ARD-Krimi

Was ist Kontaktgift? Schweizer „Tatort“ hinterlässt Fragen

„Die Musik stirbt zuletzt“ beendete die „Tatort“-Sommerpause mit einem Kamera-Experiment. Doch das blieb das einzige Krimi-Highlight.

Berlin.  Die Sommerpause ist zu Ende, endlich wieder „Tatort“-Zeit. Bei der Sahara-Hitze der vergangenen Wochen, unzähligen Sommerabenden auf dem Balkon und Ausflügen an den See, konnte es sich eigentlich jeder Zuschauer ohne schlechtes Gewissen auf dem Sofa gemütlich machen und die Glotze anschalten. Die ARD brachte dann auch direkt die Abkühlung.

Denn der „Tatort: Die Musik stirbt zuletzt“ war trotz aufregender Kamera-Arbeit ein Krimi-Experiment, dass einem einen kalten Schauer über den Rücken liefen ließ. Zu chaotisch und unauserzählt war die Story, zu zäh zog sich der Anfang hin (fast eine Stunde musste man auf die erste Leiche warten) und zu holprig das Spiel der Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer). Die aktuelle Folge war übrigens eine ihrer letzten. 2019 hört das Team auf und wird von Kommissaren aus Zürich ersetzt.

Viele Fragezeichen blieben am Ende. Was ist jetzt ein Intermediär und was hatte es mit der experimentellen Kameraeinstellung auf sich? Wir klären auf:

Was ist ein „One shot“?

Der „Tatort“ wurde ohne Unterbrechungen, Schnitte oder Wiederholungen in durchgehenden 88 Minuten und mit nur einer Kameraeinstellung gedreht. Es musste also alles auf die kleinste Sekunde getimed sein.

Ein filmischer Kniff bei dem den Zuschauern ganz schwindlig wurde. Die Kamera hielt drauf beim Luftröhrenschnitt, wo das Blut nur so spritzte, und wenn Stromschläge durch einen leblosen Körper gejagt wurden. So entstand Tempo und Intensität.

Regisseur Dani Levy (bekannt für seinen Film „Alles auf Zucker“) drehte insgesamt vier Aufzeichnungen, zweimal in Hochdeutsch, zweimal in Schweizerdeutsch. Er wurde vom Film „Victoria“ aus dem Jahr 2015 inspiriert, die „radikalste Form“ eines „One shot“, wie Levy der ARD sagte: „Der Zuschauer fühlt unbewusst, dass er nicht betrogen wird, zumindest nicht durch Schnitt, Weglassen, parallel Montieren oder Selektieren.“

Kameramann Filipp Zumbrunn stellte das Konzept vor allem vor physische Herausforderungen. Er trainierte extra seine Unterarme, damit er die Kamera 90 Minuten lang halten konnte. Und dann war da noch das Problem mit der menschlichen Natur. „Auch die Flüssigkeitszunahme vor dem Dreh musste gut eingeteilt werden, um nicht mitten im Dreh auf die Toilette gehen zu müssen.“

Welche Musik hörte der ARD-Zuschauer?

Patriarch Walter Loving (Hans Hollmann, 85 Jahre alt) hatte das argentinische „Jewish Chamber Orchestra“ zu einem Benefiz-Konzert in den berühmten Luzerner Konzertbau KKL geladen. Das Thema des Abends: Musik von Komponisten, die während des Zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager umgekommen sind. So wollte man den Opfern des Holocausts gedenken.

Tatsächlich handelte es sich im Krimi auch um ein reales jüdisches Orchester, das „Jewish Chamber Orchestra Munich“. Dirigent Daniel Grossman trat im Film allerdings nicht in seiner sonstigen Rolle auf, die übernahm ein Schauspieler. Grossmann war im Film am Glockenspiel und Xylofon zu sehen.

Der Zuschauer bekam wenig bekannte Stücke, teilweise sogar Erstaufführungen zu hören. Diese „vergessenen Meisterwerke“ zu spielen, habe sie alle elektrisiert, erzählte Regisseur Dani Levy der ARD.

