ZDF-Serie

So war das Leben am Kudamm im Jahr 1959

An diesem Sonntag wird der Kudamm wieder bundesweit zu sehen sein – in der zweiten Staffel der ZDF-Reihe "Ku'damm 59".

Monika Schöllack (Sonja Gerhardt)

Monika Schöllack (Sonja Gerhardt)

Foto: Tobias Schult / ZDF und Tobias Schult

Sonja Gerhardt ist im April 1989 in Berlin geboren worden. Da war die Mauer schon fast auf dem Weg in die Geschichtsbücher, die sie später in der Schule zu lesen bekam. Und die sie dann nicht besonders interessiert haben – zu trocken, nicht greifbar. Die Teilung Deutschlands und Europas, das, was dem voranging: Es hatte mit dem Leben der jungen Schauspielerin nichts zu tun. Aber Sonja Gerhardt ist Zeitreisende geworden. Ab Sonntag läuft im Fernsehen das Ergebnis ihrer jüngsten Reise: „Ku’damm 59“.

In der Fortsetzung der ZDF-Familiensaga „Ku’damm 56“ rund um die Berliner Tanzschule Schöllack sind die Schwestern Monika (Gerhardt), Helga (Maria Ehrich) und Eva (Emilia Schüle) drei Jahre älter, zwei von ihnen sind verheiratet, eine ist Mutter – allerdings ausgerechnet die Unverheiratete.

Hochschwanger wird Monika von der Mutter an der Haustür abgewiesen. Die Schande schadet dem Geschäft. „Das ist schon extrem, ich möchte das nicht selbst erleben, was Monika mitmachen muss“, sagt Sonja Gerhardt beim Interview in den Berliner Räumen des ZDF. „Auch, dass ihr das Kind weggenommen wird, nur, weil sie keinen Mann an ihrer Seite hat. Man kann sich kaum vorstellen, dass das früher normal war.“

Gerhardt ist „sehr dankbar“, dass sie frühere Zeiten „nachspielen“ kann – wie ja auch in „Deutschland 83“, dessen Fortsetzung im Herbst bei Amazon Video zu sehen ist. Fürs Geschichtsverständnis sei das besser als Schulbücher, findet sie. Eine dritte Staffel „Ku’damm“ würde der Logik nach 1962 spielen. „Da steht ja dann bereits die Mauer“, sagt sie, „ich bin gespannt, was sich die Autorin dazu einfallen lässt.“ Sie werde übrigens bis heute gefragt: „Ost oder West?“, wenn sie sage, sie komme aus Berlin – aber nur von „älteren Leuten“. In ihrer Generation spiele das überhaupt keine Rolle mehr. Für die Älteren: Sie ist in Reinickendorf aufgewachsen.

Als Monika spielt sie die rebellische der Schwestern, die, deren Ventil der Rock ’n’ Roll wird. Gerhardt hat elf Jahre, zu Anfang war sie gerade mal fünf, im Kinderensemble des Friedrichstadt-Palasts getanzt. Tanzen konnte sie also, aber der Rock ’n’ Roll war ihr neu. Anderthalb Monate hat sie sich intensiv vorbereitet. „Ich hatte fast jeden Tag Tanztraining und habe von meiner Tanzlehrerin auch sehr viel über die damalige Zeit erfahren, über den Rock ’n’ Roll, das Lebensgefühl.“

Eintauchen in das Set der 50er-Jahre

In die alte Zeit einzutauchen: Da würden schon Kostümproben helfen, sagt sie. „Dann kommt man ans Set und kann die ganzen detailgetreuen Dinge von früher ansehen. Das ist total spannend.“ Auch wenn sie in Schlafzimmern mit „diesen alten dunklen Riesenklötzen“ (also den Kleiderschränken) nicht wohnen wollte. Die sehr limitierte Rolle der Frauen, die Nachkriegszeit unter traumatisierten und/oder schuldbeladenen Menschen, der weiterhin schwelende Antisemitismus, der Wunsch, den Krieg zu vergessen: Davon erzählen Autorin Annette Hess und Regisseur Sven Bohse auch in den neuen Folgen.

Vieles hat sich seit den 50er-Jahren verändert, aber eine bereits im August gedrehte Szene bekommt durch die „#MeToo“-Debatte aktuelle Brisanz: Monika zieht es ins Filmgeschäft – und ein älterer Regisseur wird sexuell übergriffig. „Das ist für Monika ein dunkler Moment, und für jede Frau, für jeden Menschen, dem so etwas passiert“, sagt Gerhardt. Ihre Empörung ist unüberhörbar. „Sein Verhalten ist ein Unding. Als ich die Szene gespielt habe, fand ich das sehr unangenehm und wollte, dass es ganz schnell vorbeigeht.“ Die Klarheit von heute: Übergriffe sollte niemand ertragen müssen, auch nicht im Verborgenen. Punkt.

Dass Reisen in die Vergangenheit einmal Teil ihres Berufs sein würden, konnte sie weder ahnen noch planen. Dass sie aber Schauspielerin werden wollte, wusste Sonja Gerhardt, solange sie denken kann. „Schon, als die Lehrer in der Grundschule gefragt haben, was wollt ihr denn mal werden, habe ich immer gesagt: Schauspielerin.“ Und die hätten sie dann ausgelacht. Das weiß sie noch. Aber es hat sie nicht daran gehindert zu werden, was sie immer sein wollte.

ZDF So, Mo. und Mi., jeweils 20.15 Uhr

Inhalt

„Ku’damm 59“ führt die Geschichte von Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) und ihren Töchtern im Berlin der 50er-Jahre fort: Monika (Sonja Gerhardt), Helga (Maria Ehrich) und Eva (Emilia Schüle) müssen sich in der starren Gesellschaft der damaligen Zeit zurechtfinden und treten für die weibliche Selbstbestimmung und Sexualität ein. Monika und Freddy (Trystan Pütter) machen im Showbusiness bei Produzent Kurt Moser (Ulrich Noethen) Karriere, Mutter Caterina gibt deren Managerin. Gleichzeitig kämpft Monika als ledige Frau um das Sorgerecht für ihre Tochter Dorli und versucht auch, Joachim (Sabin Tambrea) zurückzugewinnen.

Termine

In der ZDF-Mediathek sind die Folgen „Ku’damm 56“ bereits verfügbar. 56 bezieht sich nicht auf die Hausnummer am Kudamm, sondern auf das Jahr 1956.

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