Castingshow

Warum sich Zuschauer über das „Voice Senior“-Finale empörten

Der Gewinner von „The Voice Senior“ steht fest: Dan Lucas sicherte sich den Titel. Doch es gab auch Kritik von Zuschauern am Finale.

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Berlin.  64 Jahre, graues Haar – und schon eine Karriere in der DDR hinter sich: Dan Lucas hat die erste Staffel der Sat.1-Castingshow „The Voice Senior“ gewonnen. Der in München lebende Sänger aus dem Team von Pop-Star Sasha überzeugte am Freitagabend die meisten Fernsehzuschauer mit der Rockballade „Alone“ von Heart und einer rockigen Version des Beatles-Klassikers „Help“.

„Wenn man etwas anfängt und durchzieht, will man am Ende auch Erfolg haben. Und der ist mir heute beschieden. Deswegen bin ich total glücklich“, sagte Lucas der Deutschen Presse-Agentur.

„Dans Stimme haut einen weg. Ich bin immer noch fassungslos, weil ich so begeistert bin“, meinte Gewinner-Coach Sasha. Sportmoderator Frank Buschmann twitterte: „Der Kerl zaubert mir ne Hühnerpelle! Lecko mio, ich schäme mich nicht dafür!“

Der Rocker, bürgerlich Lutz Salzwedel, war in den 80er-Jahren Mitglied der DDR-Band Karussell und nutzte ein Konzert in Westdeutschland zur Flucht. Danach nahm er mehrere Platten auf und arbeitete zuletzt in München als Sozialpädagoge.

„The Voice Senior“ war bei den Zuschauern beliebt – gestandene Persönlichkeiten, die unaufgeregt noch einmal – oder zum ersten Mal – auf die Bühne wollten. Bei dem vierteiligen Seniorenformat der Castingshow „The Voice of Germany“ konnten Kandidaten ab 60 Jahren mitmachen.

Der Aufreger zum Finale

Doch zum Ende gab es auch einen Aufreger. Viele Zuschauer störten sich am Ablauf des Finales. Denn: Weite Teile der Show waren bereits im Dezember aufgezeichnet worden. Die Verkündung des Votings der Zuschauer wurde dann aber live übertragen, allerdings ohne Publikum und die Coaches der Teilnehmer. In den sozialen Netzwerken kritisierten Nutzer, dass dadurch die Stimmung verloren gegangen sei.

Die Coaches wurden nur per Videobotschaft hinzugeschaltet und nur Thore Schölermann war als Moderator dabei, Lena Gercke fehlte. Sender Sat.1 erklärte das Ganze mit „produktionstechnischen Gründen“. In weiteren Staffeln würde man die Kritik der Zuschauer berücksichtigen.

Jury überzeugte am Anfang nicht

Die Senioren top, die Jury ein Flop: In der ersten Folge von „The Voice of Senior“ konnten vor allem die Kandidaten überzeugen – von der Jury kann man das allerdings nicht gerade behaupten.

Normalerweise sind Kandidaten einer Castingshow jung, formbar und haben ihre ganze Zukunft noch vor sich. Soweit das bisherige Konzept solcher Sendungen. Insofern verstößt „The Voice Senior“ in Sat.1 gegen jede Grundregel des Business.

Denn hier wird „die beste Stimme Deutschland ab 60“ gesucht. Wobei viele Kandidaten weitaus älter sind, der Älteste ist immerhin 80 Jahre alt. Jetzt mal ehrlich: Alte Menschen die singen, will man das denn überhaupt sehen?

„The Voice Senior“ – das muss man über die Show wissen:

  • Nach „The Voice“ und „The Voice Kids“ schickt Sat.1 eine neue Version der Castingshow an den Start
  • Anders als sonst kämpfen nicht junge Leute gegeneinander, sondern Senioren
  • In der Jury sitzen Mark Forster, Yvonne Catterfeld, Sasha und Bosshoss

Der coolste „The Voice Senior“- Kandidat

Ja, man will, wie sich auch an den Quoten zeigt. Gleich zum Start der Sendung schauten 3,13 Millionen Menschen zu. Das macht einen Marktanteil von 9,9 Prozent.

Warum die Sendung so gut loslegte? Das wird schon in den ersten zehn Minuten der ersten Folge von „The Voice Senior“ klar. Da nämlich rockt Walter (75) aus Freiburg im bunt gepunkteten Hemd die Bühne, er singt „Hard to Handle“ von den Black Crows.

Nein, mit Carmen Nebel hat das wirklich nichts tun. Dafür gibt’s Standing Ovations von Publikum – und von den Jurymitgliedern, den „Voice“- Veteranen Mark Forster, Yvonne Catterfeld, Sasha und BossHoss alias Sascha Vollmer und Alec Völkel.

Letzterer spricht aus, was wohl die meisten denken: „Wieso bist du so ein lässiger Typ mit 75, ist doch crazy?“ Walter antwortet: „Rock’n Roll Mann, das ist eine Haltung“. Weißte Bescheid.

Aber auch die weiblichen Kandidaten der „Blind Auditions“ sind ziemlich cool. Zum Beispiel die 77-jährige Giselle aus Düsseldorf („Mein Alter ignoriere ich völlig“), sie plaudert bereitwillig aus ihrem Liebesleben: „Ich habe drei Männer unter die Erde gebracht“.