Das ist die „Tatort“-Playlist:

• Erwin Schulhoff: Kassandra (Arabia Fox) / 2. Symphonie / 4. Satz, Finale Allegro con spirito

• Viktor Ullmann: Klavierkonzert No. 2 op. 25 / 1. Satz, Allegro con fuoco

• Marcel Tyberg: 2. Symphonie f-moll, 1. Satz, Allegro Appassionato

• Gideon Klein: Partita für Streichorchester, 2. Satz Variation über ein mährisches Volkslied

Was für ein Gift wurde im „Tatort“ benutzt?

In „Die Musik stirbt zuletzt“ wird erst der Musiker Vincent Goldstein (Patrick Elias), später die Juristin Jelena Princip (Uygar Tamer) vergiftet. Am Ende tötet Franky Loving (Andri Schenardi) seinen Vater und sich selbst. Vier Tote – und Schuld daran ist ein Kontaktgift, also ein Gift, das über die Haut aufgenommen wird.

Im ARD-Krimi ist es das Pflanzenschutzmittel Parathion, auch E605 genannt. Eines der bekanntesten Kontaktgifte, im Volksmund auch als „Schwiegermuttergift“ bezeichnet, weil es in der Kriminalgeschichte gerne mal für das tödliche Ende eben jener Verwandten benutzt wurde.

Parathion ist in reiner Form geschmack- und fast geruchlos. Kommt der Mensch damit in Kontakt, führt es zu Erbrechen, Schweißausbrüchen, Muskelzuckungen, Kopfschmerzen, Krämpfen, Lähmung und schließlich zum Tod durch Atemstillstand.

Im „Tatort“ behandeln die Mediziner Vincent Goldstein mit Atropin – ein Gegengift. Es dockt an dieselben Rezeptoren und verhindert neue Nervenreize. Atropin muss in kleinen, wiederholenden Dosierungen eingenommen werden bis sich die Symptome bessern. Wirksam ist es allerdings nur, wenn der Patient kurze Zeit nach der Einnahme von E605 das Gegengift erhält und danach intensivmedizinisch betreut wird. Für Jelena Princip sowie Vater und Sohn Loving kam jede Hilfe zu spät.

Was ist ein Intermediär?

Beim dramatischen Konzertfinale wird enthüllt, dass Walter Loving während des Zweiten Weltkriegs als Intermediär aktiv war – als „Mittler zwischen Deutschen und Juden“, wie Kommissarin Liz Ritschard erklärt. „Das waren Geschäftsleute, die das Geld der Flüchtlinge nahmen, die Schlepper damit bezahlten und die ganze restliche Kohle einsteckten.“

Wie die Unabhängige Expertenkommission der Schweiz in ihrem Untersuchungsbericht „Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg“ schreibt, ließen sich die Intermediäre ihre Fluchthilfe teuer bezahlen. Die übliche Verhandlungssumme habe 100.000 Franken (umgerechnet 86.350 Euro) betragen, heißt es in dem Papier. Oft hätten sich die Verhandlungen über Monate, „manchmal gar Jahre“ hinweggezogen und scheiterten letztendlich, weil die Familie das Geld nicht auftreiben konnte. Für die Betroffenen meist das Todesurteil.

Auch über die Motive der Schweizer Intermediäre klärt der Bericht auf: „Teils handelten sie aus Gewinnstreben; teils in der Absicht, Verfolgten zu helfen; teils verbanden sich die beiden Motive.“

So auch im Fall von Patriarch Walter Loving. „Ich bekenne mich schuldig. Ich habe von Menschen Geld bekommen, um sie zu retten“, spricht er vor den versammelten Konzertgästen. „Das Geld hab ich für gefälschte Papiere, sogenannte Arisierungen, und Fluchthelfer verwendet. Meine Provision war 30 Prozent.“

Der Milliardär gibt sogar zu, dass er nicht alle Menschen retten konnte. Was er dabei verschweigt: In diesen Fällen lag seine Provision bei 100 Prozent. So auch bei den Goldsteins. Er steckte sich damals das Geld der Großeltern von Miriam und Vincent Goldstein in die eigene Tasche, das Paar starb in einem Konzentrationslager. Die Papiere der Familie seien angeblich nicht rechtzeitig da gewesen.

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