ARD-Talk

„Hart aber fair“: Das Gefühl der Juden, am Pranger zu stehen

Die Gewalt im Nahen Osten eskaliert – mal wieder. Bei „Hart aber fair“ ging es um Israel. Und ein Phänomen, dem nicht beizukommen ist.

Die Gäste von „Hart aber fair“: Melody Sucharewicz , l-r Gil Ofarim, Uwe Karsten Heye, Moderator Frank Plasberg, Lamya Kaddor, Dietmar Ossenberg.

Die Gäste von „Hart aber fair“: Melody Sucharewicz , l-r Gil Ofarim, Uwe Karsten Heye, Moderator Frank Plasberg, Lamya Kaddor, Dietmar Ossenberg.

Foto: Horst Galuschka / imago/Horst Galuschka

Berlin.  Schon das Zuhören ist niederschmetternd. Die eingeritzten Hakenkreuze auf der Schulbank, Hundekot im Briefkasten. Und dann dieser Satz eines Mitschülers: „Ey, weißt du, dass Dachau nicht weit weg von hier ist?“. Der Sänger Gil Ofarim hat als Kind erfahren, wie tief Antisemitismus noch immer in Deutschland verwurzelt ist. „Meine Heimat ist München, aber vielleicht gehe ich eines Tages nach Israel“, sagte er am Montagabend bei „Hart aber fair“. Denn: „Israel ist das einzige Land, wo wir nicht beleidigt und verfolgt werden“, so Ofarim.

Der jüdische Staat feiert in diesen Tagen sein 70-jähriges Bestehen. Und wer Betroffenen von antisemitischen Übergriffen zuhört, kann verstehen, welche Bedeutung Israel als Schutzversprechen für sie hat.

Doch mit dem Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem flammt auch der Nahostkonflikt wieder auf. Im Gazastreifen eskaliert die Gewalt. Auch in Deutschland häufen sich schon länger antisemitische Übergriffe – wie die, von denen Gil Ofarim bei „Hart aber fair“ berichtete.

"Ich möchte nicht, dass mein Kind Judensau genannt wird"

Vor dem Hintergrund mehrerer antisemitischer Vorfälle bereitet einem jüdischen Grundschullehrer aus Berlin der alltägliche Antisemitismus zunehmend Sorge. "Sich öffentlich als Jude in Großstä...
"Ich möchte nicht, dass mein Kind Judensau genannt wird"

Statt Politikerphrasen: Betroffene berichten

„Wie kann das noch sein: Judenhass in Deutschland ?“, fragte Frank Plasberg seine Runde. Diesmal aber diskutierten nicht Politiker über ein Phänomen, dem anscheinend einfach nicht beizukommen ist, sondern Betroffene und Experten. Das gab der Sendung einen über weite Strecken konstruktiven Dreh.

Keine Alice Weidel von der AfD, die plötzlich ihr Herz für Juden entdeckt, um vor muslimischen Einwanderern zu warnen. Kein CSU-Politiker, der mit schrillen Tönen die absolute Mehrheit in Bayern verteidigen will. Stattdessen Gäste wie Gil Ofarim und die Kommunikationsberaterin Melody Sucharewicz, die – beide in München aufgewachsen – davon erzählten, wie es sich anfühlt, immer wieder am Pranger zu stehen. Vom Gefühl, nicht dazu zu gehören und von dem vermeintlichen Makel Religionszugehörigkeit. „Es gibt keinen Juden, der nicht immer wieder solche Erlebnisse macht“, sagte Sucharewicz.

Gibt es einen arabischen Minderwertigkeitskomplex?

Doch woher kommt Antisemitismus, diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit? Frank Plasberg zitierte eine Umfrage, wonach 40 Prozent der Deutschen der Aussage zustimmten, dass die Politik Israels ein Grund sei, etwas gegen Juden zu haben. Da ist es also wieder, das triefende antisemitische Klischee: Die Juden sind selbst Schuld am Antisemitismus.

Zumindest mit Blick auf den Nahen Osten sagte der ehemalige ZDF-Korrespondent Dietmar Ossenberg, dass es im arabischen Raum einen „Minderwertigkeitskomplex“ gebe. Israel werde für das eigene Scheitern verantwortlich gemacht. „Der Antisemitismus gehört zur Staatsräson“, so der Journalist. Trotzdem, und da ist sich Plasbergs Runde einig, gibt es keine Alternative zur Aussöhnung zwischen Israel und seinen Nachbarn.

Die Verlegung der Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem , die US-Präsident Trump als großen Erfolg ansieht, könnte dem aber im Wege stehen – das glaubt zumindest der Autor und Publizist Uwe-Karsten Heye. „Israel ist an einer Friedensordnung, die Palästina mit einbezieht, nicht interessiert“, sagte Heye. Unterstützung erhielt er von Dietmar Ossenberg, der mit dieser Entscheidung den Friedensprozess „endgültig begraben“ sieht.

Jubel und Wut: US-Botschaft in Jerusalem eröffnet

Jubel auf der einen Seite und Wut und Verzweiflung auf der anderen: Die Einweihung der neuen US-Botschaft in Jerusalem ist von Massenprotesten im Gazastreifen begleitet worden, bei denen Dutzende P...
Jubel und Wut: US-Botschaft in Jerusalem eröffnet

Jerusalem hat Jahrtausende alte jüdische Tradition

Doch diese Argumente ließ Melody Sucharewicz, die schon als Sonderbotschafterin für Israel tätig war, nicht gelten. Schließlich habe jeder souveräne Staat das Recht, seine Hauptstadt frei zu wählen – und Jerusalem habe eine 3000-jährige jüdische Tradition. „Es ist ein Symbol für die Palästinenser: Die Uhr tickt. Es ist der Moment, an den Verhandlungstisch zurück zu kommen“, sagte sie.

Mit jedem Thema, die Moderator Plasberg in den 75 Minuten anriss, hätte man eine ganze Sendung füllen können. 70 Jahre Israel, die Gewalt im Gazastreifen, die antisemitischen Übergriffe in Deutschland, importierten und bestehenden Antisemitismus: Darüber lässt sich trefflich diskutieren.

Doch auch wenn für Tiefe wenig Platz war, zeigte die Sendung doch, dass ein emotionales Thema sachlich – und vor allem ohne Ressentiments – diskutiert werden kann. Oder, wie es die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor ausdrückte: Antisemitismus ist kein Problem der Juden. Es geht uns alle an.

Zur Ausgabe von „Hart aber fair“ in der ARD-Mediathek

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.