Faktencheck

„Tatort“: Kind auf Drogen tötet Mutter: Ist das realistisch?

Der „Wiener Tatort“ schockt seine Zuschauer: Ein zehn Jahre altes Mädchen bringt seine Mutter unter Drogeneinfluss um. Ist das möglich?

Da lebt die schwer verletzte Tochter des Politikers Raoul Ladurner (Cornelius Obonya) noch. Im Krankenhaus stirbt das zehnjährige Mädchen wenig später.

Da lebt die schwer verletzte Tochter des Politikers Raoul Ladurner (Cornelius Obonya) noch. Im Krankenhaus stirbt das zehnjährige Mädchen wenig später.

Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican

Berlin. Kommissar Moritz Eisner will es gar nicht recht glauben: Das tote Kind vor auf dem Tisch des Gerichtsmediziners soll drogenabhängig sein? Ein zehnjähriges Mädchen? LSD, Morphium, Spuren von Opiaten. „Ein Scherz?“, fragt Eisner alias Harald Krassnitzer. „Nein, kein Scherz. Sie hat das Blutbild eines Junkies.“ „Wer macht sowas? Wahnsinn!“. Der Verdacht von Gerichtsmediziner Kreindl soll sich später bestätigen: Jasmin wurde vorsätzlich süchtig gemacht.

Das Ermittlerteam – bestehend aus Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser – hat im Wiener Tatort „Glück allein“ ein Familiendrama aufzuklären. Die Frau des Spitzenpolitikers Raoul Ladurner wird in ihrem Haus blutüberströmt und tot aufgefunden, seine zehnjährige Tochter Jasmin verletzt ins Krankenhaus gebracht. Dort stirbt auch sie – an den Folgen eines Bauchstichs.

Die Tochter hat die Mutter ermordet

War es ein Raubüberfall mit Todesfolge? Oder hat der Spitzenpolitiker seine Frau ermordet? Weder noch, wie sich später herausstellt. Die Tochter ist für den Mord verantwortlich. Mit dem Küchenmesser sticht sie erst ihrer Mutter in die Brust, dann verletzt sie sich selbst – und zwar unter Drogeneinfluss.

Vater Raoul Ladurner, der auch schon seine erste Tochter zum Junkie machte, hat ihr die Drogen verabreicht. Mit welchem Motiv er sie jahrelang abhängig gemacht, bleibt der Tatort seinen Zuschauern schuldig. Anzeichen von Gewalt oder einem Missbrauch des Mädchens gibt es laut Gerichtsmediziner jedenfalls nicht.

Realistisch oder zu viel Fantasie?

Stellt sich nun die Frage: Wie realistisch ist das Szenario? Ist es möglich, dass ein Kind unter Drogeneinfluss seine Mutter tötet? Oder ist da die Fantasie mit den Autoren durchgegangen?

Zunächst zu den Drogen selbst: Im Film werden LSD, Morphium und Opiate genannt. Welche Reaktionen lösen sie aus? Bei LSD geht es um die Bewusstseinserweiterung und um persönlichkeitsentgrenzende Erfahrungen, wie Professor Rainer Thomasius erklärt. Er ist Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kinder – und Jugendalters am Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf.

Wer seinem Körper LSD zuführe, habe unter anderem das Gefühl mit anderen Menschen zu verschmelzen. „Nimmt ein Kind LSD dürfte es Angst bekommen, da sich seine Identität aufzulösen scheint. Es würde sich zurückziehen wollen, passiv werden“, sagt Thomasius. Aggressivität? Mordimpulse? „Ausgesprochen unwahrscheinlich“, sagt der Experte.

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Professor Derik Hermann, Leitender Oberarzt der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, sieht das ähnlich. LSD führe zu einer Wahrnehmungsveränderung und Halluzinationen, schenke das Gefühl von „Liebe für alles“, könne dem Konsumenten weiß machen zu fliegen oder aber bei einem Horrortrip starke Angst auslösen. Auch er hält unter diesem Einfluss einen Mord für eher ausgeschlossen. Gewalt und LSD – das passe nicht zusammen.

Einzige Erklärung: „Das Kind könnte in dem Zustand der Angst, die Mutter als ein Monster wahrnehmen und aus der Notwehr heraus handeln.“ Um einen geliebten Menschen zu töten, gebe es aber eine große Hemmschwelle. Diese sei auch unter Drogen nicht ausgeschaltet.

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Anders als LSD machten Morphium und andere Opiate wie Heroin schnell abhängig. Morphium werde vor allem in der Schmerzmedizin eingesetzt. Opiate machten laut den Experten depressiv, kontaktarm, müde und kraftlos. Nur im Opiaten-Entzug würden Aggressionen auftreten.

„Gerade Kinder dürften sich mit Opiaten im Körper nur schwer abkapseln können. Das würde die Verbundenheit zu den Eltern intensivieren“, sagt Rainer Thomasius. Noch ein Grund gegen einen Mord.

Die Experten sind sich einig: Um das aggressive Potenzial zu steigern, kämen eher Alkohol, Amphetamine oder Kokain infrage. Sie machten wacher und impulsiver. Das Ende von „Glück allein“ mag nach einigen Wendungen für eine kleine Überraschung gesorgt haben. Dass aber ein zehnjähriges Mädchen unter Drogen seine Mutter tötet, scheint absurd und stark konstruiert zu sein.