Einschaltquoten

Warum die Aussagekraft von TV-Quoten fragwürdig ist

Gibt es ein Leben ohne TV-Quoten? Offenbar ja. Doch die aktuelle technische Panne wirft ein Schlaglicht auf ein fragwürdiges System.

Im Fernsehzimmer gilt: Wer die Fernbedienung hat, entscheidet was geguckt wird.

Im Fernsehzimmer gilt: Wer die Fernbedienung hat, entscheidet was geguckt wird.

Foto: Monika Skolimowska / dpa

Berlin.  Wie viele Krimi-Fans schalteten am Sonntag beim schrägen Wiener „Tatort“ ein? Rechtfertigten die Zuschauerzahlen die Live-Übertragung der Handball-EMbis hinein in die „Tagesschau“-Zeit nach 20 Uhr? Und konnte „Young Sheldon“ bei Pro7 wieder über dreieinhalb Millionen „The Big Bang Theorie“-Fans vor den Bildschirm locken? Man weiß es nicht – seit Freitag letzter Woche gab es wegen einer technischen Panne keine TV-Einschaltquoten.

Grund für die quotenlose Zeit, die erst seit Donnerstag nach knapp einer Woche überwunden ist, ist ein Übertragungsproblem zwischen dem verantwortlichen Marktforschungsinstitut GfK und den Haushalten, die mit entsprechenden Messgeräten ausgestattet sind.

Quote gilt als das Maß aller Dinge

Die GfK geht zwar davon aus, dass die Daten vor Ort gespeichert wurden und im Nachhinein abrufbar sein werden – aber vorerst tappen die TV-Macher im Dunkeln, was die Zuschauerresonanz betrifft.

Stellt sich die Frage: Wie aussagekräftig ist die Quote, die ja in der Fernsehbranche als das Maß aller Dinge gilt, wirklich?

Messgeräte in 5000 Haushalten

So funktioniert’s: In rund 5000 deutschen Haushalten sind spezielle Messgeräte der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) installiert, die den TV-Konsum von insgesamt etwa 10.000 Menschen sekundengenau aufzeichnen sollen. Wird der Fernseher eingeschaltet, wird über die Fernbedienung angegeben, welche und wie viele Personen mitschauen.

Allerdings: Wie exakt die Testpersonen wirklich dokumentieren, wer wirklich mitguckt oder zu welchem Zeitpunkt genervt den Raum verlässt, gelangweilt auf dem Sofa wegnickt oder nebenbei auf dem Smartphone daddelt – darüber lässt sich nur spekulieren. Und jeder weiß: Ein laufender Fernseher heißt nicht gleich Interesse am laufenden Programm.

Hochrechnung auf 39 Millionen Haushalte

Über Nacht werden die Daten der 5000 Haushalte ausgewertet – und auf die knapp 39 Millionen TV-Haushalte hochgerechnet. Auch dabei dürfte eine gewisse Fehlerquote einzurechnen sein. Gleichwohl ergibt sich aus dieser Hochrechnung schließlich die Einschaltquote, die unter anderem über die Höhe der Kosten für Werbespots entscheidet.

„Natürlich ist es misslich, wenn wir keine Quoten haben, zumal ja gerade die Handball-EM im Vorabendprogramm gezeigt wird“, heißt es etwa bei der ARD. „Das Preisraster kann also hier nicht bewertet werden.“

Willkürliche Zielgruppe von 14 bis 49 Jahren

Als besonders interessant für Kunden, die Spots schalten, gilt die angeblich besonders werberelevante Gruppe der 14- bis 49-jährigen Zuschauer. Doch auch diese Klassifizierung gilt längst als höchst zweifelhaft.

Der erste Chef des Privatsenders RTL, Helmut Thoma, verriet schon vor Jahren, mit dem von ihm willkürlich eingeführten Gradmesser habe er vor allem den anfangs geringen Zuschaueranteil des Senders künstlich in die Höhe treiben wollen. „Im Prinzip war das eine gewisse Verzweiflungstat. Weil man sonst auch nicht weiter vorankam“, sagte auch der frühere RTL-Vermarktungschef Uli Bellieno einmal dem NDR-Magazin „Zapp“.

Quote vom „Dschungelcamp“ sollte wieder messbar sein

Nichtsdestotrotz: Diese nur sehr bedingt aussagekräftige Erfolgsmessung wird bis heute allgemein akzeptiert – obwohl die bei den öffentlichen-rechtlichen Sendern besonders stark vertretenden Zuschauer ab 50 Jahren keine Berücksichtigung finden. Doch es war nicht die ARD und auch nicht das ZDF, sondern ausgerechnet RTL, wo man die Zielgruppe schon 2013 bis auf 59 Jahre ausweitete.

(mit dpa)