Fernsehen

„Charité“: Auch die zweite Staffel weiß wieder zu berühren

Die ARD zeigt die zweite Staffel der Erfolgsserie „Charité“. Im Mittelpunkt steht diesmal der umstrittene Chirurg Ferdinand Sauerbruch.

Foto: ARD/Julie Vrabelova

Berlin.  Die erste Staffel „Charité“ galt 2017 als Sensationserfolg: Mehr als acht Millionen Zuschauer schauten dienstags dem Mediziner Robert Koch zu, der 1888 an der Berliner Charité versuchte, die Tuberkulose zu bekämpfen. Nun hat die ARD die zweite Staffel nachgelegt, deren sechs Folgen während des Zweiten Weltkriegs spielen.

Im Mittelpunkt steht der so berühmte wie umstrittene Professor Ferdinand Sauerbruch. Ein Halbgott in Weiß, zu dessen Patienten nicht nur Soldaten und Showstars zählen, sondern auch Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels.

Wer war diese Chirurgenlegende wirklich? Die ARD zeigt den Mann, dessen Nähe zur NS-Zeit immer wieder Thema für Historiker ist, als Berserker, Wüterich, Choleriker – und auch bei aller Strenge als gutmütiges Arbeitstier, der die Nazis innerlich hasste. Gespielt wird Sauerbruch (1875 in Wuppertal-Barmen geboren, 1951 in Berlin gestorben) vom brillanten Ulrich Noethen.

War er ein Nazi-Arzt?

Noethen macht das verblüffend gut: Viel mehr, als Dialoge im Drehbuch es können, schafft er es, den Zwiespalt dieser Figur herauszustellen. „Tatara – ich hab Lametta bekommen und Blondie liebt mich“, ruft er, nachdem er zum Generalarzt berufen wurde. Er macht sich lustig über Hitlers Schäferhund Blondie. Auch über Hitler selbst. Aber er lässt sich auch von den Nazis feiern.

Eine neue Biografie des Historikers Christian Hardinghaus kommt zu dem Ergebnis, Sauerbruch sei kein Nazi-Arzt gewesen, sondern zerrissen vom „Widerspruch zwischen medizinischem Ethos und ideologischen Zumutungen“.

So sieht es auch Thomas Schnalke, Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité: „Er war nie in der Partei. Er war nie Antisemit“, sagte Schnalke unserer Redaktion. „Und er hat sich gegen das Euthanasieprogramm gewendet.“ Dennoch: „Er hat es zum Generalarzt der Wehrmacht gebracht.“ Und damit habe er im Dienst des NS-Regimes gestanden.

Ein Meister des Herrenwitzes

Im Film aber ist er der Held: Sauerbruch wirbelt wie ein Derwisch durch den Hörsaal, der zugleich Operationssaal ist. Hier, vor den Studenten, lässt er die Chirurgenhände fliegen – und die OP von der „Wochenschau“ aufzeichnen. Stumpf-Operationen, darin ist er eine Koryphäe, die mit Applaus überschüttert wird. Sauerbruch, der alle duzt, lässt sich hofieren, nur nicht berühren.

„Ich bin steril – nicht, wie du denkst“ – der Meister des Herrenwitzes kann in einem Moment fidel mit dem Skalpell in die Runde winken, um dann im blutverschmierten Kittel einen armen Assistenzarzt aus dem Hörsaal zu jagen: „Raus! Du lernst es nicht mehr. Raus! Raus!“

Noch eben der Teufel selbst, dann wieder der ewige Entertainer. Gute Laune wird hier vom Chef verordnet, und alle machen mit. Beliebt sind Anti-Hitler-Zoten: „Wie soll das Kind denn heißen“, wird ein werdender Vater auf einer Ärzteparty gefragt: „Adolf – vor allem, wenn es ein Mädchen wird.“

Der Krieg ist weit weg

Dass diese Stimmung einen Bruch erhält, liegt an einem jungen Mann, der von der Front kommt. Er sagt: „So viel Cognac kann Goebbels gar nicht trinken, um das zu vergessen, was ich gesehen habe.“ Wie ein Fremdkörper wirkt dieser Mann. Der Krieg ist weit weg, obwohl die Krankensäle voll sind mit Opfern.

Der junge Mann ist der Bruder der angehenden Ärztin Anni Waldhausen (Mala Emde, die schon in der Rolle der „Anne Frank“ bestand) . Sie ist schwanger, freut sich auf ihr Kind. Noch sympathisiert sie naiv mit den Nazis.

Ihr Mann, der Charité-Kinderarzt Artur Waldhausen (Artjom Gilz), muss Kinder mit Behinderung behandeln. „Reichsausschusskinder“ werden die Jungen und Mädchen genannt. Waldhausen lässt das nicht wirklich zusammenzucken – doch dann kommt es bei dem eigenen Kind zu Komplikationen.

Die dünne Decke der Zivilisation

Anno Saul hat in dieser zweiten Staffel Regie geführt. Er wollte zeigen, „dass die Decke der Zivilisation eine dünne“ ist. Es ist ihm gelungen. Doch trotz der Dramaturgie der Schrecken setzt der Film auch auf den Unterhaltungs-Faktor.

Sauerbruch bedient die Rolle des Alphatiers perfekt. Bei den Amputationen lässt er sich wie im Zirkus feiern. Sein Kommentar: Bein ab, Prothese dran, Abmarsch. Und ein Witz obendrauf: „Ein Holzbein kriegt keinen Fußpilz.“

Fazit: Ein düsterstes Kapitel deutscher Geschichte als Unterhaltungsfilm – da wirkt manches zwangsläufig geglättet und vereinfacht. Dennoch: Der Film berührt und lässt den Zuschauer nicht kalt. Kompliment an Ulrich Noethen, der die Widersprüchlichkeit der umstrittenen Figur Sauerbruch eindringlich zeigt.

ARD, Dienstag, 19. Februar, 20.15 Uhr