„Hart aber fair“

Warum Kühnert dem ARD-Talk mit AfD-Mann Reil gut getan hätte

AfD-Mann Reil spulte bei „hart aber fair“ sein bekanntes Programm ab. Das lag auch daran, dass sein Angstgegner in Talks dabei fehlte.

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Berlin.  Guido Reil teilt gerne aus. Vor allem gegen Brüssel, gegen Europa. Dort würden keine Probleme gelöst – nur neue geschaffen. So sieht Reil das. Und trotzdem will der AfD-Politiker schon bald auf EU-Ebene Politik machen. Seine Partei hat ihn auf Platz zwei der Liste zur Europawahl gesetzt. In Brüssel will Guido Reil „Dinge aufdecken, für Transparenz sorgen“. Am Montagabend saß Ex-SPD-Mitglied Guido Reil aber erstmal bei „Hart aber fair“.

„In Europa, in Deutschland: Wie viel Populismus verträgt die Politik?“, wollte Moderator Frank Plasberg von seiner Runde wissen. Reil war dafür der passende Gast. Denn: Er will das Parlament, für das er kandidiert, am liebsten abschaffen. „Wir wollen dem Volk aufs Maul schauen“, sagte Reil.

Erst kürzlich hatte der AfD-Politiker bei Markus Lanz einen denkwürdigen Auftritt hingelegt. Reil wusste auf viele Fragen keine Antwort. Der Vorsitzenden der SPD-Jugendorganisation Jusos, Kevin Kühnert, ließ Reil in der Diskussion nicht gut aussehen. So sah Reil aus wie der stets renitente AfD-Politiker.

Selbst Parteifreunden war der Auftritt unangenehm. Hinterher suchte Reil die Schuld beim ZDF. Der AfD-Mann schimpfte gegen das ZDF: „Wollen uns fertig machen“.

Frank Plasberg lässt Guido Reil sein Programm abspulen

Glück für Reil: Zumindest am Montagabend hakte Moderator Plasberg nicht genauer nach. Reil durfte sein bekanntes Programm abspulen. Die AfD werde ausgegrenzt, ihre Wähler und Mitglieder gemobbt, die EU sei undemokratisch und mit der Zuwanderung müsse endlich Schluss sein. Auf Widerspruch reagierte Reil gereizt.

Der AfD-Politiker hatte seinen Platz schnell gefunden: in der Schmollecke. Es war die WDR-Journalistin Isabel Schayani, die Reil immer wieder mit Nachfragen löcherte. Wen er denn meine, wenn er immer von „den Menschen“ spricht. Oder was der Bergmann Reil unter Tage erlebt habe, dass er jetzt so gegen Ausländer, die auch seine Arbeitskollegen seien, wettere.

„Bei mir an der Arbeit hat niemand ein Problem mit der AfD“, sagte Reil nur. „Die Türken wollen das alte Deutschland zurück“. Wieder so eine typische Reil-Aussage: Es ist nicht klar, wen er meint – und woher er sein Wissen nimmt. Reil warf einfach alles zusammen WDR-Moderatorin Schayani fragte weiter: Warum Reil das Freitagsgebet der Muslime verbieten wolle, wenn er die Türken doch so schätzt.

Und der Politiker antwortete, dass der Iran nach der Revolution ins Mittelalter zurückgefallen sei. Und jetzt kämen viele Menschen nach Deutschland, die ein Problem mit Juden, Homosexuellen und Frauen hätten. Der konservative Islam im Iran, Minderheitenrechte, Zuwanderung: Reil warf einfach alles zusammen.

WDR-Moderatorin Schayani wirft Guido Reil Rassismus vor

„Wenn Sie alle Menschen so pauschal verurteilen, ist das Rassismus“, sagte Isabel Schayani. Doch Reil erhielt auch Unterstützung. Als er etwa davon berichtete, dass Obdachlose, die er im Winter mit dem Kältebus versorgte, vor ihm gewarnt wurden, sprang ihm Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) zur Seite: „Das ist nicht fair“.

Man muss allerdings sagen: Es ist kein Zufall, dass auch Palmer in der Runde saß. Regelmäßig provoziert er seine Parteifreunde in Berlin. Zuletzt etwa, als er die Bahn via Twitter für eine Werbekampagne kritisierte, die Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben zeigte. „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“, fragte Palmer rhetorisch.

Was er nicht wusste: Es handelte sich auf den Bildern um Prominente wie TV-Koch Nelson Müller oder die türkischstämmige Moderatorin Nazan Eckes. Palmer ätzte gegen die Bahn-Kampagne – und gab dann einen Fehler zu.

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Kevin Kühnert hätte der Runde mit Reil und Boris Palmer gut getan

„Es fällt mir kein Zacken aus der Krone, mich zu entschuldigen“, sagte der Grüne bei Hart aber fair. Doch Palmer wäre nicht Palmer, wenn er den Auftritt nicht auch genutzt hätte, um nachzulegen. Er entschuldige sich zwar. Aber man müsse trotzdem die Frage stellen, warum die Bahn sechs Personen mit Migrationshintergrund zeige, wenn 75 Prozent der Deutschen keinen hätten.

„Das sind natürliche Fragen, die Menschen haben“, sagte Palmer. Auch „Bild“-Journalist Ralf Schuler, der ein Buch über Populismus geschrieben hat, fühlt sich unwohl mit der Werbekampagne. „Da will jemand Gesellschaftspolitik durch die Hintertür der Bahnwerbung verkaufen“, sagte er.

Juso-Chef Kühnert hätte der Runde gut getan. Schade, dass Kevin Kühnert nicht – anders als zunächst angekündigt – zu Frank Plasberg kommen konnte. Der Juso-Chef hatte in der „Zeit“ laut über den Sozialismus nachgedacht – und damit eine Debatte über Verstaatlichung losgetreten. Aus der CDU war danach zu hören: „Kühnert rüttelt an Grundfesten sozialer Marktwirtschaft“.

„Ja, das war Links-Populismus“, ordnete der österreichische Politikwissenschaftler Peter Filzmaier die Ideen des SPD-Nachwuchspolitikers ein. Es wäre spannend gewesen zu hören, wie Kühnert selbst den Wirbel um seine Person bewertet. Und wie er sich ein Wirtschaftsmodell, das nicht mehr auf Privateigentum basiert, vorstellt. So bleibt vor allem der Auftritt von Guido Reil im Gedächtnis. Dem Mann, der sich in ein Parlament wählen lassen will, das er für undemokratisch hält – und der in den 75 Minuten nicht sagen konnte, was er dort will.

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