„Tatort“

Gaslighting: Wie Menschen in den Wahnsinn getrieben werden

Im „Tatort“ wird Stiefmutter Anna Voigt manipuliert und zum Suizid getrieben. Ein perfider Fall von Gaslighting. Das steckt dahinter.

Berlin.  Irgendwann hält es Anna Voigt (Karoline Schuch) im Kieler „Tatort“ nicht mehr aus. Sie legt sich in die mit Wasser gefüllte Badewanne, schluckt eine Menge Tabletten und ritzt sich mit einem Messer die Pulsadern auf. Ausgerechnet Stieftochter Sinja (Mercedes Müller) hat ihr das auf den Badewannenrand gelegt.

Und warum das alles? Anna Voigt war verwirrt, fühlte sich in die Enge getrieben. Hat sie die Geister wirklich gesehen? War ihre Wahrnehmung korrekt? Und warum glaubte ihr keiner? Am Ende schien für sie die Situation aussichtslos.

Das Finale eines grausamen Psychospiels, das Sinja in „Borowski und das Haus der Geister“ mit der verhassten neuen Frau ihres Vaters spielt – und ein perfider Fall von Gaslighting.

Doch was ist eigentlich Gaslighting und wer ist davon betroffen? Die Psychologin Dr. Bärbel Wardetzki, Autorin des Buches „Und das soll Liebe sein?“ klärt über die Form des psychologischen Missbrauchs auf.

Was versteht man unter Gaslighting?

Bärbel Wardetzki: Gaslighting ist eine psychologische Manipulationspraxis, die dazu dient, die Wahrnehmung des Gegenübers so zu verwirren, dass die Person sich selbst nicht mehr traut. Sie stellt in Frage, was sie erlebt, fühlt und denkt.

Es ist eine Verwirrtechnik, die die Person total abhängig macht vom anderen. Ganz objektive Fakten werden verändert und zu alternativen Fakten. Man wertet den anderen ab. Wenn das Gegenüber dann sowieso schon voller Selbstzweifel ist, dann wird es sich selbst in Frage stellen.

Kann man sich dagegen wehren?

Wardetzki: Das ist schwer. Denn jedes Argument, wird sofort umgedreht, nach dem Motto: Das stimmt doch gar nicht, das habe ich nie gesagt. Die betroffene Person ist dann natürlich völlig verwirrt und hat das Gefühl, alles falsch wahrzunehmen. Dazu bekommt die manipulierte Person keine Chance, die Geschichte zu korrigieren. Sie wird von anderen menschlichen Kontakten ferngehalten und isoliert. Denn die könnten einem die Augen öffnen.

"Tatort": Das sind fünf spannende Fakten

Das sind 5 spannende "Tatort"-Fakten
"Tatort": Das sind fünf spannende Fakten

Wer ist von Gaslighting betroffen?

Wardetzki: Das ist schwer zu sagen. In der Literatur heißt es, dass mehr Frauen betroffen sind und es in der Regel Männer sind, die Gaslighting betreiben. Frauen nehmen ihre Selbstzweifel eher wahr als Männer. Die haben Strategien, das von sich zu weisen. Und deswegen kann es natürlich sein, dass Frauen sich eher verunsichern lassen als es die Männer tun.

Dafür brauche ich natürlich auch ein Gegenüber, dass das mit sich machen lässt. Das sind eher unsichere Personen, die voller Selbstzweifel sind – oder so verliebt in den Mann, dass sie ihm alles glauben.

Man ist also blind vor Liebe.

Wardetzki: Ja, wobei die Frage ist, ob wir nicht alle darauf reinfallen können. Wir haben ja bereits einen Politiker (Donald Trump, Anmerk. d. Redaktion), der manipulative Techniken anwendet. Und viele folgen ihm blind. Man könnte also sagen, es kann jeden treffen, wenn man nicht aufpasst.

Woran erkennt man, dass man von Gaslighting betroffen bin?

Wardetzki: Man wird immer unsicherer, sagt anderen nichts davon, weil man sich so schämt. Man beschönigt die Dinge und nimmt die Probleme nicht ernst – denn das würde bedeuten, dass man Konsequenzen ziehen muss. Wenn das alles passiert, dann ist es höchste Zeit etwas gegen die Situation zu tun.

Wie reagiert man dann? Wendet man sich an Freunde?

Wardetzki: Ja, das kann der erste Schritt sein, sich Freunden oder der Familie gegenüber zu öffnen. Oder man sucht sich gleich professionelle Hilfe, sei es bei einem Berater oder Psychotherapeut. Es muss jemand sein, dem man die ganze Geschichte erzählen kann und mit dem man das dann zusammen aufdröselt. Es ist überhaupt wichtig, das Drama einmal auszusprechen. Für viele ist am Anfang am wichtigsten, dass jemand zuhört und einem glaubt.

Sollte man sich dann aus der Beziehung lösen oder kann man Gaslighting auch aufarbeiten?

Wardetzki: Wer wirklich plant, seinen Partner so abhängig zu machen, das der handlungsunfähig ist, da vermute ich, dass dieser Mensch gar nicht auf sein Verhalten ansprechbar ist. Dann ist die Trennung die richtige Entscheidung.

Wenn der Partner fähig ist, das eigene Verhalten zu reflektieren, dann könnte man miteinander die Situation verbessern. Das ist aber selten. Bei Gaslighting wird das in den wenigsten Fällen passieren.

Im „Tatort“ will Sinja Voigt (Mercedes Müller) ihre Stiefmutter Anna (Karoline Schuch) bis in den Selbstmord treiben. Kann Gaslighting zu psychischen Störungen, Depressionen oder gar zum Suizid führen?

Wardetzki: Ich kann mir das vorstellen. Betroffene können auch in der Psychiatrie landen, weil sie paranoid werden. Je instabiler die Person ist, desto heftiger ist die Reaktion.

Nehmen die Gaslighting-Fälle zu?

Wardetzki: Die heftigen Fälle wie im „Tatort“ sind die Seltenheit. Aber es gibt immer mehr narzisstische Beziehungen, in denen solche Mechanismen wie beim Gaslighting angewendet werden. Wenn der Partner dem anderen permanent Vorwürfe macht, ihn beleidigt und demütigt – diese Fälle sind sehr häufig.

Das sind Machtbeziehungen, in denen der eine die Macht haben will, und der andere ohnmächtig sein soll. Ob es aber mehr Gaslighting-Fälle gibt, kann ich nicht sagen, da gibt es keine empirischen Werte, auf die man sich verlassen kann.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.