ARD-Krimi

Im Luzerner „Tatort“ verwischt Wahrnehmung von Gut und Böse

Im Luzerner „Tatort“ wird ein verzweifelter Arbeitsloser zum Geiselnehmer. Ein eindringliches Drama über die Wucht der Globalisierung.

Gefangen im Panic Room der Villa: Der entlassene Arbeiter Mike Liebknecht (Mišel Matičević) bedroht Unternehmertochter Leonie Seematter (Cecilia Steiner) und Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser).

Gefangen im Panic Room der Villa: Der entlassene Arbeiter Mike Liebknecht (Mišel Matičević) bedroht Unternehmertochter Leonie Seematter (Cecilia Steiner) und Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser).

Foto: ARD Degeto/ORF/Daniel Winkler

Essen.  Wenn ein Mordverdächtiger im „Tatort“ auf die Frage nach seinem Alibi antwortet, er würde zum Tatzeitpunkt, einem Sonntagabend, immer „Tatort“ gucken, dann ist über den Stellenwert der Krimireihe eigentlich alles gesagt. Diese augenzwinkernde Verneigung vor sich selbst erlauben sich die Autoren des Falls der Luzerner Ermittler Ritschard und Flückiger.

„Friss oder stirb“ ist der Titel, er könnte auch „Take it or leave it“ heißen. Gern sagt Unternehmer Anton Seematter (Roland Koch) diesen Satz. Er ist der als „Dealmaker“ gefeierte ­Swisscoal-Chef, reich geworden durch Firmenübernahmen und Produktionsverlagerungen nach Asien. Ein Globalisierungsgewinner.

Ex-Angestellter nimmt früheren Arbeitgeber als Geisel

Sein Gegenspieler ist der sprichwörtliche „kleine Mann“: Mike Liebknecht (Mišel Matičević) hat durch Seematter seine Stelle in Bremerhaven verloren und sucht seinen früheren Arbeitgeber nun in seiner Villa am Vierwaldstättersee heim.

Er will Gerechtigkeit, konkret: das ausstehende Gehalt, das er bis zu seiner Rente bekommen hätte. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, nimmt Liebknecht Seematters Tochter Leonie (Cecilia Steiner), seine Ehefrau Sophia (Katharina von Bock) und auch Seematter selbst als Geiseln.

Das ist die Ausgangssituation, in die die Kommissare Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) hineingeraten, weil Seematter auch Tatverdächtiger in einem Mordfall ist. Eine Wirtschaftsprofessorin ist erstochen worden. Die Spuren führen zu Seematter. Und so hat Liebknecht rasch fünf Geiseln.

Geisel und Geiselnehmer trinken ein Bier zusammen

Matičević spielt den Arbeiter Liebknecht als ehrliche Haut. Als Geiselnehmer ist er in jedem Moment überfordert. Etwa wenn ihm Seematter vorrechnet, dass er bei seiner Lösegeldforderung die Inflation nicht berücksichtigt hat, also mehr als 800.000 Euro verlangen könnte.

Zwischen den Männern entwickelt sich trotz des Ausnahmezustands eine gewisse Vertrautheit. Sie prügeln sich, Seematter feuert mit einem Maschinengewehr auf den Widersacher, aber dann trinken sie ein Bier zusammen, Liebknecht bewundert die Hobbybasteleien Seematters, und beide bieten sich das Du an. Und das wirkt nicht mal überzeichnet.

Am Ende verlieren alle

Regisseur Andreas Senn erzählt eine Geschichte ungleich verteilter Chancen. Ein Arbeiter, auf der Strecke geblieben, fordert Verlässlichkeit und Sicherheit von dem, der ihn wegrationalisiert hat. Arm prallt auf Reich, der Ohnmächtige auf den Mächtigen im Versuch, den Status quo zu verkehren.

Während Seematters Frau und Tochter ein wenig klischeehaft in kalter Arroganz verharren („Es kann ja nicht jeder mit Privilegien geboren werden, sonst wären es ja keine mehr“), verwischt die Wahrnehmung von Gut und Böse im Spiel zwischen Arbeiter und Unternehmer.

Es gibt keine höhere Botschaft oder Moral, am Ende aber drei Tote. Alle verlieren, nur Liebknecht gewinnt – und zwar die Erkenntnis, dass die Geiselnahme keine gute Idee war. Das Ganze gipfelt in dem telefonischen Nachruf seiner Ex-Frau: „Hast du wieder Scheiße gebaut?“ Nun ja …

Fazit: Eindringliches Drama über die Wucht der Globalisierung und ungleiche Chancen.

ARD, Sonntag, 30. Dezember, 20.15 Uhr