einer zweiteiligen Dokumentation eine nüchterne und teilweise auch ernüchternde „Deutschland-Bilanz“, fragen nach der Lebenswirklichkeit und den Hoffnungen der Deutschen in Ost und West. Das jeweilige Ausgangsmaterial ist dabei weitgehend bekannt, wird in den insgesamt 90 Minuten aber sinnvoll strukturiert und zu einer verständlichen Gesamtschau gebündelt.

Statistiken und Umfragen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik gehören zum medialen Alltag. Mal – oft abhängig von Intention und Deutungshoheit – erscheint die Bundesrepublik in diesen Erhebungen und Statements dabei zutiefst gespalten, dann wieder erstrahlt der Horizont im Hoffnungslicht erfolgreicher Aufbauarbeit.

Auch Promis wie Günther Jauch und Andrea Kiewel kommen zu Wort

Die Macher der Dokumentation suchen nach den Menschen hinter diesen Statistiken, gehen in Betriebe und Privatwohnungen, befragen Urlauber auf Sylt oder Rügen, begleiten Passanten durch die Innenstädte. Auch Prominente aus Politik und Gesellschaft kommen zu Wort wie Robert Habeck, Manuela Schwesig und Alexander Gauland, Günther Jauch oder Andrea Kiewel.

Es geht um Themen wie das noch immer bestehende Lohn- und Rentengefälle oder den 2019 auslaufenden Solidarpakt und die (einschließlich Renten, EU-Subventionen und anderer Förderungen) zwei Billionen Euro, die bis heute in den Osten geflossen sind und zu in der Tat blühenden „Schwarmstädten“ wie Magdeburg und Dresden geführt haben, während gleichzeitig Kommunen im Westen wie Oberhausen finanziell auf dem sprichwörtlichen letzten Loch pfeifen.

Das Projekt Deutschland bleibt eine Mammutaufgabe

Doch auch viele Menschen in von Landflucht oder dem drohenden Aus der verbliebenen DDR-Industriezweige wie der Braunkohle betroffenen Regionen im Osten fühlen sich nicht nur infra- und bildungsstrukturell zunehmend abgehängt.

Die Wiedervereinigung, das zeigt die in ihrer Sachlichkeit und Unvoreingenommenheit beeindruckende Dokumentation, ist längst nicht abgeschlossen; Ungleichheiten sind geblieben oder haben sich verschoben. Das Projekt Deutschland bleibt eine politische und gesamtgesellschaftliche Mammutaufgabe. Es geht voran, aber es dauert. Für manche zu lange.

• ZDF, Dienstag, 6. August, 21 Uhr und Donnerstag, 8. August, 22.15 Uhr