ZDF-Krimi

„Kommissarin Lucas“: Neuer Fall besticht auf ganzer Linie

„Kommissarin Lucas“ untersucht den Tod eines Mädchens aus dem Kinderheim – ein beklemmender Krimi über Verfehlungen beim Kinderschutz.

Szene aus „Kommissarin Lucas“: Polly (Marie Bloching, l.) und Moni (Luise von Finckh) genießen einen kurzen Moment des Glücks.

Szene aus „Kommissarin Lucas“: Polly (Marie Bloching, l.) und Moni (Luise von Finckh) genießen einen kurzen Moment des Glücks.

Foto: Barbara Bauriedl / ZDF und Barbara Bauriedl

Berlin. Eine Wunschvorstellung ist böse Realität geworden. „Wenn wir tot sind, werden wir zu Vögeln“, hat sich Moni (Luise von Finckh) einmal in eine schönere Welt geträumt. Jetzt wird ihre Leiche hoch oben im Geäst eines Baumes entdeckt. Jemand hat dem offenbar ermordeten Mädchen in einer aufwendigen Bestattungszeremonie ein letztes Ruhe-Nest bereitet.

Ein Wäscheetikett liefert den ersten Ansatz, führt Kommissarin Ellen Lucas (Ulrike Kriener) und ihre Kollegen von der Kripo Regensburg auf den idyllischen Aschenbachhof, in ein Heim für schwer erziehbare Mädchen. Von hier war die Jugendliche, die als unberechenbar galt, vor Monaten spurlos verschwunden. Ihrer Zimmergefährtin Polly (Marie Bloching) geht die Nachricht vom Tod der Freundin ungewöhnlich nah. In letzter Sekunde kann Lucas einen Suizid des verzweifelten Mädchens verhindern.

Keine der Lucas-Geschichten folgt der Krimi-Routine

27-mal kamen ZDF Serienheldin Lucas und ihr Team bisher zum Einsatz, und keine der Geschichten folgte der gängigen Krimi-Routine. Die entsprechend hohen Erwartungen werden auch diesmal erfüllt.

Die Folge mit dem Titel „Polly“ (Regie: Nils Willbrandt) bildet einen neuen Höhepunkt der Reihe, weil bereits das Buch (Markus Ziegler, Stefan Dähnert) sich einer klassischen Tragödie annähert, in der das Schicksal der Protagonisten vorherbestimmt ist. Die Tat tritt zurück, entscheidend sind die beklemmenden Umstände, unter denen diese geschehen konnte. Je weiter Lucas in eine Welt der zerbrochenen Seelen eindringt, desto mehr verliert sie ihre Distanz.

Auch die Überlastung der Jugendämter wird thematisiert

Die Jugendlichen haben sich oft heimlich ins nahe gelegene Dorf abgesetzt, sich beim Sexchat-Kanal des zwielichtigen Matthieu Egginger (Frederic Linkemann) ein paar Euros verdient. Es geht um gestresste oder desinteressierte Eltern, um persönliches Engagement und um überlastete Jugendämter, die angesichts der Flut an Kinderschutzmeldungen lieber eine Heimeinweisung verfügen, als sich dem Verdacht auszusetzen, etwas übersehen zu haben.

Heime in privater Trägerschaft werden ebenso zum Thema wie die Unterbringung im kostengünstigen Ausland und die Qualifikation der Betreuer. Moni ist während eines solchen „Intensivpädagogischen Projekts“ in Tschechien offenbar misshandelt worden.

Für jeden empathischen Zuschauer erschütternd

Diese Aspekte und Themenbereiche sind dabei keine beliebigen Versatzstücke: Meisterhaft führen Buch und Regie in ihrem ruhigen Erzählfluss die zahlreichen Stränge zusammen, ohne der fiktiven Geschichte gewaltsam eine grundsätzliche Systemkritik aufzupfropfen.

Das ist nicht nur ungeheuer spannend, sondern für jeden empathischen Zuschauer geradezu erschütternd. Umso mehr, weil der Film von zwei wunderbaren Schauspielerinnen getragen wird. Das Zusammenspiel von Ulrike Kriener und Marie Bloching als verstockte, traumatisierte Polly ist von einer Intensität, wie sie selten auf dem Bildschirm zu erleben ist.

Fazit: Ein Höhepunkt in der Reihe der ZDF-Samstagskrimis mit zwei fantastischen Darstellerinnen. (Wolfgang Platzeck)

ZDF, Samstag, 6. April, 20.15 Uhr