Talkshow

Flüchtlingsdebatte bremst „hart aber fair“ (mal wieder) aus

Frank Plasberg wollte bei „hart aber fair“ über Arm und Reich sprechen. Seine Gäste verhedderten sich aber leider beim falschen Thema.

Von Fabian Hartmann
Skandale und Gäste-Rankings: Diese fünf Dinge muss man über Polit-Talkshows wissen

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Ob "Anne Will", "Hart aber Fair", “Maybrit Illner“ oder “Maischberger“: Polit-Talkshows prägen unsere politischen Debatten. Fünf Dinge, die man über dieseTalkshows wissen muss.

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Berlin.  „Hart aber fair“ widmete sich einem Streitthema: „Wie gespalten ist Deutschland“ – mit Dirk Roßmann wurde einer der reichsten Deutschen eingeladen. War das ein Fingerzeig der Macher der Sendung, um über Arm und Reich zu diskutieren? Nein, die Flüchtlingsdebatte überschattete mal wieder alles. Daran hatte auch Claus Strunz seinen Anteil.

Auf 3,2 Milliarden Euro wird das Vermögen des Drogeriemarktgründers Roßmann geschätzt. Damit zählt der Gründer der gleichnamigen Drogeriekette zu einem kleinen, elitären Kreis – dem der 50 reichsten Deutschen.

Doch ist der Unternehmer deshalb ein Symbol für die Spaltung des Landes in arm und reich? In einen kleinen Teil, der in Saus und Braus lebt, und die breite Masse, die nichts hat – oder sogar Schulden? Die Zuschauer von „hart aber fair“ am Montagabend haben darauf jedenfalls keine Antwort bekommen.

„Hart aber fair“ – das waren die Gäste

  • Dirk Roßmann, Gründer und Geschäftsführer der Drogeriemarktkette Rossmann
  • Michel Abdollahi, NDR-Moderator, Journalist, Künstler und Literat
  • Annette Behnken, evangelische Pastorin
  • Claus Strunz, Journalist und TV-Moderator, Buchautor „Geht’s noch, Deutschland?“
  • Antje Hermenau, Politikberaterin; ehem. Grünen-Politikerin; jetzt für die Freien Wähler Sachsen aktiv

Denn: Frank Plasberg versuchte zwar, seinen Gast in eine Verteilungsdebatte zu verwickeln. Doch Roßmann spielte das Spiel nicht mit. „Meine Aufgabe ist es, verantwortungsvoll zu arbeiten, damit viele Mitarbeiter einen sicheren Arbeitsplatz haben“, sagte er.

Für 50.000 Menschen trage er Verantwortung – und zahle nebenbei viele Steuern. Angriff abgewehrt, Punkt für Roßmann. Frank Plasberg harkte auch nicht weiter nach.

Plasbergs Runde hing sich am Dauer-Thema Migration auf

„Sprachlos, verständnislos, wütend: Wie gespalten ist Deutschland?“, fragte die Redaktion in der letzten Sendung des Jahres. Ein Titel, der Potential bot. Die Probleme sind bekannt: Mietenexplosion, Bildung, Zukunft der Rente.

Doch was machte Plasbergs Runde? Sie hängte sich an den falschen Themen auf, kaute vieles einfach wieder, was im letzten Jahr schon in unzähligen Talkshows gesagt wurde – vor allem zum Thema Migration.

Dafür immerhin hatte sich Frank Plasberg den passenden Gast eingeladen. Mit dem Journalisten Claus Strunz saß jemand in der Runde, der Empörung und vermeintliche klare Kante zu seinem Markenzeichen gemacht hat.

Strunz ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen – auch wenn er dabei mitunter haarscharf an der Grenze zum Rechtspopulismus entlangschlittert. Strunz selbst bezeichnet sich immerhin als guten Populisten.

Claus Strunz spulte sein bekanntes Programm ab

Und so spulte Strunz auch bei „hart aber fair“ sein bekanntes Programm ab: Der ehemalige Chefredakteur der „Bild am Sonntag“ beschwerte sich darüber, dass Kritik an der Flüchlingspolitik gleich als „rechts“ gebrandmarkt werde.

Er gab Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) recht, der die Migration als „Mutter aller Probleme“ bezeichnete. Und er sinnierte darüber, dass es doch im Osten – etwa in Chemnitz – möglich sein müsse, seinem Unmut Luft zu machen, ohne gleich auf dem Cover des „Spiegel“ zu landen.

Unterstützung erhielt der Journalist von der Politikberaterin Antje Hermenau, die sich darüber ärgerte, dass es angeblich immer die Sachsen seien, die an den Pranger gestellt würden.