Und erzählt, wie sie in ihrer Jugend in amerikanischen Clubs aufgetreten ist: „Da man mir erzählt, ich hätte Sex in der Stimme“.

Der Freak-Faktor

Den gibt es tatsächlich nicht. Wer Rentner erwartet hat, die auf die Bühne geschubst werden um ein schiefes Florian-Silbereisen-Cover im Rollstuhl darzubieten und hinterher mit den Enkeln Plätzchen backen, ist hier falsch.

Die Teilnehmer sind allesamt ziemlich gute Sänger, die eben zufällig etwas älter sind. Sie haben zwar ein paar Falten, sind aber erstaunlich fit. Oder wie der muskulöse Steffen (64 Jahre) sagt: „Im Fitnessstudio fühle ich mich am jüngsten, dann sehe ich nämlich die dünnen Ärmchen der anderen.“

"The Voice of Germany"-Finale: Backstage mit Supercoach Jess Glynne

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"The Voice of Germany"-Finale: Backstage mit Supercoach Jess Glynne

Genau die richtige Sendung also für alle, die zwar Musik-Castingshows lieben, aber die Augen verdrehen, wenn ein ambitionierter 18-jähriger Kandidat davon spricht, er habe sein „ganzes Leben“ auf diesen Moment hingearbeitet.

Denn diese Kandidaten können jede Menge echte Lebenserfahrung vorweisen, und das macht sie wirklich interessant: So erzählt zum Beispiel Fritz (80 Jahre), wie er im Krieg vier Tage lang verschüttet war, Dan (64 Jahre), wie er aus der DDR geflüchtet ist, und Gabriele berichtet, warum sie erst jetzt, mit 78 Jahren, ihren Musik-Traum verwirklich kann: „Mein Mann hat mir das Tingeln verboten, damals gab’s ja noch keinen Feminismus“.

Der schlimmste Fremdschäm-Moment

Für peinliche Momente sorgen tatsächlich nicht die Kandidaten – auch wenn wir Dauer-Camper Matheo aus Essen, der seit 38 Jahre mit seiner Familie in Holland campen geht („Damit ich mich ein bisschen entfalten kann“) etwas seltsam finden. Nein, die zu jeder guten Casting-Show gehörende Portion Peinlichkeit liefert in diesem Fall nur die Jury.

Daran konnten auch „BossHoss“ nichts ändern, die im Interview mit unserer Redaktion noch betont hatten, dass „The Voice Senior“ eine coole Show mit geiler Mucke sei.

Immer dann nämlich, wenn die „Streits“ um die Kandidaten zu inszeniert wirken, wie etwa in dem Moment, als Mark Forster - der jüngste der Jurymitglieder– beschließt, er müsse „seriöser“ wirken um Kandidaten in sein Team zu locken.

Dazu zieht er sich blitzschnell hinter der Bühne ein kariertes Tweet-Jacket an und steckt sich eine Pfeife in seinen Mund. Muss das sein?

Mark Forster: So schlimm ist der Streit mit Yvonne Catterfeld wirklich

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Mark Forster: So schlimm ist der Streit mit Yvonne Catterfeld wirklich

Der netteste Moment

Nicht jeder Kandidat kommt in den „Blind Auditions“ weiter – so sind nun mal die Regeln. Doch wie erzählt man bloß einem 75-jährigen, dass er nach Hause gehen soll? Bei zwei Sängern drückt von der Jury niemand auf den Buzzer, keine dreht sich um.

„Ich finde es schade, dass wir uns nicht umgedreht haben“, sagt Yvonne Catterfeld diplomatisch. Ein absolut sinnfreier Satz, den man als Zuschauer normalerweise wohl niemals durchgehen lassen würde.

Doch in diesem Moment, als die 61-jährige Gesanglehrerin nach ihren Darbietung von „One More Light“ von Linkin Park nicht in die nächste Runde kommt, scheint er völlig angemessen zu sein. Alles andere wäre geradezu barbarisch.

„The Voice Senior“ – was sagen die Nutzer? Eine Auswahl von Kommentaren:

  • „The Voice Senior ist der Hammer!! Gucke ja das normale The Voice nicht mehr, aber die älteren haben echt schöne Stimmen ;)“
  • „Man sollte Castingshows im Bereich musik echt nur noch 60+ machen, beeindruckend was da grad abgeht bei the voice senior....“

Der emotionalste Aufritt

Emotionen gibt es natürlich jede Menge – nicht nur beim Singen. So erzählt etwa der 80-jährige Fritz, der „O Sole Mio“ singt, wie verliebt er immer noch in seine Frau ist, auch nach 60 (!) Ehejahren („Die Kommunikation ist das Wichtigste“).

Den emotionalsten Aufritt legt Dan (64) aus Potsdam hin, er singt „You’re the Voice“ von John Farnham, und der Refrain „We’re not gonna sit in silence /We’re not gonna live with fear“ bringt das Publikum zum Toben.

Während die Jury ihn noch ausufernd lobt, sagt Dan, „Moment“, – und dreht sich zu den Studiogästen um: „Ich muss was zum Publikum sagen, das hat mich total getragen“. Ein Lob so gleich weiterzugehen, das ist nicht nur ganz schön großzügig, sondern auch ziemlich erwachsen. „The Voice Senior“ halt. (les)

Im Original von „The Voice“ hatte zuletzt Samuel Rösch mit Abstand gewonnen.

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