ARD-Drama

„Angst in meinem Kopf“ überzeugt durch seine Darsteller

In „Angst in meinem Kopf“ verrennt sich eine Beamtin im Männerknast. Kleine Schwächen werden durch starke Schauspieler ausgeglichen.

Foto: NDR/Georges Pauly

Hamburg.  Das Kino und das Fernsehen lieben Geschichten, in denen ein Mensch immer tiefer in eine Verstrickung hineingerät, aus der er kaum noch herausfinden kann. Ein Mechanismus des Erfolgs: Erst der Thrill des Untergangs, dann die Kunst der Wendung – und alles wird wieder gut. Nach diesem Muster ist auch „Angst in meinem Kopf“ von Thomas Stiller (Buch und Regie) angelegt: Eine JVA-Beamtin im Männerknast wird bei einem brutalen Ausbruchsversuch als Geisel genommen und durchlebt Todesangst.

Sonja Brunner (Claudia Michelsen) wollte den Menschen im Gefängnis wieder auf die Beine helfen. Doch nach diesem Zwischenfall kann sie ihren alten Arbeitsplatz nicht mehr betreten. Sie beantragt eine Versetzung, ohne die Familie zuvor in Kenntnis ­zu setzen, was bei der Ziehtochter und ihrem Ehemann Jens (Matthias ­Koeberlin) nicht auf Begeisterung stößt. Sie fühlen sich übergangen.

Es beginnt mit zwei Tütchen Backpulver

Dafür ist die neue Arbeitsstelle umso angenehmer, zumindest auf den ersten Blick. Es beginnt mit zwei Tütchen Backpulver für einen Kuchen, um die sie ein Insasse mit Organisationstalent gebeten hat. Doch so harmlos, wie das scheint, ist diese freundliche Geste bei Weitem nicht. Um das Drama in Gang zu setzen, konzentriert sich der Film zunächst auf das private Umfeld, bei dem es nicht zum Besten steht.

Der Gatte versucht, seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf seiner Bücher zu bestreiten. Er schreibt eine Reihe Verlage an, doch es kommt, wie es kommen muss: Überall wird er abgelehnt. Die Stimmung wird auch nicht dadurch besser, dass das Auto den Geist aufgibt. Und da sind auch noch die Kosten für Sonja Brunners dringende Zahnbehandlung, die in immense Höhen klettern. Alles Anzeichen dafür, dass der Haushalt bald zu kollabieren droht.

Nervosität und angespannte Seelenlage

Brunner erzählt einem Häftling von ihren Sorgen und greift blind zu, als der mit Lösungen aufwarten kann. Eine immer stärker fordernde Hand wäscht die andere. Dass nun auch noch Sonja Brunners Geiselnehmer von einst in die JVA verlegt wird, in der sie jetzt arbeitet, wirkt dann allerdings ein wenig weit hergeholt.

Zwei Dinge immerhin sind es, die diesen doch arg konstruierten Film sehenswert machen. Der erste ist Claudia Michelsen, die hier eine ihrer besten Leistungen zeigt. Trotz der Zuwendung durch die Familie spürt man bei ihr eine Einsamkeit, die sie einen Fehler nach dem anderen machen lässt. Sie trägt nie groß auf, ihr gelegentlich zuckendes Augenlid und ihre Nervosität sind die einzigen Anzeichen für ihre angespannte Seelenlage.

Charly Hübner – ein Klotz mit nackter Brust

„Ich fand es spannend zu gucken, wie Sonja Brunner nach diesem absolut gewalttätigen Erlebnis versucht, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen“, sagte Regisseur Stiller in einem ARD-Interview. „Das sind Sachen, die sind für den normalen Menschen unfassbar. Aber dann passieren sie doch; es kann uns allen passieren. Da muss man sich nicht zu sicher fühlen. Wenn sich Situationen im Leben ändern, kann es für alle aus dem Ruder laufen.“

Der zweite Grund zum Einschalten ist Charly Hübner in der Rolle eines mehrfachen Mörders, der für Sonja so etwas wie ein Beschützer wird. Mit ihm kann sie reden, mit ihm spielt sie sogar hin und wieder Dame. Hübner – ein Klotz mit nackter Brust und furchtbaren Träumen – ist ein Mann, der Rätsel aufgibt: Mal ist er knallhart, dann wieder sanft.

Fazit: Die Handlung wirkt an vielen Stellen zu dick aufgetragen. Aber zwei großartige Schauspieler können diese Schwäche ausgleichen.

Angst in meinem Kopf; ARD, Mittwoch, 10. Oktober, 20.15 Uhr