ARD-Krimi

Tatort: Saison-Start mit Kloß im Hals

Schluss mit den Wiederholungen: Die Sommerpause ist vorbei, jetzt gibt es wieder neue Tatort-Folgen. Und es fängt gleich schräg an.

Christian Ulmen und Nora Tschirner ermitteln in ihrem neuen Fall in einer Thüringer Kloßfabrik

Christian Ulmen und Nora Tschirner ermitteln in ihrem neuen Fall in einer Thüringer Kloßfabrik

Foto: ARD / MDR/Wiedemann&Berg/Anke Neugebau

„Hatten wir noch nicht!“ Nora Tschirner sagt das als Hauptkommissarin Kira Dorn ziemlich perplex. Im jüngsten Weimarer „Tatort“ mit dem wie immer stabreim-witzelnden Titel „Die robuste Roswitha“ hat es das Ermittlerduo mit einer Leiche zu tun, die es nicht mehr gibt. Sie wurde nämlich granuliert - in einer Maschine einer Kloß-Fabrik, wo der Leichnam quasi wie Kartoffelmasse zerstampft wurde. Und weil diese Masse dann weggekarrt wird, der Laster aber auf einer Landstraße einen Unfall baut und die Masse sich über die Straße entleert, macht sich ein Rudel Wildschweine darüber her. Eine echte Sauerei.

Die Weimarer Kommissare sind ja von jeher für sehr schräge Fälle bekannt. Bislang hat die ARD dem Ermittler-Team Nora Tschirner und Christian Ulmen dafür Feiertags-Termine reserviert. Mit der „Robusten Roswitha“ werden sie jetzt etwas normaler. Aber immerhin: Sie dürfen die neue „Tatort“-Saison eröffnen. Endlich ist die Sommerzeit vorbei, wo der Daheimgebliebene gleich doppelt bestraft war, weil ihm nur Konserven vorgesetzt wurden.

Trotz aller Kritik wird weiter viel experimentiert

Die ARD hat immerhin zwei Premieren in die quotentechnisch schwierige Sommerzeit gesetzt, Til Schweigers Kino-„Tatort“ , „Tschiller – Off Duty“, der in den Lichtspielhäusern allerdings nicht so reüssiert hatte. Und Dani Levys hochexperimentellen Luzerner Krimi „Musik stirbt zuletzt“, der in Echtzeit in einer einzigen Einstellung gedreht wurde. Ein mutiges Wagnis, bei dem gleichwohl ein Großteil der Zuschauer gleich in den ersten Minuten abgesprungen ist. Die ARD-Oberen schienen das geahnt zu haben. Und haben es daher zur Sommerzeit „versendet“, wie das im Branchen-Jargon heißt.

Nun sollen den offiziellen Saison-Einstand also Tschirner & Ulmen richten, die genau wie ihre Münsteraner Kollegen das Krimi-Format nicht so ganz ernst nehmen, aber gerade dafür so geliebt werden. Unterschiedliche Kommissare und regionaler Bezug, das waren die Erfolgszutaten, die der kürzlich verstorbene „Tatort“-Erfinder Gunther Witte einst ins Rezeptbuch der längstlebigen deutschen TV-Reihe geschrieben hat. Und was den Regionalbezug angeht, sind die Weimarer immer ganz vorne. Thüringen ist bekannt für seine Würste, aber auch für seine Klöße. Deshalb müssen die Kommissare diesmal in Schutzanzügen eine Kloßfabrik inspizieren.

Als erster wird der Chef der Fabrik verdächtigt. Schon weil dessen Frau vor Jahren spurlos verschwand und die Firma eigentlich ihr gehörte. Aber dann erweist es sich, dass der Chef nicht der Täter, sondern das Opfer ist. Dafür taucht urplötzlich die totgeglaubte Gattin wieder auf. Sie will das Gedächtnis verloren haben – und erst durch die Mord-Nachricht im Radio an ihr früheres Leben erinnert worden sein. Oder war die Tat ein lang geplanter Racheakt?

Es ist, wie so oft in Weimar, ein reichlich verzwickter „Tatort“. Mit vielen verschrobenen Figuren, als ob in Thüringen alle ein bisschen eigen sind. Aber wie immer in diesen Fällen kommt es gar nicht so sehr auf die Handlung an als auf die trockenen Pointen und die nach wie vor stimmige Chemie zwischen dem Ermittlerpaar Tschirner und Ulmen. Freilich: Klöße wird man danach nicht mehr so bald verzehren wollen.

