Künstlerin

Renan Demirkan: Hatte immer das Gefühl, nicht zu genügen

In „Dr. Klein“ spielt sie die Chefärztin. Schauspielerin Renan Demirkan über ihre Eltern, ihre Initiative und den Kampf gegen Hass.

Autorin Renan Demirkan im Theater am Rudolfplatz in Köln.

Autorin Renan Demirkan im Theater am Rudolfplatz in Köln.

Foto: Michael Gottschalk / FunkeFotoServices

Essen.  Renan Demirkan kommt telefonierend ins Café, entschuldigt sich so wort- wie gestenreich und ist dann sofort und ganz da: So muss das wohl sein, wenn man so viele Leben lebt – als Schriftstellerin und Schauspielerin, als Demokratie-Aktivistin und Helferin für Frauen in Not.

Mit 63 Jahren strahlt Demirkan so viel Energie aus wie manch Jüngere nicht, kann zurückblicken auf einen künstlerischen Reigen, auf Roman- und Fernseherfolge, eigene Bühnenprogramme – und ist Teil des populären ZDF-Serien-Erfolgs „Dr. Klein“, der gerade in die fünfte Staffel geht. Wie stolz muss sie sein! „Nee“, sagt Renan Demirkan. „Ich hatte immer nur das Gefühl, es reicht nicht, was ich tue.“

Beginnen wir also von vorn. ­Renan Demirkan wird in der Türkei geboren, die Eltern sind Tscherkessen. Die kleine Renan wächst vornehmlich bei den Großeltern im Dorf auf. „Da war ich oft monatelang. Einmal habe ich meine Mutter gar nicht wiedererkannt.“ Ein „schwieriges, anspruchsvolles Kind“ sei sie gewesen, sagt sie.

Der gebildete Vater und die schöne Mutter

Sagt diesen tragischen Satz, der aber doch vor allem das Buhlen um Aufmerksamkeit und um Anerkennung bezeugt. Als Renan sieben ist, zieht die Familie nach Deutschland. Der Vater arbeitet als Ingenieur mit am Bau der U-Bahn in Hannover. Er reist an mit dem Deutsch von Kant, Hegel, Schopenhauer, die er im kemalistischen Internat gelesen hat.

Die Mutter, „Analphabetin und Anarchistin“, wird sich gegen den Willen des Vaters Arbeit suchen – als Obstpflückerin, als Näherin. Eine „wahnsinnig schöne Frau“ sei ihre Mutter gewesen. So schön, wie ihr Vater gebildet war. „Ich kam an beiden nicht vorbei.“ Mit 18 Jahren zieht Renan daheim aus, lebt in WGs, beginnt die Schauspielausbildung. „Das war damals auch unter meinen deutschen Mitschülerinnen nicht üblich.“

Als Schimanskis Geliebte („Zahn um Zahn“, 1985) wird ihr Gesicht im Fernsehen bekannt. Mit dem Romandebüt „Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker“ (1991) erzählt sie von ihrer Herkunft sowie von der Geburt ihrer Tochter. Und doch dauert es Jahrzehnte, bis ihre Eltern ihre Leistungen endlich anerkennen.

Depression und Krebsdiagnose

„Erst kurz vor seinem Tod sagte mein Vater zu mir: Du hast die Stimme unserer Familie in die Welt getragen.“ Renan Demirkan stockt bei dem Satz, schaut kurz zur Seite, sichtlich bewegt. „Dass man alt und grau werden muss, bis man so etwas hört“, sagt sie.

Es ist eine Binsenwahrheit – und doch: Erst die Jahrzehnte der Selbstbehauptung haben aus Renan Demirkan Renan Demirkan gemacht. Auf eine Depression folgte vor wenigen Jahren der Schlag einer Krebsdiagnose.

Aber kaum hatte sie sich in ihrem kleinen Häuschen im Windecker Wald erholt, da keimte auch schon die Idee, dieses Häuschen auch anderen krebskranken Frauen als Rückzugsort zur Verfügung zu stellen. „Zeit der Maulbeeren“ – so heißt ihre Initiative, die unter der Schirmherrschaft der Krebsgesellschaft NRW steht und vom Land unterstützt wird.

Der Serien-Job ermöglicht ihr finanziellen Spielraum

Ihr zweites großes Projekt – der ­Verein Checkpoint: Demokratie – fußt ebenfalls auf persönlichen Erfahrungen. „Ich bin zwischen Kant und Koran aufgewachsen.“ Der gemeinsame Imperativ der Eltern lautete: „Sei anständig!“

Obwohl Anständigsein „kleinbürgerlich“ ist, „uns zurückwirft auf die Moral der Großeltern“ – es ist in De­mirkans Augen doch das letzte Mittel im Kampf gegen „diese permanenten, bis ins Mark gehenden Beleidigungen, ob es nun gegen Mi­granten geht, gegen Frauen, Politiker, Behinderte …

Ich wüsste kein anderes Wort als Anständigkeit, das man diesem permanenten Tabubruch entgegensetzen könnte.“ An Schulen, auf Podien, vor Politikern wirbt Demirkan für eine ­offene, lebendige Demokratie, die nicht nur Staatsform ist, sondern „Geisteshaltung“.

Gegenmodell zu einer Welt voller Abgrenzung und Hass

Damit die Welt – ein bisschen vielleicht – so wird wie jene Utopie, die „Dr. Klein“ lebt. Auf den ersten Blick passt eine Vorabendserie kaum zur Biografie Demirkans. Das gibt sie gerne zu. Aber die Serie ermöglicht ihr nicht nur den ­finanziellen Spielraum, um das Haus für krebskranke Frauen und den ­Verein für Demokratie betreuen zu können.

„Das Gefühl, mit der Serie an einem Gegenmodell zu einer Welt voller Abgrenzung und Hass zu arbeiten, ist im Laufe der Jahre immer stärker geworden. Es gibt eine kleinwüchsige Ober­ärztin, einen schwulen Chefarzt, es sind alle Minderheiten der Welt ver­sammelt.“

Für sie sei die Serie ein Gegenentwurf „zur wirklichen Wirklichkeit“ – ­ein Gegenentwurf, der verbinde. Statt zu trennen.