Faktencheck

„Tatort“: So erklärt ein Experte Sexpraktik mit Plastiktüte

Ein „Tatort“ mit Fetisch-Potenzial – steigert eine Tüte über dem Kopf die Lust? Ein Sexualmediziner erklärt das gefährliche Spiel.

Sex-Spielart? In diesem fall stellen die Kommissare Faber und Böhnisch nur nach, was passiert sein könnte. Bei der Praktik geht es um Lustgewinn durch Sauerstoffmangel.

Sex-Spielart? In diesem fall stellen die Kommissare Faber und Böhnisch nur nach, was passiert sein könnte. Bei der Praktik geht es um Lustgewinn durch Sauerstoffmangel.

Foto: WDR/Thomas Kost

Berlin. Eine Ärztin wird leblos auf einer Krankenliege im Ruheraum einer Klinik gefunden, halbnackt, mit einer Plastiktüte über dem Kopf. „War es ein Sexunfall?“, fragt sich Kommissarin Nora Dalay im Dortmunder Tatort „Inferno“. Vorsätzlicher Sauerstoffentzug sei „als Fetisch nicht so ungewöhnlich“, erklärt sie. Die Beteiligten wollten womöglich mal „was Neues“ ausprobieren, wirft auch ihr Kollege Peter Faber ein. Immer nur die „gute alte Missionarsstellung“ sei doch „öde“.

Doch wie üblich ist diese Sexualpraktik wirklich, wie gefährlich ist sie? Drei Fragen an Dr. Axel-Jürg Potempa, Sexualmediziner aus München.

Herr Potempa, wie häufig ist Sauerstoffentzug als sexuelle Vorliebe wie im „Tatort“ aus Dortmund?

Axel-Jürg Potempa: Aus Fachkreisen weiß ich, dass sie recht verbreitet ist. Genaue Zahlen gibt es dazu jedoch nicht, sowas ist schwer zu messen. Es gibt jedoch Schätzungen der Gerichtsmedizin, nach der im Jahr in Deutschland rund hundert Menschen daran sterben.

Sie werden dann stranguliert gefunden, etwa mit einem Band um den Hals oder auch einer Tüte auf dem Kopf. Häufig ist die Scham bei den Angehörigen darüber dann derart groß, dass sie lieber von einem Suizid ausgehen und oft auch in diese Richtung argumentieren. Aufklärung liefert dann die Obduktion. Zeigt sich etwa, dass die Luft seitlich an der Halsschlagader abgeschnürt wurde und es zusätzlich noch Spermaspuren gibt, dann weist vieles darauf hin, dass diese Sexualpraktik die Todesursache ist.

Was passiert dabei genau?

Potempa: Die autoerotische Asphyxie, wie sie in Fachkreisen heißt, wird allein oder als Paar praktiziert. Dabei gibt es verschiedene Formen, bei denen die Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff dazu eingesetzt wird, die sexuelle Lust zu steigern. Das kann mit einer einfachen Schlinge gemacht werden, aber auch mit Masken oder gar ganzen Anzügen, über die die Sauerstoffzufuhr verringert werden kann. Die Person gelangt dann in eine Art Rauschzustand und soll etwa einen Orgasmus als intensiver empfinden.

Ist die Methode tatsächlich so gefährlich?

Potempa: Ja, extrem gefährlich. Das heißt nicht, dass jedes Mal etwas schief geht. Sonst hätte diese Praxis nicht so lange überlebt. Schon die alten Kelten kannten sie. Und auch in China und Japan wird sie seit Jahrhunderten praktiziert. Sie wird jedoch häufig unterschätzt: Paare glauben etwa, sie machen sich ein Codezeichen aus, mit dem sie sich signalisieren, das Ganze abzubrechen. Und auch Einzelpersonen legen sich etwa bei der Variante mit der Tüte eine Schere daneben.

Die Beteiligten werden aber oft erstaunlich schnell bewusstlos oder bekommen Panik. Die Fesseln schnüren sich dann oft noch fester zusammen. Das Gefährliche daran sind vor allem die Hirnschäden: Schon nach zwei bis drei Minuten Sauerstoffentzug entstehen im Gehirn irreversible Schäden, die sich auch mit Sauerstoff im Anschluss nicht wieder reparieren lassen. Ich empfehle daher, Alternativen zu finden. Und davon gibt es viele.

(Verena Müller)

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