„Hatten wir noch nicht“: Nora Tschirners trockener Kommentar könnte ganz gut als Motto der ganzen Reihe taugen. Nach 1063 Folgen in fast 49 Jahren muss sich das Format ja immerzu neu erfinden. Das führte vor allem in letzter Zeit zu einer wahren Experimentierlust, die immer mehr Ermittler aus dem klassischen Krimi-Fahrwasser weg in andere Genres führte. Was zwar viel Lob bei der Kritik einheimste, aber das Publikum oft verschreckte. Der Höhepunkt war „Babbeldasch“, der Improvisations-„Tatort“ des Berliner Underground-Regisseurs Axel Ranisch, der zu einer regelrechten Debatte führte, wieviel Experiment das kräftigste Zugpferd der ARD verträgt. Programmdirektor Volker Herres ruderte sofort zurück. Dass Dani Levys damals schon abgenickter One-Shot-Krimi in die Sommerzeit verbannt wurde, passt da gut ins Bild.

Aber auch die nächsten „Tatorte“ begehen wieder Gratwanderungen zwischen klassischem Krimi und überraschenden Novitäten. Axel Milberg, der kommende Woche seinen nächsten Einsatz hat, kriegt schon wieder eine neue Ermittlerin (Mila Sahin) an seine Seite – die dritte mittlerweile, sein Kommissar scheint recht unverträglich für Kolleginnen zu sein. Die Folge „Borowski und das Haus der Geister“ spielt aber vor allem, der Titel deutet es an, mit dem Horrorfilm. Zu Ermittlungszwecken setzt man sich schon mal zum Gläserrücken zusammen. Auch da könnten einige Zuschauer aussteigen.

Die erste schwarze Kommissarin

Nicht weniger experimentell geht es im neuen Berlin-Fall „Tiere der Großstadt“ (13. September) zu, wo es um künstliche Intelligenz geht – und um die ernsthafte Frage, ob ein Mann in einem Roboter-Café von seiner eigenen Apparatur ermordet wurde. Auch beim Berliner „Tatort“ spielen Wildschweine eine Rolle. Auch diese Folge spielt wie die in Weimar in tiefstem Herbst. Das passt nicht ganz in diesen nicht enden wollenden Sommer. Der Zuschauer wird offensichtlich in eine kühle Saison eingeführt.

Dabei wird es demnächst wieder eine Abgänge und Neuzugänge geben. Während die Münchner gerade ihren 80. Fall „Wir kriegen euch alle“ abgedreht haben (auch da geht es um künstliche Intelligenz), ist für die Bremer bereits die letzte Klappe gefallen. Sabine Postel hört nach 20 Jahren auf. Auch der beim Publikum nicht sonderlich beliebte Luzern- Tatort“ wird nach neun Jahren abgesetzt und soll künftig durch das urbarnere Zürich ersetzt werden.

Hatten wir noch nicht: Das gilt auch für Maria Furtwängler. Sie war lange die große Einzelgängerin und Einzelermittlerin der Reihe. In ihrem neuen Fall „Born to Die“ erhält sie mit Göttingen nicht nur ein neues Revier, sondern auch eine Partnerin – und die erste schwarze „Tatort“-Kommissarin obendrein: Florence Kasumba, die man aus den Kinohits „Avengers: Infinity War“ und „Black Panther“ kennt. Vor allem aber bekommt die Furtwängler einen neuen Liebhaber: Daniel Donskoy aus „Sankt Maik“, der 23 Jahre jünger ist als die Kommissarin. Das könnte wieder manche Gemüter in Wallung bringen.

Für Aufregung sorgte auch, dass die große Free-TV-Premiere der immens aufwändigen Krimiserie „Babylon Berlin“ am 30. September auf den „Tatort“-Sendeplatz gelegt wurde. Aber Volker Herres verteidigt die Terminierung: „,Babylon Berlin’ verdient die beste Startrampe im deutschen Fernsehen.“ Und das ist nun mal der „Tatort“-Sendeplatz, wenn die Fernsehnation zuhause sitzt und keiner anrufen darf.

„Tatort: Die robuste Roswitha“, ARD, 26.8., 20.15 Uhr