ARD-Krimi

Im „Tatort – Der Fall Holdt" wird Lindholm selbst zum Opfer

Im „Tatort“ mit Kommissarin Charlotte Lindholm wird die Ermittlerin selbst zum Opfer. Aber ihre Arbeit muss trotzdem weitergehen.

„Tatort: Der Fall Holdt“: Chatlotte Lindholm (Maria Furtwängler) erlebt selbst Verstörendes.

„Tatort: Der Fall Holdt“: Chatlotte Lindholm (Maria Furtwängler) erlebt selbst Verstörendes.

Foto: Marion von der Mehden / NDR

Essen.  Es beginnt mit einer emotionalen Achterbahnfahrt. Am Anfang der „Tatort“-Folge „Der Fall Holdt“ tanzt Charlotte Lindholm entrückt bei einem Konzert mit einem jüngeren Mann. Dann verspürt sie ein menschliches Bedürfnis. Doch weil sich vor der Damen-Toilette bereits eine Schlange gebildet hat, tut die selbstbewusste Kommissarin etwas, das Frauen eher selten machen: Sie pinkelt im Freien. Dabei wird sie von mehreren jungen Männern nicht nur beobachtet, sondern auch gefilmt. Als sie versucht, ihnen das Handy zu entreißen, mit dem sie die Aufnahmen gemacht haben, wird sie brutal zusammengeschlagen.

Danach ist nichts mehr so, wie es zuvor war. Aus der kühlen, disziplinierten Kommissarin ist eine höchst unsichere Ermittlerin geworden, die in dem Fall, mit dem sie am nächsten Tag konfrontiert wird, einen Fehler nach dem anderen macht. In der Nähe von Walsrode ist die Frau des Bank-Filialleiters Frank Holdt (Aljoscha Stadelmann) entführt worden.

Furtwängler wurde alles abverlangt

Charlotte Lindholm stolpert übermüdet und mit kaputtem Nervenkostüm durch diesen „Tatort“. Für sie sind die Ermittlungen eine einzige Höllenfahrt. Zu Holdt, der für sie ziemlich schnell der Hauptverdächtige ist, bekommt sie keinen Draht. Nicht besser ist das Verhältnis zu ihrer jungen Kollegin Frauke Schäfer (Susanne Bormann). Die beiden arbeiten mehr gegeneinander.

Für Maria Furtwängler, die Darstellerin der Lindholm, ist dieser Hannover-„Tatort“ eine große Herausforderung. Die Schauspielerin, die sich schon mal problemlos mit einem einzigen Gesichtsausdruck durch eine Folge der Krimi-Reihe schummelt, muss hier ganz andere Register ziehen als sonst. Dass dies gelingt, ist mit Sicherheit auch das Verdienst von Regisseurin Anne Zohra Berrached, die ihrer Hauptdarstellerin bei den Dreharbeiten alles abverlangte. „Ich wollte, dass sie aus sich herausgeht, dass sie so emotional wie möglich wird und an ihre Grenzen kommt“, sagt sie. Um sie herum, seien nur „Antagonisten“. Sie werde „von allen in die Mangel genommen“.

Niemand ist sicher

Berrached hat erstmals bei einem „Tatort“ Regie geführt. Zuletzt sorgte sie mit „24 Wochen“ auf der Berlinale 2016 für Aufsehen. In „Der Fall Holdt“ hat sie selbst die Natur zur Widersacherin ihrer Hauptfigur gemacht. Der „Tatort“ spielt im Wesentlichen in einem düsteren Wald, in dem auch das Haus der Holdts steht. „Der Wald sollte etwas Mystisches, Gefährliches, gleichzeitig aber Wunderschönes haben“, sagt die 35-Jährige. „Er ist so etwas wie eine eigenständige Figur.“

Unter einem eher feministischen Blickwinkel betrachtet Schauspielerin Furtwängler vor allem die Einstiegsszene: Sie zeige, „dass auch eine starke Frau durch so ein Ereignis in die Position der Schwäche geraten kann. Gewalt gegen Frauen ist ein großes Thema.“

Im Fall der Kommissarin kann jedoch Entwarnung gegeben werden. Sie wird ihr Trauma überwinden. Für Charlotte Lindholm hat Furtwängler vor allem einen Wunsch: „Ich gönne ihr in Zukunft mehr Leichtigkeit.“

Fazit: Große Themen in einem beklemmenden und atmosphärischen Krimi.

Sonntag, 30. Juni, ARD, um 20.15 Uhr