Ganz anderer Meinung war dagegen Drogeriemarktgründer Roßmann. Er regte sich vor allem über die Aussage von Claus Strunz auf, der sagte, dass die Aufgabe der Politik sei, „Ängste ernst zu nehmen und Antworten darauf zu formulieren.“

Roßmann entgegnete, dass er die Aussage von Seehofer völlig deplatziert und unmöglich halte. Seehofer habe mit diesem Satz die Stimmung aufgeheizt, das sei überflüßig gewesen.

Plasbergs Gäste streiften die grundsätzlichen Fragen, ohne aber Antworten zu finden: Wie konnte das Klima im Land kippen, der Ton rauer werden? Warum ist der Osten davon stärker betroffen als der Westen? Und was hat all das mit Migration und Flucht zu tun?

Abdollahi lässt Strunz kühl abtropfen

Es tat der Debatte gut, dass auch der NDR-Moderator Michel Abdollahi in der Runde saß – und so nicht nur über Angst und Verlust aus einem bio-deutschen Blickwinkel gesprochen wurde. Abdollahi machte deutlich, dass auch Migranten Teil der Gesellschaft seien.

Er selbst kam 1986 aus dem Iran nach Deutschland. Seitdem lebt er in Hamburg. „Ich habe nicht den Eindruck, dass auch über meine Sorgen gesprochen wird“, sagte der Journalist.

Das ist TV-Moderator Claus Strunz:

  • Claus Strunz gehört zu den TV-Gesichtern, die am meisten polarisieren
  • Der 52-Jährige moderiert mehrere Sat.1-Sendungen wie etwa Akte 20.18
  • Mit seinem Buch „Geht’s noch Deutschland“ erzeugte er viel Wirbel
  • Für seine Moderation im TV-Duell Merkel gegen Schulz 2017 wurde er heftig kritisiert

Als TV-Moderator Strunz sich beschwerte, dass die Debatte aus seiner Sicht eine „Unwucht“ bekommen habe, weil zu lange über Rechtsextreme und nicht über radikale Moslems gesprochen wurde, antworte Abdollahi kühl: „Nee, das Gefühl habe ich nicht“.

Abdollahi und die evangelische Pastorin Annette Behnken warben für Dialog und Toleranz, Claus Strunz und Antje Hermenau plädierten für einen Staat, der durchgreift. Mal wieder standen sich die Lager unversöhnlich gegenüber. Und mal wieder drängte sich der Eindruck auf, als sei da nur das eine Thema, das die Deutschen bewegt: Flucht und Migration.

Dirk Roßmann fordert mehr sozialen Wohnungsbau

Doch es gibt eben noch anderes. Das zeigte sich am Ende der Sendung, als Moderator Plasberg die Diskussion doch noch hin zu Verteilungsfragen lenkte. Und sich plötzlich neue Allianzen bildeten.

Der Unternehmer Dirk Roßmann forderte ein Sofortprogramm für den sozialen Wohnungsbau. Claus Strunz unterbrach ihn zunächst, doch Roßmann ließ das nicht zu: „Lassen Sie mich ausreden, lassen Sie mich ausreden!”

Auch Strunz warnte danach vor der Wohnungsnot und Michel Abdollahi ärgerte sich über ein Steuer- und Abgabensystem, das viel zu kompliziert sei.

Das ist Dirk Roßmann:

  • Dirk Roßmann ist Gründer der Drogeriekette Roßmann
  • Das Vermögen des 72-Jährigen wird auf 1,8 Milliarden US-Dollar geschätzt
  • Roßmann ist Vater von zwei Kindern
  • Er hat bereits mehrere Bücher geschrieben

Die Runde hätte viele Anknüpfungspunkte gehabt, um über die Fliehkräfte in der Gesellschaften zu diskutieren. Über Investitionsstau, die Zukunft des Sozialstaats und Vermögen, die immer weiter auseinander driften.

Vielleicht besinnt sich Frank Plasbergs Redaktion ja im neuen Jahr auf diese Themen.

Zuletzt hatte es bei „Hart aber fair“ Aufregung um einen Zuschauer gegeben, der das Studio nach Zwischenrufen zum UN-Migrationspakt verlassen musste. Es ist nicht das erste Mal, dass eine Talk von Plasberg scheitert. Zuletzt war nach Meinung unseres Autoren schon der „Hart aber fair-“Talk über Araber-Clans gescheitert.

Update: Klima-Debatte bringt „Hart aber fair“ harten Schlagabtausch

Hier geht es zur aktuellen Ausgabe von „hart aber fair“ in der ARD-Mediathek